02.07.2011 Bonn, Rheinkultur

von Rüdi

 

Aus irgendeinem Grund muss heute jeder früh raus. Claudio kommt aus – ich glaube – USA angereist, Fred und Pensen haben mittags schon ein Konzert in Lingen beim Abifest, ich habe familiäre Verpflichtungen am Bodensee, Timmey und Burger haben auch irgendwas – ich blicke nicht ganz genau durch. Nur so viel ist klar: Dass wir heute Abend alle in Bonn sein werden, weil wir dort auf der Rheinkultur spielen dürfen, zum dritten mal schon und es ist eigentlich schon toll, dort auch nur ein einziges mal zu spielen.

Die Rheinkultur ist ein gigantisch großes und wunderschönes Umsonst und draussen-Festival mit sensationellen Bands, vier verschiedenen Bühnen, unglaublich viel Besuchern und einer idealen Kulisse für solche Großprojekte. Die kleinste Bühne ist die „grüne“, dort haben wir schon tolle Erlebnisse gehabt. Und so steige ich bester Dinge in Allensbach in die Bahn, um nachmittags schon vor Ort zu sein, ein paar alte Freunde zu treffen und Flyer in eigener Sache zu verteilen.

Die Reise dorthin ist ein „Best of Landscape“-Trip durch Germany und als ich in Siegburg den Zug verlasse, denke ich ausnahmsweise: „So schön kann Zug fahren sein!“

Siegburg ist aber noch nicht Bonn.....

Jetzt geht’s los!

„Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!“ grölt der Inhalt der Straßenbahn 66, als ich versuche, mich mit meinem Gepäck noch irgendwie zwischen Tür und Rollstuhl zu klemmen. Die Wagons sind voll wie eine Tokioer U-Bahn zur Stoßzeit und beinhalten offenbar zwei sich rivalisierende Fußballställe, Dortmund und Köln. Keine Ahnung, was hier los ist, zurzeit ist ja eher Frauenfußball das Thema, aber von allen Seiten brüllen mir besoffene Fans mit leuchtenden Augen und schweißiger Stirn ihre Vereinssaufchöre in die Ohren. Vor mir steht ein geschätzt 16-jähriger, der sich an seiner Freundin festhält, beziehungsweise an der 2 Liter Magnum Sangria Flasche mit praktischem Schraubverschluss in seiner anderen Hand. Die beiden üben ab und zu Knutschen und ich habe ernsthaft Angst, daß er dem armen Mädchen in den Mund reiert. Kein abwegiger Gedanke, denn der Boden ist bereits derart mit Mageninhalt eingeschmiert, daß akute Rutschgefahr bestünde, wenn der Zug auch nur ein wenig leerer wäre. Die einzig nüchternen hier sind der Rollstuhlfahrer, sein Begleiter und ich.
Leider wechseln die beiden aus taktischen Gründen bei der ersten Haltestation den Standort und werden ausgetauscht durch ein paar Halbwüchsige, die in den Wagon drängen, weil ihr Wagen schon komplett vollgekotzt ist. „Oleoleoleole!!!“ singen sie. Ich versuche mit Fred zu telefonieren, verstehe aber kein Wort.
„Ich ruf gleich noch mal an!“ – brülle ich ins Telefon.

„Entschuldige bitte....“ stupse ich meinen Nachbarn mit der großen Sangriaflasche und der kleinen Freundin an, wohl wissend, daß ich höchstwahrscheinlich mit meinem Ansinnen scheitern werde.
„Wo muss ich denn aussteigen, wenn ich zum Beueler Bahnhof will“
Der Junge weiß nicht so recht, zu welcher Fußballmannschaft ich gehöre und beschließt erst mal, mich feindselig anzuschauen. Seine Stirn wirft beinahe so was wie Denkfalten, während er versucht, die ungewohnte Situation einzuorten und gerade als er fast etwas sagen will, wird im Kölner Block ein neues Lied angestimmt und er erliegt seinen Primärreizen: „Humbahumbahumba Täterä Täterä!“

Ich bekomme langsam Angst, daß die alle zur Rheinkultur wollen. Ich will zu meiner Band!
Aber vor allem: Ich will hier raus.

