18.07.2010 Cuxhaven, Deichbrand
von Rüdi
Vielleicht muss ich das doch noch klarstellen, nachdem tatsächlich die ersten Fragen auftauchen. Vielleicht habe ich mich beim gestrigen Bericht ein bisschen zu verschroben ausgedrückt: Nein, mir geht’s gut, mir gings die ganze Zeit gut und gestern erst recht. Die Exkremente, von denen ich sprach, waren sämtlichst künstlicher Natur. Sie wurden mir von den bösebösen GWAR-Monstern beigebracht, aber auch da war ich nie wirklich in Gefahr. Denn in Wahrheit brüllen die GWAR Monster zwar rum wie der Terrier meines Nachbarn, aber wenn man sie streicheln will, sind sie genau so lieb.
Doch wo wir grade bei den Bands von gestern sind: Heute werde ich „Skindred“ sehen. Nachdem im Bus auf der Fahrt zum Deichbrand schon wieder Zunge schnalzend von dieser Band geschwärmt wird, werde ich ganz sicher heute Abend 18 Uhr meine Wissenslücke schließen.
Um 19 Uhr sitze ich im Backstagezelt und bin genau so geflasht wie es die anderen Monsters gestern waren. Ich versuche mich gerade von meinem AHA!-Erlebnis zu erholen und schau ein bisschen Fred beim Videoschnippeln zu, da öffnet sich die Zeltplane und der Sänger der eben gehörten Band kommt rein, setzt sich zu uns, klönt ein bisschen von seinen Studioplänen und Off-Tagen und dass man, wenn man wieder mal zufällig in Europa wäre, doch vielleicht ein Bier zusammen trinken müsste. Ich bin uncool genug, um zu geniessen, dass der Mann, der eben als Hohepriester des Rock Tausenden ein Messe gelesen hat, hier neben mir sitzt und mit uns Zukunftspläne schmiedet und sei es nur ein gemeinsames Bier. Geiler Typ, geile Band!
Von wegen uncool: Es lässt mich nicht mal kalt, dass der Klamottenschrank von Jan Delay – dieser coolen Sau – keine zehn Meter von unserem Zelt steht. Oder dass zum Beispiel die Jungs von Tocotronic keine Papierknäuelwurfweite entfernt ihre coolen Talks abhalten. Ich komme mir dann manchmal vor wie eine Fehlbesetzung in einem falschen Film. Ich geniesse es durchaus, aber ich darf das eigentlich nur, weil ich eben uncool bin.
Für coole Jungs wäre es ganz selbstverständlich, dass , wenn sie zu ihrem Soundcheck kommen, bereits eine handvoll Fans vor dem Einlass steht, um sich die guten Plätze zu sichern, auch wenn im Hintergrund grade Jan Delay und Disko Nr.1 spielt. Aber ich verstehe in solchen Momenten nun mal die Welt nicht mehr. Es ist übrigens wunderschön, uncool zu sein – nur mal so als kleiner Tipp.
Das mit den Fans vor der Tür ist echt kein Witz! Da stehen wirklich Leute und wollen uns beim Soundchecken Gesellschaft leisten. Also sagen wir den Securities, dass sie die Türen ruhig öffnen können und albern ein bisschen mit den Zuhörern rum, wenn wir nicht gerade „Test......Test“ ins Mikro sprechen.
Bei dieser Gelegenheit kommt raus, dass mein Gitarrenkabel kaputt ist. Prompt wird mir vom freundlichen Bühnentechniker ausgeholfen und zwar mit einem Gitarrenkabel, das am Vortag von der letzten Band liegen geblieben ist. Liebe letzte Band vom Samstagabend auf dem Deichbrand!! Ich kenne euch nicht, aber ich habe jetzt euer Gitarrenkabel! Darf ich das behalten und benutzen bis ihr euch meldet?? Danke!!
Irgendwann – oder besser gesagt pünktlich auf die Minute – ist es dann so weit. Jan Delay und Disko Nr.1 spielen den letzten Ton und damit ist für viele dieses großartige Festival beendet, die Bühnentechniker und Helfer auf den großen Bühnen können endlich ihr Feierabendbier zischen.
