10.07.2010 Duisburg, Park Kult Tour
von Rüdi
Zurzeit läuft nachts auf ntv eine Reportage über Bekloppte, die versuchen, mit möglichst wenig Wasser im Gepäck zu Fuß die heißeste Wüste des Erdballs zu durchqueren. Damit lull ich mich regelmäßig in Schlaf, über der Frage grübelnd: Wie blöd muss man sein.
Seit ein paar Tagen steigt mein Unverständnis weiter an.
Die Reise von Neusitz nach Duisburg beträgt rund 450 km, ist alle paar Kurven von Tanken und Rastplätzen flankiert, da gibt es Wasser, Eis und Schatten und trotzdem fühle ich mich wie ein schwitzgeschwemmter Jammerlappen und als wir am frühen Abend auf dem Parkgelände in Duisburg ankommen, kommt es mir vor als hätte ich gerade zu Fuß die heißeste Wüste der Welt durchquert.
Es ist ernsthaft schier unerträglich und selbst so der Sonne wohl gesonnene Monsters wie Pensen stöhnen heute bei 38 Grad im Schatten und hier gibt es wenig Schatten.
Wir waren vor zwei Jahren schon mal im „Parkhaus“, haben hier Teile der „Sitzpogo“ aufgenommen und der Club ist uns sehr angenehm in Erinnerung.
Da wo wir damals ein bisschen gekickt haben, um uns aufzuwärmen, ist jetzt eine große Bühne aufgebaut, drumrum einige Stände, die aber auch nicht viel Schatten werfen und Biertische. Auf der Wiese tümmeln sich die Festivalbesucher, aber eigentlich ist der Begriff „abhängen“ besser gewählt, tümmeln kann man sich nicht bei diesen Temperaturen, es sei denn man ist von einem anderen Stern.
Doch in der Zwischenzeit muss irgendwo heimlich ein Ufo gelandet sein und die Besucher vom anderen Stern abgeladen haben. Der erste begegnet mir hinter der Bühne, freundlich grüßend, aber ich merke natürlich sofort, dass er anders ist. Er ist in dickes Marsmammutleder gekleidet, hat an den unpraktischsten Stellen Tücher an sich hängen und eine unglaublich blonde Riesenmäne.
Im Monsters-Kosmos kommen solche Wesen eher selten vor, es muss sich wohl um eine außergalaktische Spezies handeln. Der Typ, der sich zu Tarnzwecken irdisch Hannes nennt, ist aber eigentlich der Sänger der Metall-Band „Kissin´ Dynamite“, die jetzt die Bühne betritt und lustigerweise das gleiche Intro benutzt wie wir auf der letzten Tour: „Also sprach Zarathustra“. Am Ende geht bei denen allerdings nicht eine 220V-Funzel an, wie bei uns, sondern die Band kommt seitlich aus dem Bühnenrand gesprungen und das ist der Auftakt zu einer Lehrstunde des Rockposing, die ich mir dann auch prompt in voller Länge gebe.
Zuerst das Nachteilige: Man muss im oder für das Metall-Universum geboren sein, um richtig drauf abzufahren und das bin ich nicht.
Der Vorteil: Mich beeindruckt es. Ich bin von all dem Gitarrenheldengetue und dem Posing, der Akrobatik, den Klamotten und unfassbaren Schreieinlagen derart beeindruckt, dass ich mich ein bisschen wundere, dass ich mich gleich danach auf die Bühne trauen werde. Und in jeder Minute der Show denke ich: Geht doch eigentlich nicht bei dieser Hitze.
Als ich nach dem Konzert ganz kurz mit Hannes plaudern will, um vielleicht hinter ein Geheimnis zu kommen, wie man in fremden Galaxien die Hitze überlistet, lerne ich einen sehr höflichen jungen Mann kennen, der zugibt, während der Show ein paar mal schier gekotzt zu haben vor Hitze. Ich biete ihm eine Zigarette an aber er lehnt höflich ab. Und wie ich so denke: „Logisch, so einer muss sich wahrscheinlich fit halten...“ geht er backstage und kommt mit einer Flasche Whiskey zurück, die er sich erst mal an den Hals setzt.