Die Erlösung heißt Konrad Adenauer Platz, wie ich dann doch noch von einer jungen Dame erfahre. Dummerweise ist der Ausstieg jetzt auf der gegenüberliegenden Seite und von den ach so lustigen Hymnesängern ist wohl kaum zu erwarten, daß da einer dem anderen bei irgendwas hilft. Also presse ich mich mit meinem Gepäck einfach durch den Wagen, werde dabei aus stumpf gesoffenen Augen angeglotzt und erreiche in letzter Sekunde endlich die frische Luft. Leider betrete ich dabei wohl ein Funkloch, denn sowohl Pensen als auch Fred, die jetzt gerade am Beueler Bahnhof ankommen sind plötzlich unerreichbar. Meine Nerven liegen blank.

Wo ist dieses scheiß Hotel! Ich will zu meiner Band!

Eine halbe Stunde später sitze ich endlich mit Fred zusammen vor dem Hotel, das in Wahrheit furchtbar nett ist, wir hören laute Karnevalsmusik von einem Straßenfest und atmen ein paar Auspuffgase ein von einem THW Laster, der gerade neben unserem Tisch parkt. Dazu trinken wir Wiskey-Cola bis sich meine Nerven wieder ein wenig beruhigt haben.

Ich war ja schließlich auch mal 16 und betrunken.

Rheinkultur, wir kommen!

Das Gelände ist einfach riesig. Das fällt einem besonders auf, wenn man einen schweren Gitarrenkoffer durch die Menge lancieren muss. Wir treffen ein paar nette Fans, die mir beim Flyerverteilen behilflich sind, es riecht nach Crepes, Currywürsten und Pizza, auf den großen Bühnen spielen Bands, die Unmengen von Leuten angelockt haben und ganz am Ende des Geländes finden wir unsere geliebte grüne Bühne wieder.
Die Band ist bereits komplett da, irgendwie haben es wieder mal alle geschafft und in eineinhalb Stunden geht es auch schon los. Also keine Zeit mehr für meine zahlreichen Verabredungen.

Ankommen, die Zeit genießen und ab und zu mal einen Blick durch den Zaun werfen, Setliste absegnen, Blick durch den Zaun, Brötchen, Gitarre stimmen, Blick durch den Zaun und so weiter.
Jeder Blick durch den Zaun lohnt sich. Das Gelände vor der Bühne sieht nämlich ziemlich toll aus, vor allem der Hügel, der sich langsam immer mehr mit Menschen füllt. Herrlich! Und das Wetter wird halten! Es wird wieder wunderschön werden!
Selbst die Sonne hält ihr Versprechen und geht pünktlich zu unserer Showtime unter.

Weg ist sie – Showtime.

Was haben wir nur für ein Glück!
Daß wir so tolle Fans haben, die uns sogar schon zum Soundcheck bejubeln, weil sie wissen, daß wir das lustig finden.
Daß wir uns selbst vor Tausenden noch so unbekümmert fühlen dürfen, als gäben wir gerade ein Wohnzimmerkonzert.
Daß wir Fehler machen dürfen, ohne daß es gleich heißt: Heute wart ihr aber.......
Daß jeder sein Handy dabei hat,
daß der Hügel ausschließlich aus gutgelaunten Sängern besteht,
daß wir den größten Pogo ever erleben dürfen,
mit Klopapier und Kuscheltieren beworfen werden und daß wir das alles erleben dürfen in der Gewissheit, daß wir alle wissen, wir und ihr und Veranstalter und überhaupt.....
daß wir alle wissen, daß das ein riesengroßer Spaß ist, den wir uns gegenseitig antun.

Danke für dieses immer wieder aufleuchtende Grundgefühl bei unseren Auftritten. Wir werden uns lange an das Meer von winkenden Handys erinnern und an die lauten Chöre, selbst hinten vom Pogohügel, den wir bis auf die Bühne hören können und das muss man erst mal schaffen! Mit Euch geht das!

Die Bonner Rheinkultur ist einfach ein phantastisch gutes Festival, wegen euch, wegen der Veranstalter und allem Drumherum und darum nehmen wir auch gerne in Kauf, wenn plötzlich abrupt Schluss ist mit dem Spaß. Wir haben uns leicht verschätzt und das Ende ist vollkommen überraschend. Aber mit keiner Silbe möchten wir unsere Zeit überziehen, wenn wir damit dieses Festival in Not bringen könnten.

Wir möchten uns nur verneigen und „Danke“ sagen.

DAAAANNNKEEEEE!!!!!!!





PS:

Ach übrigens, wo ich die Flyer schon erwähnte:
Am kommenden Donnertag, dem 7.7. findet im Pantheon der 5. Liedermacher-Sommer statt.
Ich bin mit meinem Duo-Partner Sven Panne mit am Start, außerdem „Simon und Jan“. Wir freuen uns wie Bolle und hoffen, daß da auch wieder was geht mit euch!


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