11.07.2009 Höxter, Tittemania

von Totte

 

Man könnte behaupten, die Festivalsaison besteht für Bands – neben spielen, rumfahren und abhängen – vornehmlich aus bangen Blicken gen Himmel.
Heute beispielsweise: Regen! Dickste Wolkenbänke überall.
Das kann ja was geben. Für die aufspielende Zunft ist das schon ärgerlich, für Organisatoren und Besucher kommt der Begriff „Desaster“ dem Zustand schon näher. Vor allem Erstere: Die Veranstalter planen monatelang, organisieren hier, buchen da, erfüllen Auflage um Auflage, und dann – wenn der große Tag gekommen ist: Peng! Sintflut! Ein Job für Masochisten, oder?
Zunächst aber sind wir zumindest noch in trockener Sicherheit, in der Flottbek-Wg wird bereits emsig getüftelt und getan. Rüdi ist bereits vor Ort und sichtet Konzertmitschnitte für die DVD, Fred hat den Bus geholt und sortiert die Verträge für dieses Wochenende und ich packe den Merch-Krempel zusammen. Glorious Rockstarlive, ne pas?
Dann geht’s aber auch schon langsam los, die traditionelle Hamburger Stadtrundfahrt gemacht um Pensen und Börnski einzusacken, dann weiter nach Hannover, wo Urs bereits in den Startlöchern steht. Er übernimmt gleich das Lenkrad und flugs sind wir auf nassen Landstraßen in Richtung Höxter: Meine Güte, die Wolken hier sind derart gewaltig, daß sie vor feuchter Schwere tief in die Berge hängen! Grau, grau, grau!
Extrem grau leider auch die Tatsache, daß Burger heute nicht bei uns sein kann – Illness hat sich seiner bemächtigt und er muß das Bett hüten, um wieder auf die Beine zu kommen. Ärgerlich und gute Besserung von Monsterseite!

Ankunft Tittemania-Area: Das scheint ein sehr lustiges Festival zu sein:
Laut Legende geht der Ursprung besagter Festivität auf eine Wette zurück, die mit Haarwachstum in kausalem Zusammenhang stand. Alles in der Hand der Familie „Titte“, die nicht wirklich so heißt, sondern diesen doch eher ungewöhnlichen Namen ebenfalls einer Legende verdankt, die aber Titte himself, der erstgeborene Sohn der Familie als Unsinn abtut. Ihr seht, ganz leicht zu verstehen ist das nicht. Drum hier eine kurze Auflistung der veranstaltenden Personen:
1. Papa Titte – der Vater von Titte und toller Luftgitarrist
2. Mama Titte – die Chefin über den festivaleigenen Waffelstand. Ich kam zu spät, aber die Waffeln sollen deliziös gewesen sein
3. Titte senior – Der eigentliche Titte, der aber senior genannt wird, weil es noch
4. Titte junior gibt – den jüngeren Bruder, auf den die Haarwuchswette zurückgeht.
(Titte, titte, klinge ich gerade pubertär - aber es ist die Wahrheit)
Alle sind sehr nett und sympathisch angeschickert. Da tun wir gerne mit und prosten schon bald einander zu.
Das Festivalgelände ist sehr schön und durch die Luft weht ein Hauch familiärer Atmosphäre, extrem angenehm.
Leider haben wir den Opener „Volume one“ verpasst, einer lokalen Rockband, bestehend aus 13 – 14 jährigen Haudegen, die – Zitat Gurki „geil abgeliefert“ haben sollen. Hätte ich gerne gesehen. Just spielen die Bad Nenndorf Boys auf, zu denen die vielen Punks hier ausgelassen im Matsch pogen. Cool! Und ich Idiot hab mir heute eine saubere Hose angezogen.
Im Backstagezelt findet derweil eine anrührende Kennenlernzeremonie statt: Schon oft von ihnen gehört, treffen wir erstmalig auf „Sondaschule“, die sich als enorm angenehme Zeitgenossen ohne jeden Anflug von Allüren oder Berührungsängsten herausstellen. Schnell sind Biere und Wodka zur Hand und das Treiben wird sehr bunt. Mir ist schon ganz blümerant zumute, auch unter den Besuchern treffen wir einige bekannte Gesichter.
Als Sondaschule loselegen, gibt es sowieso kein Halten mehr: Einfach großartige Show, volles Klangbrett und viele Spontanmomente, die uns zittrig werden lassen – nach den Herrschaften aufzutreten, macht uns nervös – sehr cool!

Nach besagtem fulminanten Gig dann Monsterzeit – zu fünft und reichlich angetütert: Wahrscheinlich klang es auch so. Glücklicherweise zerstreuen sich unsere Befürchtungen, hier auf taube Ohren zu stoßen, sehr schnell, denn es wird sehr gut mitgemacht und mitgepogt, wir feiern uns durch unsere Setlist, intonieren – quasi als Besserungshilfe – Burgers Hartz 4 und „Trink dich schön“ – hat übrigens geklappt, er ist wieder wohlauf und stößt heute noch zu uns, schunkeln und quasseln, spielen und prosten dem ebenfalls singenden und feiernden Publikum zu!
Da der Zeitplan schon ziemlich am Limit ist, entscheiden wir uns schlußendlich für ein recht gewagtes Unterfangen: Wir spielen zum Abschied noch 4 Meter unplugged – und siehe da, es klappt tatsächlich: Höxter übt sich in Konzentration und applaudiert lautlos!
Wundervoller Abschluß eines wundervollen Tages.
Allerdings nur bezüglich der Konzertaktivitäten, denn auf dem Gelände geht es aftershowmäßig noch eine ganze Weile im Cocktailzelt weiter. Ich kreiere den scheußlichen Drink „Wodka-Tequila-Orangensaft“, glücklicherweise hilft mir Urs mit einem Wodka-Redbull aus, denn mein Experiment ging wirklich in die Binsen und tausche mich noch sehr angeregt mit diversen Sondaschülern über Touralltagsspiele aus: Auch diesbezüglich sind sie uns haushoch überlegen, aber wir werden einige ihrer Spiele auch mal ausprobieren.
Irgendwann geht nichts mehr in den Kopf, so schön es ist, so rot sind auch unsere Augen und wir werden freundlicherweise – nach innigem Abschied – gar noch samt Bus zum Hotel gefahren, wo wir zu blöde sind den Eingang zu finden und mit allen uns verfügbaren Schlüsseln versuchen, die Tür zu öffnen. Das weckt den Gastwirt, der aber derart lässig ist, daß er – anstelle uns gebührend aus dem Ort zu jagen – ruhig und leise erklärt, daß wir auch einfach den richtigen Eingang ausprobieren könnten und uns entspannt dorthin geleitet.
Nachtruhe gerettet – was für ein Tag! Ein außergewöhnliches Festival und eine Begegnungstätte deluxe: Auf bald, so hoffen wir!


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