20.06.2010 Göttingen, Exil
von Totte
Das Aufwachen heute ist nicht ansatzweise so schmerzhaft, wie ich es erwartet hätte. Der Kopf fast frei, nur so ein Ziehen im Brustbereich. Was sich liest wie ein Kapitelanfang aus dem Zauberberg, soll Introduktion in den neuesten Rockenrollbericht der Monsters sein – so ändern sich die Zeiten. Die Adoleszenz nur noch geistig vorhanden, die Körper längst in eine spätere Form der Virilität vorangeschritten. Heute liegt Göttingen an, eine Stadt mit Liedermachingtradition. Immer schön.
Zunächst aber ein kleiner Bäckerreibesuch in Würzburg mit Börnski, bergig ists hier und sonntäglich gediegen. Börnski probiert einen neuen Isodrink, die 80er sind back, die Geschmacksrichtungen unverändert.
Ich: Na, wie schmeckts?
Er: Wie allealle Isodrinks, die es je gab.
Isodrink schmeckt nie nach irgebndwas anderem denn: Isodrink. Isozial, irgendwie.
Eine gewisse Laune an kruder Verzerrung der Realität macht sich breit, die monströsen Kollegen sind bei unserer Rückkehr ebenfalls alle wohlauf, der Kernpunkt der Welt dieser Tage scheint die WM zu sein. Der blaue Planet ist aus Leder, eiert aber leider. Ich verkrieche mich im Verlauf der Fahrt in Moers’ „Rumo“, in den letzten Wochen dominierten überhaupt dessen Romane, bunt und wild, aufregend und dennoch altbekannt. Moers hat einen sehr smarten Weg gefunden, internationale Klassiker der Fantasy-Humorzunft mit seinem ureigenen literarisch-comichaften Stil zu verknüpfen und so Holzfilme kurzweiligster Art zu kreieren. Claudio hat mir nun dieses Buch geliehen, danke dafür.
Die paar Kilometer bis Göttingen sind doch ein Klacks, unser Minibus dieses Weekends macht die Fahrt kuschelig hitzegefüllt, es ist eng und eher für Wintermonate geeignet.
Kleinere Rastenstopps dienen deshalb auch zur Gliederentknotung, sogar für mich eher Zwergenwüchsigen.
Ankunft im Exil. Klingt cool, meint aber: Ankunft im Club.
Mir kommen Erinnerungen an ein wundervolles Schröderskonzert hier, für das ich neben den Wohnraumhelden den Support machen durfte. Hier bekam ich auch meinen ersten Konzertveriss in Göttingen. Sollte nicht das letzte Mal sein. Die Mitarbeiter des GT’s , jedenfalls die, die unsere Konzerte besuchten – waren alle scheinbar von der Sorte der verkrampft Hochkulturfordernden Gattung, für die wir einen Fehlgriff des Geschmacks darstellen. Glücklicherweise wird fürs Kritikerdasein keinerlei Qualifikation verlangt, so kann jeder nach Geschmack und Gusto schreiben was er will und das dann als Objektivität verkaufen. Mir macht das Laune; hat man sich erstmal von der Last der gemeingültigen Gefallsucht gelöst, weiß man Verrisse zu genießen. Mag man mir nun auch vorhalten, daß das noch lange kein Grund wäre, darauf herumzureiten, so möchte ich nur einmal mehr Herrn Krausser zitieren, der da feststellte: „Daß es uncool sei, auf dumme Kritiken zu antworten, ist eine perfide Erfindung dummer Kritiker.“
Ich würde es beiahe schade finden, sollte diesmal kein Verriß auf die Monsterschaft folgen.
Zunächst aber steht eine Besprechung an, garniert mit tollen Teufelsspaghetti im Nudelhaus, extrem lecker und eine mindestens genauso gute Besprechung. Andere Bands haben das auch, die Hosen und die Helden (wir sind-, nicht Wohnraum-) nennen es in ihren Biographien blaue Stunde, tut immer gut, sich mal wieder selbst zu durchleuchten. Da wir uns gut kennen, sind wir darin kompetenter und unbarmheriger als unsere schärfsten Gegner. Sehr gut gelaufen, nun aber schnell zurück ins Exil, wo Claudio alles längst für den Soundcheck bereitet und Timmey den Merchstand liebevoll aufgebaut hat. Auch Sabrina ist vor Ort, das ist schön.