Doch hinten im Festzelt entwickelt sich eine konspirative Rudelbildung, denn hier geht die Sause erst richtig los.
Was soll ich sagen....
Waren wir gestern geflasht davon, wie munter ein Publikum in den Morgenstunden zu Werke gehen kann, so dürfen wir jetzt erleben, wozu so eine Festivalcrowd in der Lage ist, nachdem es Stunden und Tage mit Musik, Kultur und Alkohol konfrontiert wurde. Von der ersten Minute an ist klar, dass hier jetzt eigentlich nur noch gefeiert werden muss. Und es wird eine wunderschöne Feier unter dem Motto: Alle machen mit!
Und ich meine wirklich alle:
Natürlich müssen wir bei so einem Konzert nicht jedes Mal das Rad neu erfinden. Natürlich laufen viele Sachen bei uns auf der Bühne mittlerweile auch routinemäßig ab, wie auch sonst nach über 300 Konzerten. Aber trotzdem gibt es bei so gut wie jedem Konzert so was wie – ich nenne es mal: Lieblingsmomente.
Für einen Lieblingsmoment sorgen diesmal die Securities, die sich von der friedlichen Energie dieser Feier anstecken lassen und sich an all dem Gehopse und Mitgesinge einfach beteiligen. Allerdings ohne dabei ihren Job zu vergessen. Allen Crowdsurfern wird rücksichtsvoll über die Absperrung geholfen und wenn beispielsweise ich auf einer Bassbox rumzappel, ist sofort jemand zur Stelle und passt auf, dass ich nicht runterfalle. Aber wenn in der Zwischenzeit wird eben mitgehopst. Großartiger Lieblingsmoment.
Auch die vielen Tafeln, die hochgehalten werden, sind neu. Da können wir aber nur die Vorderseite lesen, darauf steht „Ficken“ – leider nur ein Firmenname – die beschrifteten Rückseiten sind dagegen von der Bühne aus nicht zu entziffern.
Bei „Türen“ können wir noch mal ausprobieren, was wir gestern beim Serengeti gelernt haben: Die nach oben geöffnete Schwingdrehtür. Auch die sorgt heute wieder für einen Lieblingsmoment, ebenso wie die Nebelmaschine, die während „4 Meter“ das Zelt derart unter Dampf setzt, dass man für die folgenden Lieder nichts mehr sehen kann. Auch hier dürfen wir uns bei dem zuständigen Lichttechniker bedanken, dass er den Überblick behalten hat. Hätte er nämlich wirklich jedes Mal reagiert, wenn wir begeistert „Nebelmaschine“ gebrüllt haben, wäre der ganze Rest des Konzerts unsichtbar geblieben.
Es gibt ein Geburtstagskind zu feiern und weil er zur Crew gehört, machen wir das doppelt gerne.
Bei „Moti“ erklärt uns Börnski den Unterschied zwischen einer Piss-tole und einer Peace-tole, ich bin derart Fan von dieser Idee, dass ich auch diese Ansage in meiner Lieblingsmomenteliste aufnehme.
Es ist überhaupt ein wunderschöner Abschluss für dieses lange Festivalwochenende. Wir haben so viel erlebt und sind so dankbar, wo wir mittlerweile überall sein dürfen.
Trotzdem packen wir im direkten Anschluß an das Konzert unseren Bus, denn es steht noch ein Ritt nach Hamburg bevor. Börnski zum Beispiel muss morgen wirklich zur Arbeit, der erzählt das nicht nur zur Show und auch das ein und andere Monster hat Dinge zuhause zu erledigen.
Also lassen wir uns von unserem Stagemanager Manuel zum Geländeausgang bugsieren, wo wir noch kurz unseren Otto im Gästebuch hinterlassen. Und dann macht uns Manuel ein Kompliment, das ich für mich behalten möchte, aber das einfach nur wunderschön ist und uns mit einem guten Gefühl nach Hause fahren lässt.
Auch wir sagen: Liebes Deichbrand, immer gerne wieder!
Zu den Fotos >>Zum Podcast >>
Zurück zur Übersicht >>