15.08.2009 Marne, Dithmarscher Rockfestival
von Rüdi
Marne
Was soll ich sagen?
Zuerst mal möchte ich was zum letzten Wochenende sagen, an dem ich ja leider im Bett lag und all die großartigen Dinge nicht miterleben konnte: Liebe Schierlinger, Taubertaler und Flairisten, vielen Dank für Eure lieben Genesungswünsche – sie sind angekommen und haben mich ernsthaft zu Tränen gerührt, aber ich war zugegebenermaßen in diesen Tagen auch nahe am Wasser gebaut. Es kann halt immer was dummes passieren und es gibt auch tragischere Schicksaleschläge als eine Sommergrippe, aber musste es ausgerechnet dieses Wochenende sein, auf das ich mich das ganze Jahr gefreut hatte? Ausgerechnet dieses Wochenende?
Wenn ich irgendwas verbrochen haben sollte, womit ich das verdient habe, dann betrachte ich das jetzt aber auch als abgegolten.
Und heute bin ich wieder fit, wir spielen in Marne auf dem Dithmarschen Festival und es geht mir fast schon ein bißchen zu gut, wenn ich daran denke. Wie ich mich freue! Heute wird ein toller Tag. Marne ist nah, die Sonne lacht, alle sind gesund und gut gelaunt und ich darf mit dieser phänomenalen Runde meinen Arbeitstag verbringen – ist das Leben nicht schön?!
Nachdem Fred mit dem Monstermobil alle Hamburger eingesackt hat, legen wir „Arbeit nervt“ von Deichkind ein und verbringen schon mal ein außerst entspanntes Stündchen auf der Autobahn. Den Titel der Platte kann ich heute zwar nicht unbedingt nachvollziehen, aber ansonsten gibt es grade auf gar keinen Fall eine bessere Scheibe als diese. Die anderen Monsters können die Musik sogar noch mit dem Erlebten vom letzten Wochenende assoziieren, aber ich habe mich heute gegen den Neid und für die Vorfreude entschieden. So erreichen wir hochmotiviert das Festivalgelände und da ich sogar etwas übermotiviert bin, gehe ich erst einmal direkt Wodka Red Bull holen und streife damit übers Gelände, um ein wenig Fährte aufzunehmen – man muss ja wissen, wo es lang geht.
Für mich geht’s meistens da lang, wo es die Drinks gibt und so bin ich schon einigermaßen gut bei der Sache, als wir Besuch bekommen von Olli von Rockbottom, der sich zwecks Interview ein paar Fragen für uns ausgedacht hat, die wir doch gerne beantworten wollen. Leider bekommen Totte und ich den Pressevertreter nicht durch den Backstage-Eingang, so dass wir uns auf den nahegelegenen Zeltplatz begeben, um uns ausführlich ausfragen zu lassen. Pensen kommt dazu und – hurra – jetzt schneit auch Burger vorbei, der hier schon gestern mit den Schröders das Feld gerockt hat und mittlerweile aus seinem Hotelbett geplumpst ist.
Und wo wir schon beim Wiedersehenshallo sind, sitzen da auch noch die Wohnraumhelden, die zu begrüßen uns immer eine Freude ist und die sich gerade aufmachen, mit ihrem Musikeinsatzmobil die Zeltplatzgemeinde aufzumischen. Ich folge ihnen wie ein Jünger, denn so habe ich sie noch nie gesehen, was nicht weiter schandhaft ist, denn so was hat die Welt noch nicht gesehen.
Auf der mit Sicherheit kleinsten Bühne der Welt zelebrieren die beiden ihren Gottesdienst, denn sie sind im Namen der Göttin der Musik unterwegs und wie ich sie da so eingepfercht sitzen sehe, verstehe ich zum ersten Mal ihren Bandnamen. Vergleichbares gibt es nur in dem Video 'Live in Technicolor' von Coldplay zu sehen, aber das ist Fiktion. Das mobile Musikeinsatzkommando der Wohnraumhelden allerdings ist real und die kleine Zeltplatzcrowd feiert den Auftritt völlig zu recht ab.
Irgendwann sind wir ja auch noch dran, denke ich und beschließe, mich heute professionell auf das Konzert vorzubereiten. Totte hat mir zu diesem Zweck extra sein Stimmgerät geborgt und ich verkabel es mit meiner Gitarre und gebe mir sehr sehr sehr viel Mühe, die Klampfe auf den Punkt genau sauber zu stimmen. Dazu muss immer der rote Punkt in der Mitte leuchten - dann ist alles gut. Saite für Saite leuchtet der rote Punkt. Puh - ich und Technik. Aber wenns dann doch so einfach ist.....
Wir folgen den Anweisungen von Claudio, denn niemand von uns und wahrscheinlich im ganzen Musikerkosmos macht gerne Soundcheck, das ist etwas, was einfach gemacht werden muss. Vielleicht ungefähr so zu bewerten wie Gitarre stimmen. Aber heute geht alles glatt.
