09.01.2010 Erfurt, Liedermacherfestival
von Claudio
Hamburg, der 09.01.2010. Der Wecker klingelt. Mit verkniffenen Augen greift Claudio ins Dunkel, wo er sein Telefon vermutet. Nach zwei verfehlten Versuchen schnappt er sich den Störenfried und fragt sich nach dem Grund dieser Unverschämtheit, schließlich ist heute Samstag und Norman ist auch erst um 3 Uhr weggegangen. Das Telefon, das auch als Wecker fungiert zeigt „08.30 Monsters“. Da fällt es ihm ein. Heute: Monsters in Erfurt! Daisy hat sich auch angekündigt. Er guckt aus dem Fenster der Küche, wo der Kaffee schon durch die Maschine läuft. Es schneit nicht mehr. Es liegt zwar Schnee, allerdings nicht wesentlich mehr als in den Tagen zuvor. Schnell unter die Dusche und dann erst Kaffee, denkt er sich und befolgt diesen Plan.
Bad Gandersheim, der 09.01.2010, 08.30 Uhr. Burger schaut durch das Küchenfenster nach draußen. Es ist weiß. Es ist sogar sehr weiß, obwohl es noch nicht einmal richtig hell ist. Es ist sogar so weiß , daß man nicht einmal erkennen kann, wo die Schneeflocken aufhören und die Schneedecke anfängt. Er zieht sich seine Snowboardklammotten an und geht vor die Tür. Er nimmt den Hund mit, der muss schließlich auch mal Gassi. Der versinkt jedoch nach 2 Metern soweit im Schnee, dass nur noch der Kopf und der Schwanz rausgucken. Burger stapft über den Hof zur Straße. Nichts ist hier geräumt, denkt er. Wird wohl auch erstmal keiner machen. Wenn das hier so weitergeht, dann Gute Nacht! Zum Glück haben wir das Notstromaggregat schon in den Keller gebracht.
Hamburg/ Klein Flottbek, der 09.01.2010, 08.45 Uhr. Fred hat seinen ersten Kaffee schon getrunken und bringt die letzten Gitarren in den Mietbus. Totte ist schon seit gestern in Erfurt und hat als Moderator bei dem Newcomerabend des Liedermacher-Festivals vermutlich brilliert. Fred kommt zurück ins Haus, und hört schon entfernt im Wohnzimmer das Telefon klingeln. Er erreicht es noch rechtzeitig und auf der anderen Seite der Leitung meldet sich Burger: „ Hier ist Landunter, keine Ahnung , ob ich hier überhaupt wegkomme.“ Fred guckt nach draußen. „ Also hier ist alles gut! Wir fahren erstmal los und gucken dann mal wie weit wir kommen.“
A7, 11.15 Uhr. Fred Timms Telefon klingelt. Auf dem Display steht „Totte“. Claudio geht ran, denn Fred fährt.
„Hi Totte, hier ist Claudio.“
„Hi Claudio, ich wollt nur mal hören, wie´s bei euch aussieht.“
„Also hier ist bisher alles gar kein Problem. Sind jetzt so 30 Kilometer vor Hannover und kommen gut durch. Es sind so gut wie keine Autos unterwegs. Die halten sich alle an die Warnung, nicht mit dem Auto zu fahren. Allerdings soll hinter Hannover auf dem Weg zu Burger und Pensen eine Vollsperrung wegen eines querstehenden LKWs sein. Weiß auch nich, die im Radio sagen nichts genaueres aber wir bleiben am Ball. Wie wars denn gestern bei Dir?“
„Oh Mann, frag nicht. Ich hab keine Ahnung, wie ich den heutigen Tag überstehen soll... .“
Claudio schafft es nicht, sich ein Lächeln zu verkneifen. „Na, dann penn noch mal ein bisschen. Wir halten Dich auf dem Laufenden.“
Nach einer kleinen Kaffeepause mit Brötchen in Hannover-Wülferode geht es dann etwas langsamer voran. Von einer Vollsperrung sprechen die im Radio nicht mehr, aber es hat wieder zu schneien begonnen und ab und an wird der Bus von Sturmböen zum Schaukeln gebracht. Fred hat das Ruder aber fest in der Hand und steuert zielsicher den Treffpunkt in Form eines Parkplatzes an. Der ist so gut wie leergefegt. Abgesehen von dem Schnee, der sich hier sehr breit gemacht hat und einem LKW, der vergebens versucht rückwärts aus seiner Parkbucht zu kommen. Pensen wird hier von Timmey vorbeigefahren und Burger kommt mit seinem Golf hierhin. Doch erst einmal passiert nichts. Nach etwa einer Viertelstunde kommt Burger auf den Parkplatz gefahren. Er dreht eine Runde über den Parkplatz und dann noch eine. Allgemeines Schmunzeln macht sich in dem Bus breit. Parkplätze gibt es zwar en masse, aber keinen, der nicht von mindestens 30 cm Schnee bedeckt ist. Als er sich dann für den Parkplatz mit den größten Chancen auf Wiederbefreiung entschieden hatte, kommt er zum Bus. Er berichtet von seiner Fahrt und von der Schneeverwehung, die sich mannshoch auf der Landstraße aufgebaut hatte. 