28.06.2010 Mainz, Johannisnacht

von Totte

 

Strahlend blauer Himmel um 8 Uhr morgens, schmackhafter Kaffee und freier Blick über den Hafen. Dennoch: muffelig!
Mann, muffelig bin ich heute! Today is the day of being sick of it all! Und völlig grundlos.
Schon als ich zu Fred, Börnski und Claudio in den Bus steige, bin ich vom Tag völlig grundfrei derart genervt, daß die Kollegen gleich merken: heute ist nicht gut Kirschen essen mit mir.
Grummelig brumme ich ein winziges „morgen“ in den Bus und ärgere mich selbst darüber am meisten. Blöd, wenn man komplett ohne Anlaß eine Gewitterwolke über dem Schopf hängen hat, noch blöder aber, wenn man das dann an anderen ausläßt. Aber wo ist das Ventil?
Ich verkriech mich in die hinterste Ecke und krame in meiner Tasche nach einem Buch. Natürlich vergessen. Endlich ein Grund!
Im Bus hauptsächlich Fußballgespräche, natürlich, die WM killt ja alle anderen Themen. Hrmpf! Sauer am I.
Timmey steigt zu, frisch augengeheilt und auch deshalb sehr gut aufgelegt. Kurz setzt er an, vom gestrigen Spiel zu erzählen, als ich mich scgon in einem völlig umnachteten Pamphlet über den WM-Wahnsinn befinde. Mensch, dünnhäutig und schlecht gelaunt, schlechte Mischung.
Schön aber immerhin die Unterhaltungen über Stephen King (one of the most unterschätzt writers in da world), Rumo und Freitag der 13., Teil acht: Todesfalle Manhattan (one of the völlig beknacktetes movies in the universe, himmlisch). Nu steig Burger zu, warum wir uns nicht kurz sein neues Büro abschauen, weiß ich nicht, bin aber – erwähnte ich das schon? – viel zu muffelig, um überhaupt aussteigen zu wollen. Nächstes Mal aber bestimmt.
Klasse Fahrt, in Mainz sehr früh angekommen, holen wir zunächst Pensen vom Bahnhof ab, der gestern noch in London einem großartigen Konzert von Paul Mc Cartney, Elvis Costello und Neil Finn beiwohnte, sehr gut gelaunt also auch er. Oh, London, England? War da nicht gestern...? Richtig, schon kreist die Busdebatte wieder um Fußi. Ach mensch...
Herrlich skurril wird’s indes von nun an: Wir fragen eine Fahrradfahrerin nach dem Weg zum Hotel, worauf im Verlauf eine lustige Spaßdiskussion wird, weil wir ob ihres Tipps, auszusteigen und die 100 Meter zu laufen, gespielt aufstöhnen. Allerdings merken wir dann baff, daß die Dame gar nichts lustig meinte, sondern uns ernsthaft aufgeregt anpöbelt, noch im Wegfahren skandiert sie kopfschüttelnd. Während dessen tritt ein älteres Ehepaar ins Bild, das überschwänglich ambitioniert sämtliche Bonmots über die Größe von Mainz abschießt. Dies auch anhand von diversen Wegbeschreibungen, die allesamt nichts mit unserem Standort und dem gesuchten Hotel zu tun haben.
Im Bus schwitzend: Wir.
Pensen steigt nun energiegeladen aus und befragt ein paar Menschen vom Ordnungsamt, die wissen auch nicht so recht, bis wir schlußendlich ein paar Meter weiter das Hotel selbst erkennen können. So gesehen hatte die Radlerin eigentlich recht...
Die Dame vom Hotel empfängt uns gleich derart burschikos mit Verweisen auf das strikte Rauchverbot im Haus und den damit verbundenen Kosten in Milliardenhöhe, die wiederum uns bei Nichtbeachtung ins Haus stehen würden, wobei wir just sowieso noch draußen stehen, nein, nein für Gouvernantentöne bin ich gerade viel zu dünnhäutig, Fred, Pensen und ich entschließen uns also, gleich zur Bühne zu fahren, ignorieren geflissentlich das uns hinterhergerufene „Halt, Stopp!“der Hoteldame, die mit uns andere Pläne hatte, und ab dafür.
Alles gesperrt und verwinkelt, wo geht’s lang? Wir befragen während der Fahrt einen Rennradfahrer (Radfahrer sind in Mainz die kompetentesten Wegbeschreiber), da die Straße hier bergaufführt, keucht er uns alle Infos entgegen, wir sind trotzdem so beknackt und fahren in die entgegengesetzte Richtung, was sich dann auch überraschenderweise als falsch rausstellt. Zurück, zurürck, da sind wir ja!
