04.07.2010 Kassel, Schlachthof
von Rüdi
Kassel, Schlachthof
Irgendwann muss ich dann wohl doch noch eingeschlafen sein in dieser Nacht voller Schwüle, Vuvuzelalärm und viehischen Zahnschmerzen. Offenbar haben die Tabletten dann doch noch gewirkt, aber jetzt habe ich keine mehr und der Tag ist schier unerträglich.
Ich spul mal vor....
20.30 Uhr
Ein wenig ängstlich betreten die Monsters die Bühne, aber natürlich merkt man ihnen nichts an. Aber in Wahrheit haben sie eine ziemliche Angst vor den Strahlern, die einen knappen Meter über ihren Köpfen ihre 1000 Watt (oder nur wenig weniger) auf sie herabbrennen. Und vor ihrer Entscheidung, nicht - wie ursprünglich geplant – aufgrund der Hitzewelle ein etwas abgespecktes Konzert zu geben, sondern volles Rohr. Ich habe gestern Nacht einen Boxkampf gesehen, bei dem einer der Kämpfer im überhitzten Saal einen Kreislaufzusammenbruch erlitt und während der Übertragungszeit auch nicht mehr aufgestanden ist – es ist also nicht so, dass nichts passieren kann. Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf. Dazu habe ich Angst vor meinen Zahnschmerzen und dass sie mir so zusetzen werden, dass ich das Konzert nicht genießen kann. Aber wahrscheinlich kommt bei diesem Mörderwetter ja eh keiner. Angst Nummer vier. Und die wenigen die kommen müssen trotz voller Länge den ganzen Abend stehen und darum habe ich auch Angst vor dem Balladenteil. Dann will ich ausgerechnet heute auch noch ein neues Lied ausprobieren, ach, es ist ja alles so furchtbar zum Angst haben!!
Ich spul mal vor....
1 Uhr
Breitschultrige Monsters mit tiefen festen Stimmen klopfen sich zum Abschied auf die Schultern und sagen Sachen wie: „Schön wars!“ oder „Gut gemacht!“ Sie sind alle noch lebendig und noch dazu ziemlich gut gelaunt.
„Au toll!“ wird sich jetzt der interessierte Leser sagen – „das ist ist ja gerade noch mal gut gegangen. Aber wie war´s denn?“
Na, dann will ich mal ganz kurz erzählen:
Das Kasseler Publikum ist schlichtweg großartig! Rund 180 Leute in Partylaune füllen den kleinen Saal im Schlachthof ideal aus. Da keine Sitzplätze zur Verfügung stehen, passt das wie eine Punktlandung und vom ersten Moment des Konzerts an überschüttet uns die Zuhörerschaft mit ihrer Sympathie. Nicht einen Song hätten wir kürzer spielen dürfen – es entwickelt sich fast bei jedem Lied irgendeine überraschend Pointe, teils auf der Bühne, teils im Publikum. Lange nicht gehörtes wie Tottes „Ich vertrag keine Kritik“ oder „Gangster Galore“, noch nie gehörtes wie mein neues Lied oder vollkommen neue Versionen von alten Liedern wie „Blasenschwäche“ – heute ist der Tag. Bei „Interesse ist gut“ singt das Publikum die Fragen und wir die Antworten, beim Sitzpogo tauscht Pensen seinen Platz mit einer jungen Dame, die sich aufgrund eines Wespenstichs nicht auf den Boden setzen kann. So kann sich Pensen mal fühlen wie ein Monsterskonzertbesucher und wie ich ihn da so sitzpogen sehe, bin ich derart neidisch, dass ich beim nächsten Lied – Frösche – wie alle anderen Monsters auch (außer Burger natürlich – der muss ja singen) selbst im Publikum stehe und mitsinge und mittanze. Schuhe fliegen auf die Bühne, warum ist mir schleierhaft, aber es sind viele Schuhe. Und weil die Bedingungen für einen Balladenteil heute so schwierig sind, spielen wir ausnahmsweise sogar vier leise Lieder hintereinander weg: Rekord! Bei Sususu wird Totte glockenspielenderweise durchs Publikum getragen und angeheizt durch all die Sektlaune starte ich die erste interaktive Bühnenaktion meines Lebens und lasse bei „Schönheitschirurgie“ einen Catwalk im Moshpit freiräumen. Da dieser Moshpit allerdings dummerweise gerade sitzt, klappt das natürlich nicht richtig und alles sieht ein bißchen doof aus, aber doof fühlen tu ich mich dabei heute komischerweise nicht.
Es ist schlichtweg ein wundervoller Abend!
Wovor habe ich doch gleich noch mal Angst gehabt?
Weiß ich grade auch nicht mehr, aber Danke sagen möchten wir auf jeden Fall! Bei Robert und seiner sympathischen Schlachthof - Crew und beim Kasseler Publikum für diesen tollen Abend, der irgendwie ein besonderer war. Der beneidenswerte Pensen darf schon am 27. Oktober wiederkommen, wenn er mit „das Pack“ unterwegs ist (www.guterporno.de), aber viele werden wir sicher bald schon auch auf dem Open Flair treffen.
Wie wir uns freuen!
Angst?
Naja, vor Zahnärzten.......
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