'Keine Chance' hatte er da gedacht, bis hinter ihm ein Schneepflug ankam. Das ist Timing! Er lässt freundlich und ganz uneigennützig, wie er ist den Schneepflug den Vorrang und fährt bedächtig aber sicher zum Ziel. Jetzt fehlt bloss noch Pensen. Der ruft nach weiteren fünf Minuten an und sagt, dass er glaubt, dass sie den Parkplatz verpasst hätten. „Also in der Gegenrichtung steht ein LKW quer und ganz viele Äpfel liegen da rum. Dahinter ist Stau. Dann fahren wir die nächste Abfahrt ab. Da ist so´n Autohof mit Burger King.“
Gesagt, getan! Sie fahren an dem LKW vorbei und es sind tatsächlich sehr viele Äpfel und ein Haufen Feuerwehrleute, die nicht zu wissen scheinen, was sie mit diesem Haufen Äpfeln anstellen sollen.
Timmey, der blöderweise den Parkplatz verpasst hat und deshalb eine Ausfahrt zu weit gefahren ist, muss auf dem Rückweg eigentlich auf die Seite der Autobahn mit den Äpfeln. Scheint noch eine lange Fahrt zu werden. Sie wünschen ihm eine gute Reise und setzen ihre eigene nach Erfurt fort.
Es werden Geschichten über Weihnachten, Silvester und kurzen Reisen, nach Sylt, Dänemark und in die tschechische Republik erzählt. Bis sie dann nach acht Stunden Autofahrt sicher aber kaputt in ihrer Erfurter Unterkunft „Deutsches Haus“ ankommen.
Weg von der Geschichte! Rein in die Wirklichkeit!
Wir kommen um 17 Uhr in Erfurt an und das ohne Navi! Burger führt mich zielsicher zum Deuschen Haus, wo uns Totte erwartet. Hier sind alle Künstler des Wochenendes in einem grossen Appartment untergebracht. Wir begrüssen Norman Schuh, sowie Thilo von Kalter Kaffee und Eva, seine Freundin. Um 18 Uhr ist Soundcheck, deshalb fahren wir zum Gewerkschaftshaus, wo das heutige Liedermacher-Festival stattfindet und wir Rüdi herzlich empfangen! Schon bei der Begrüßung merke ich, dass der Abend bestimmt sehr nett und lustig wird. Alle sind wirklich sehr freundlich und offen. Die Techniker des Hauses professionell und zuvorkommend. So geht der Soundcheck schnell von der Hand und der angenehme Teil des Abends kann beginnen.
Der rechteckige Raum der mit seinen Stuhlreihen etwas kalt und bieder wirkt, so als würde gleich der Gewerkschaftsboss eine Rede halten, füllt sich aber recht rasch mit Leuten und hellt so die Atmosphäre auf. Spätestens als Bruno Kolterer, der der heutige Moderator ist, seine Einleitung vorträgt, wird’s spannend. Ich komme ja eigentlich eher aus der Rock-Ecke. Habe früher viel Punk, Hardcore und Metal gehört und bin erst durch meinen Beruf als Tontechniker offen geworden für jegliche Musikstile, denn letztendlich kann alles gefallen, was gut gemacht ist. Was die Liedermacherszene angeht, kenne ich die Monsters (das sind ja schonmal 6) und diejenigen , die ich über die Monsters kennengelernt habe, wie Götz Widmann, den Weiherer und Kriss Cologne. Das ist ja nun nicht so viel. Ein Liedermacherfestival also genau das richtige, um meinen Horizont zu erweitern.
Kalter Kaffe sind zuerst dran und bringen mich schon einmal sehr zum Lachen. Bundeswehr im Gummibärchengewand, die USA als Ritter des Rechts und die Erklärung der gescheiterten Existenz. Der Nächste ist Michi Dietmayr aus München. Wer jetzt noch Vorurteile über Bayern haben sollte, wird sie schnell los, denn der Münchner rockt tierisch, so dass seine Gitarre manchmal ausfällt und hat so einiges über die Beziehung zu seiner Frau zu sagen.