Soundcheck, lustigen Smalltalk mit der Exilcrew und leckere Brötchen bis zum Konzertstart. Dem Sonntag, und der Kurzfristigkeit der Planung zum Trotz, füllt sich das Exil mit über 100 Menschen sehr zufriedenstellend (wie das klingt... gemeint ist: super), also alles startklar.
Dieser Abend läuft ja unter dem Motto „Festivalrockclubgig“ oder so ähnlich, deshalb gibt es weder Sitzplätze noch eine Pause. Da wir aber auch nicht einfach ein verkürztes Set spielen wollen, haben sich die Lieder auf der Liste immer weiter summiert, bis dann so viel Songs drauf stehen, daß der Abend lang wird.
Göttingen ist mit uns, etwas die Albernheit des Konzerts feuert die Tatsache an, daß man – um auf die Toilette zu gelangen, direkt vor der Bühne lang laufen muß. Bizarrstes entsteht dadurchimmer wieder werden so Lieder sprengt, so muß Burger während seiner Ballade „Selbstverständlichkeit“ beim Anblick eines desinterresiert vorbeischlurfenden Menschen mit Strohhut und Gitarre derart loslachen, daß die Atmosphäre des Songs in eine neue Richtung schweift. Apropos Atmosphäre: Über zweineinhalb Stunden Liedermachermusik ohne Raucherlaubnis, Pause und Sitzplatz ist für beide Seiten der Bühne wohl doch etwas viel. Ab einem gewissen Punkt läßt einfach die Konzentrationsfähigkeit nach. Bei Bands mit Beat und Klangwand kein Problem, bei Textlastigkeit und Hinhörnorwendigkeit ist das doch etwas zuviel des Guten. Demnächst gibt’s bei der Konzertlänge also wieder eine Pause, versprochen. Ist für alle besser.
Dennoch, der Mitmach- und auch der Zuhörmodus ist toll und es passiert unglaublich viel dazwischen. Wir sind in extremer Juxlaune, ständig fliegen Bonots durch den Raum, das Publikum macht eifrig mit, Songs verlängern sich, brechen urplötzlich ab oder bekommen völlig neue Wendungen, Vertständnisdiskussionen bei Blasenschwäche, Deathmetalgesänge bei der kleinen Kerze, undundund. Überhaupt ncht auf- oder nacherzählbar. Muß man einfach dabei gewesen sein. Mir scheint ein Strahler derart in die Fresse, daß ich das Publikum nur in Schemen erkennen kann und der Schweiß strömt, wir schunkeln auf unseren gepolsterten Barhockern und das Exil schunkelt mit. Die Drinks werden auf die Bühne gereicht, immerzu, und alles hat heute etwas mehr vom traditionellen Liedermaching mit Zeltplatzcharakter. Ist wirklich schön, gut, wie gesagt, etwas verpeilt hin und wieder, aber zumindest kann uns keiner routinierte Überprofessionalität vorwerfen. Wirklich nicht. Es gibt auch rare Lieder zu hören, die Kleinstadt ist dabei, die Kerze, der Jackpot, Ich bin nicht frei, das macht ziemlich Laune. Und zum Ende hin bekommt die Sache auch wieder richtig Drive, wir sparen mehr mit Ansagen und setzen verstärkt auf the Sound of Musik.
Göttingen ist wieder großartig, sympathisch und hoffentlich bald wieder am Start.
Nach dem Konzert geht die Party allerdings nicht allzulange weiter, denn wir müssen noch heute nach Hamburg. Verabschiedung von Timmey, Burger, Rüdi, Sabrina und dem Exil, dann los in die Hansestadt. Fred und Claudio als Helldriver deluxe, doch was soll man über einen Bus schreiben, der mit einem Fahrer und des weiteren nur schlafenden Liedermachern (und dösendem Raubtier Teddypard) gefüllt ist? Eben.
Wir kamen an.
Wir kamen aus dem Exil und es hat uns sehr gut gefallen. Möge man mir den lauen Kalauer verzeihen. Auf bald.
P.S. und bis dahin ein Tipp: 07.10.10 im Exil: Das Pack (packrock.de)
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