Wie im letzten Jahr befindet sich der Backstagebereich in einer Kaserne, im Gegensatz zu letztem Jahr aber sind die heute darin rumlaufenden Armeemenschen tatsächlich Armeemenschen. Last year stellten sich die Herren in Tarnklamotten als eine Band heraus.
Wir werden sehr freundlich empfangen und nach dem ersten Kaffee/Bier steigt die Laune schnell. Freizeit bis 20 Uhr. Cool. Die einen gehen spazieren, andere liegen noch im Hotel, Rüdi arrives gerade und ich habe mir am benachbarten Flohmarkt ein Stephen King Buch gekauft. „das letzte Gefecht“ heißt es und ist das unbestrittende Meisterwek des Meisters selbst. So stehts jedenfalls auf dem Umschlag, muß dann wohl auch so sein.
Sehr gut ist es aber auf jeden Fall. Im Kasernenpark laß ich mir beim Schmökern die Sonne aufs Gemüt scheinen, das Bier kocht binnen Minuten in der Hitze, meine Laune bessert sich. Auch sehr erfreulich, daß die Moderatorin Alexandra, uns noch vom letzten Jahr bekannt, wieder dabei ist. Man muß sowieso sagen, daß das Team hier sehr entspannt und gutgelaunt positive Vibes zu verbreiten weiß. Really relaxed alles.
Burger hat eine neue Setlist des Todes kreiert, die wird gut kommen und so kommt es dann zum Showbeginn auch. Schon der Soundcheck findet vor zahlreichem Publikum statt und ist kurzweilig, das Konzert im Anschluß wird dafür: Absolut wundervoll!
Vor vielen Menschen, darunter auch vielen Monsterdebütanten, spielen wir ein gut zweistündiges Set, die Gesichter lachen uns an und wir strahlen alle zurück. Alle? Jawohl, moi aussi, denn auch bei mir fällt plötzlich jedwede Miesepeterei ab und weicht totaler Freude. So ist das also, denke ich noch, bei schlechter Laune einfach in Mainz spielen, schon geht’s wieder gut. Muß ich öfter machen, denn Mainz ist stets ein Garant für klasse Konzerte. So auch heute, sogar heute ganz besonders. Es ist einfach un-faß-bar, wie ruhig und konzentriert auch ein Straßenfestpublikum gar unplugged Klängen zu lauschen in der Lage ist, andererseits aber auch pogt, singt und tanzt, daß die Augen freudig tränen.
Wir sind aber auch heute gut drauf und die spontanen Ansagen geraten heute sehr exzessiv und unterhaltsam, da die Straßenbahn hier gleich neben der Bühne fährt, bilden sich zahllose versponnene Geschichten von Ponys, die den Verkehr außer Gefecht setzen, das Feuerwerk wird integriert, der neue Schlachtruf für heute: Nein, Feuerwerk!
Es gibt sehr viel schöne Momente, vor allem macht es Laune, daß wir heute auch mal bei einem Festival ein paar ruhigere Töne anschlagen können, haben wir zu selten, macht wirklich viel Spaß.
Die Zeit vergeht im Flug, plözlich ist alles schon wieder vorbei, hätte so auch einfach weitergehen können. Das war ein extrem schönes Konzert für uns im allgemeinen und für mich im besonderen, weil mir das stimmungstechnisch eine echte Therapie war. Vielen vielen Dank, Mainz, Ihr seid groß!
Nach dem Konzert verbringen wir noch eine ganze Weile am Merchstand, der günstigerweise gleich neben einem Caipirinhastand liegt, strohhalmsaugend unterhalten wir uns mit vielen Menschen, treffen alte Bekannte und tauschen uns gerne und lang mit vielen netten Leuten aus. Eine Dame verrät mir, daß ihr das Konzert heute gar stimmungstechnisch eine echte Therapie war, ich nicke dankend und kann ihr im stillen voll und gar beipflichten: Ich weiß genau, was sie meint.
Und weil dem so ist, freu ich mich um so mehr auf dem November, wenn wir hier wieder aufspielen werden. Das wird gut.

P.S. Und ein heißer Tipp natürlich: Pensens Pack spielt auch bald wieder in Mainz. Checkt packrock.de, es lohnt.


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