Das ist es, was ich meine: Klischee, aber eben gut gemacht. Ich bin durchaus beeindruckt.
Mögen sich die Kosmonauten unserer Galaxien ruhig häufiger begegnen.
Umbaupause
Die Monsters of Liedermaching sind heute als Headliner angekündigt. Das ist zwar einerseits toll, auf der anderen Seite steht man aber auch ein bisschen in der Verantwortung. Das Park Kult Tour – Festival ist eines der wenigen Rockfestivals, die tatsächlich noch eintrittsfrei sind. Solche Festivals müssen von Einnahmen aus Getränken und Essen überleben, das heißt, es müssen genug Leute kommen, sonst geht es schief.
Wie wir uns so auf der Bühne einrichten und ich meinen Blick übers Gelände schweifen lasse, denke ich mir: „Hoffentlich reicht das.“
Bernd, der sage ich mal der Chef des Festivals ist, strahlt zwar gute Stimmung aus, genau wie sein ganzes Team, aber sicher wären ihm ein paar Besucher mehr schon recht gewesen. Natürlich ist die Konkurrenz groß: Nebenan läuft parallel zu uns das kleine WM-Finale Deutschland – Uruguay und jeder gottverdammte Baggersee verfügt heute über eine schier unwiderstehliche Anziehungskraft. So gesehen, sieht es auch wieder ganz gut aus. Wir hoffen nur, dass Bernd und seine Leute auch zufrieden sind.
Unser Konzert beginnt ein bisschen holprig, aber es nimmt dann an Fahrt auf. Es ist sehr schwer, diesen Auftritt von uns zu beschreiben und zu beurteilen, da die Umstände einfach außergewöhnlich sind.
Die meisten Menschen auf dem Feld brüten seit Stunden vor sich hin. Sie haben keinen Backstage, um sich mal zu erholen. Sie haben keine Freigetränke. Sie haben im Zweifel auch nicht mehrere Garnituren T-Shirts dabei. Ich selbst würde unter solchen Umständen keinen Finger mehr rühren, geschweige denn mein Hirn anstrengen. So gesehen ist es schon sehr verwunderlich, zu wie viel Action das Publikum bereit ist. Da werden Arme geschwungen, Saloontüren imitiert, es wird gehüpft, gejohlt, gesungen – dass selbst die Sonne klein beigibt und sich verzieht. Trotzdem bewegen sich alle eigentlich am Limit.
Wir können uns nur bedanken. Es ist ein bisschen wie ein gegenseitiges auf die Beine helfen.
Im Zugabenteil erfüllen wir noch einige Publikumswünsche, so dass er deutlich länger wird als geplant und dann stolpern wir von der Bühne.
Wir schauen kurz bei Timmy vorbei, der seit drei Stunden ohne ein Getränk am Merchstand vor sich hin darbt und wundern uns ein bisschen, dass er immer noch freundlich ist. Danach genießen wir ein paar Getränke lang die Atmosphäre des ausklingenden Festes und sitzen mit Pensens Bruder zusammen, essen wohltuende Salate, schlürfen unsere Drinks.
Dann schlürfen wir zum Bus, bedanken uns bei einem Bruchteil derer, die es verdient hätten und warten, dass der Wetterbericht endlich recht hat und es regnen lässt.
Ich werde von unserem tapferen und nie stöhnenden Urs im Bandbus noch kurz im Hotel vorbeigefahren, wobei wir aus 6 Kilometern 50 machen, weil es in Duisburg mehrere Straßen gleichen Namens gibt.
Die anderen müssen leider direkt weiter nach Hamburg und Hannover und Bad Gandersheim, doch im Hotel begegne ich Hannes, der grade ein Tablett voller Gläser organisiert und mit seiner Band wahrscheinlich noch ein wildes Trinkgelage veranstaltet, Hühnern die Köpfe abbeißt und mit Guns ´n ´Roses telefoniert.
Und um 1.53 Uhr regnet es.
Für eine ganze Minute.
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