Einmonstern und los gehts.
Langsam füllt sich der Platz vor der Bühne, denn die Festivalbesucher schlendern langsam herüber zu uns.
Gerade hat die Band 'Luxuslärm' ihre Show beendet und da gings ziemlich rockig zu und jetzt will man doch mal sehen, was diese merkwürdigen Herren Liedermacher so zu leisten im Stande sind. Auf die Frage, wer uns heute zum ersten mal sieht, melden sich alle. Alle außer den beiden Zwillingen, die heute natürlich auch wieder da sind - wie die das organisiert kriegen, muss ich die unbedingt mal in einer nüchternen Minute fragen.
Also niemand kennt uns. So etwas nennt man ein wichtiges Konzert. Wir sind auch ganz gut, spielen am Anfang eine bewährte Liederreihenfolge und das Publikum scheint zu beginnen uns zu mögen.
Dann kommt mein erstes Lied 'Weltklassemelodie'. Ich kündige protzig eine Avantgardenummer a la Kraftwerk an, Pensen, Börnski und Fred legen vor, ein Traum, so gut haben die das noch nie gespielt, dann kommt dieser Wahnsinnsmoment, wo sie Gitarre einsetzt, 4,3,2,1 - aua!!!!
Reflexartig gebe ich dem Stimmgerät die Schuld. Hier stimmt nichts. Absolut gar nichts. Die Gitarre ist entweder tausend Töne zu hoch oder 3,7 Töne zu tief - ich komme grade nicht dahinter. Ich beschließe trotzdem, das Lied nicht zu unterbrechen, sondern schwitze es bis zum Schluß durch. Und siehe da......die Leute lachen. Also nehm ich es mir selbst auch nicht so übel - schließlich wollte ich heute Spaß haben und ich weiß sowieso, dass ich mir wünschen werde, die Erde täte sich auf, sobald ich wieder nüchtern werde.
Das kriege ich im Moment eh nicht hin, denn zu meinen Füßen stehen lediglich drei Wodka Red Bull und kein einziges Wasser.
Ich probiere nochmal kurz, meine Gitarre richtig zu stimmen, denn gleich bin ich ja noch mit Burger dran - aber ich kann es vorweg nehmen. Auch das wird nicht klappen. Jetzt stimmt sie in sich selbst auch nicht mehr. Ich verspreche hiermit feierlich, dass ich demnächst einen Stimmgerät-Lehrgang besuchen werde, damit so was nicht mehr vorkommt.
Die Herren Kollegen reissen allerdings alles wieder raus, sodass wir am Ende weder roten noch weißen Kopfes von der Bühne schleichen müssen, sondern uns durchaus selbstbewußt vor dem Publikum verneigen dürfen.
Da jetzt mittlerweile früher Abend ist und ich außer Alkohol und Applaus noch keine Energiezufuhr hatte, find ich mich zum Catern ins Zelt ein und packe mir erstmal tüchtig was auf den Teller. Leider kann der arme Totte bei dieser Sache nur tapfer aus der Wäsche schauen, denn an Vegetarier wurde hier vergessen zu denken und als er darauf aufmerksam macht und zur Antwort bekommt, er könne sich doch das Fleisch aus dem Essen rauspuhlen, macht ihn das auch nicht richtig glücklich und er beschließt, sich für den Rest des Aufenthalts vegetarischen Drinks hinzugeben, wobei ich ihn unterstütze.
Auf dem Gelände treffe ich dann kurz die beiden Zwillinge, die ich doch noch was fragen wollte, aber leider hat der gute Suff mittlerweile meine Sinne vernebelt und andererseits der Zucker vom Red Bull alles Wasser aus dem Körper gesogen. So fallen mir jetzt gerade noch nicht mal mehr ihre Namen ein.
Und die Bundeskanzlerin heisst Mireille Matthieu. Hundert pro.
Beim Dehydrieren ist das so: Man verblödet bei völligen Bewußtsein. Man würde gerne, aber kann nicht.
Ich merke, ich brauche dringend Hilfe aus der Wasserflasche und mache mich auf Richtung Catering-Zelt, wo ich mir Wasser holen möchte. Dort steht allerdings Börnski mit folgender guter Nachricht: Irgendwo gibt es ein Zelt, wo ich die Drinks, die ich bisher immer bezahlt habe, auch umsonst bekomme. Dann hält er mir einen umsonsten Whiskey-Cola hin und fragt, ob wir tauschen wollen. Jetzt ratet mal.
In irgendeinem Weltliteraturfetzen kommt ein Satz vor mit dem ich diesen Bericht dann auch enden lassen möchte, bzw enden lassen muss, denn so viel mehr weiß ich leider nicht.
'Der Rest war Schweigen'
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