Vicky Vomit, der Initiator des Festivals, ließ es sich bei seinem zehnjährigem Jubiläum nicht nehmen, auch selbst mal die Bühne zu besteigen. Auch er ist für mich neu. Ich kenne ihn zwar aus Erzählungen von gemeinsamen Touren mit Totte, habe ihn allerdings noch nie live gesehen. Sonst wohl eher mit seiner Rockband unterwegs, schafft er aber auch die leiseren Töne und bringt mit seinen Songs und Ansagen die Leute zum Lachen.
Dann folgt eine kurze Pause, die dem doch recht zahlreich erschienenem Publikum die Möglichkeit gibt, neue Getränke zu holen, sie wegzubringen und zu rauchen. Auf der Bühne wird etwas umgebaut und schließlich kommt Bruno auf die Bühne, um einen weiteren Song vorzutragen und Nils Heinrich auf die Bühne zu bitten. Nils Heinrich begeistert durch seinen intelligenten Witz und seine etwas unbeteiligt wirkende Art. Auch sein Randgruppen-Rap kommt gut an. Randgruppe gefunden!
Dann sind die Monsters am Start. Die kenne ich ja schon. Also nichts Neues. Was war denn da noch ma los? Ich erinnere mich an die längste Moti-Story aller Zeiten. Eine Stunde etwa rocken die Jungs das (Gewekschafts-)Haus, bis sie durch „Ooooooooooho Monsters“- Rufe zur Zugabe gebeten werden. Dann noch etwa ein halbe Stunde Programm, bis sich alle Musiker des Abends auf der Bühne einfinden,um sich noch einmal einen letzten herzlichen Applaus abzuholen und zusammen mit den Monsters „Algerien“ unplugged zu singen. Das Publikum zeigt Disziplin und Gehirn, denn es wird leise und geht gleichzeitig gut ab. Aufgabe bestanden!
Anschließend sitzen wir noch mit allen in der etwa 13 Quadratmeter großen Räucherhöhle aka Backstageraum, schnacken und tauschen CD´s aus. Insgesamt ein schöner, lustiger und freundlicher Abend hier in Erfurt. Inzwischen ist es schon knapp 2 Uhr und ich dränge ein wenig auf den Aufbruch, schließlich kann man ja in dem Künstlerapartment weiter feiern. Fred und ich allerdings nicht, denn wir müssen am nächsten Morgen früh den Bus fahren, da Fred ein sein traditionelles Neujahrs-Opern-Date mit seinen Eltern hat.
Im Appartment angekommen, wird noch die Klampfe ausgepackt und ich höre aus dem Wohnzimmer jeden noch mindestens einmal spielen. Ich teile mir mit Labinski, Totte und Pensen ein Zimmer. Irgenwie schaffen wir es nicht, die Klappe zu halten. Wir wollen ja schlafen, aber irgendwie haben die Schullandheimähnlichen Hochbetten eine alberne Auswirkung auf uns. Wie auf Klassenfahrt. Eine Zeit lang war es still, bis wieder einer anfing, etwas absurdes zu erzählen. Totte gab die perfekte Definition des Unbewusstseins und des Unterbewusstseins und dass beides eigentlich das gleiche meint. Zumindest wenn ich ihn richtig verstanden habe. War ja schon spät. Dann hat Labinski eine Geschichte erzählt. Sowas mit Vampiren und dass Totte und ich beim Flugversuch auf dem Boden aufklatschten, aber sich jede einzelne Zelle wieder an der richtigen Stelle positionierte und wir als „normale“ Vampire weiter-„leben“ konnten. Pensen machte dem ganzen irgendwann mit einer ???-Folge ein Ende, mit der ich endlich einschlief.
Erfurt, der 10.01.2010, 08.30 Uhr. Der Wecker klingelt. Mit verkniffenen Augen greift Claudio ins Dunkel, wo er sein Telefon vermutet. Nach zwei verfehlten Versuchen schnappt er sich den Störenfried und fragt sich nach dem Grund dieser Unverschämtheit, schließlich ist heute Sonntag und … ach ja ich verstehe schon, erinnert er sich und steht auf. Ein guter Trick zum wach werden ist, bei der Abwesenheit von Kaffee, sich ordentlich Schnee ins Gesicht zu drücken. Hilft!
Achso, noch etwas neues: Winter heißt ab jetzt Schneechaos! Merken!
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