29.08.2009 Hamburg, Wutzrockfestival
von Rüdi
Eine gefühlte halbe Ewigkeit haben wir uns nicht mehr gesehen. In Wahrheit ist das letzte Konzert zwar nur zwei Wochen her, aber dazwischen lag Kevelaer und in meinem Fall sogar noch eine Plattenaufnahme für meine neue Soloplatte. Es ist also sehr viel passiert in der Zwischenzeit und eigentlich müsste ich das Erlebte mal in einer Mütze Schlaf verarbeiten, aber leider ist der Zug von Bern in der Schweiz nach Hamburg derart überfüllt, dass ich nicht mal die durchgemachte Nacht verarbeiten kann. Auf dem Zahnfleisch komme ich in Altona an und investiere meine letzten Kröten in eine Taxifahrt, denn es ist noch früh genug für ein paar stille Stündchen. Unser Auftritt auf dem Wutzrock ist erst um Mitternacht und jetzt ist grade mal Nachmittag. Zum Glück ist Fred zuhause und lässt mich aufs Sofa.
Kaum dass ich die Augen geschlossen habe, stehen Börnski, Burger und Fred vor mir und machen sie mir wieder auf. Abfahrt!
Ich weiß, dass ich mich eigentlich freuen müsste, aber leider wünsche ich mir grad nur noch Ruhe.
Zwar geht die Reise heute nicht weit - wir spielen in Hamburg auf dem Wutzrockfestival - aber dafür haben wir ein etwas komplizierteres Routing. Es ist nämlich so, dass auch Pensens Schweinerockband 'das Pack' auf dem Wutzrock spielt und da bietet es sich natürlich an, dass wir zusammen fahren. Nun ist das Pack zwar nur eine kleine Zweimannband, aber dafür die mit Sicherheit lauteste Zweimannband der Welt. Für Lautstärke braucht man Verstärker und für viel Lautstärke braucht man große schwere Verstärker. Das Pack ist wie gesagt sehr sehr laut. Also: sehr sehr schwere Verstärker.
Nachdem wir also Claudio, Totte, Pensen und seinen Schweinerockpartner Flozze eingesammelt haben, fahren wir in ihren Proberaum, um ihr Schwerstmetalequipment einzuladen. Wäre unser Tourbus ein lebendiges Wesen, würde er sich jetzt wohl mit dem Finger an die Stirn tippen und schreien 'Ich bin doch kein Truck!' - Ich beschließe, niemals in meinem Leben eine Rockband zu gründen.
Nachdem wir auf dem Gelände angekommen sind, streife ich erst mal ein bißchen übers Gelände, esse emotionslos einen Salat mit Fruchtquark, den ich dummerweise für Soße gehalten habe und trinke dazu ein Bier, das ich nach einem Schluck stehen lasse. Das wird heute nichts mehr mit mir. Ich lege mich in den Bus.
Es gibt Tage, da empfindet man Musik nur als laut, jedwede Gesellschaft als lästig und anstrengend und selbst Bier als einfach nur bitter. Heute ist eben leider so ein Tag.
Irgendwann spielen die Fehlfarben auf der großen Bühne. Ich kann die nicht leiden. Ich habe mal ein tolles Mädchen zu einem Fehlfarbenkonzert eingeladen und die ist dann mit irgend so einem Schleimscheisser abgezogen. Da kann die Band natürlich nichts für, aber ich bin zu müde für Gerechtigkeit.
Irgendwie muss ich fit werden, verdammt. Ich habe keine Moti. Zum Glück gibt es aber noch ein Ass im Ärmel, denn auf der kleinen Bühne spielt ja 'das Pack'.
Schon als Pensen und Flozze mit ihrem betont bescheuerten Outfit die Bühne betreten denke ich: Ja, das könnte klappen.
Doch was dann nach wenigen Minuten vor der Bühne abgeht, ist einfach zu wild für einen müden Mitvierziger mit Verletzungsangst. Darum schaue ich mir für den Rest des phänomenalen Konzerts aus der 50sten Reihe an wie die 49 Reihen vor mir durchdrehen.
Völlig zu recht übrigens.
Aber langsam gilt es, auch an den eigenen Auftritt zu denken. Ich versuche mir im Backstage mit Gummibärchen Energie zuzuführen, doch die Gummibärchen sind zu klein. Die Fehlfarben haben mittlerweile aufgehört zu spielen und im Hintergrund kündigt das Pack die letzte Nummer an.
Soundcheck.
Einmonstern.
Los.
Es gibt Tage, da denkt man, dass einfach nichts mehr geht, da müsste ein Wunder her und plötzlich passiert etwas, was in einem dann doch noch den Hebel umwirft.
Ich wende mich jetzt mal direkt an das Wunder:
Liebe Wutzrocker, Ihr wart der Hammer.
Ich wart kreativ, neu, intelligent, mitreissend, lustig, geistreich - was soll ich sagen. Wir haben unsere Texte vergessen vor lauter Ablenkung! So viele Szenen spielen sich vor meinem geistigen Auge ab, während ich dies schreibe: Der Kreis, der sich plötzlich bildet, der Square Dance, das Rudern, das Hinsetzen und Aufspringen bei 'Reine Poesie', als wir schon dachten, Ihr seid im falschen Lied, die Chöre, diese ganze ansteckende Lebensfreude. Vielen Dank für dieses lichterlohe Strohfeuer, für diese eine Stunde, die in mir den ganzen Hormonhaushalt umkippt und den Tag doch noch unvergesslich macht.
Jetzt plötzlich kann ich alles sehen: die liebevolle Organisation, den Einsatz der vielen ehrenamtlichen Helfer, die hilfsbereite Security - all das, wofür ich eben noch so ignorant war.
Wenn wir irgendwann vielleicht mal wieder kommen dürfen, werde ich mich vorher ausschlafen, damit ich es von Anfang an so geniessen kann, wie ihr es verdient.
Liebe Wutzrocker - chapeau! Das war groß!
Zu den Fotos >>
Zurück zur Übersicht >>