09.07.2010 Neusitz, EVJ Festival
von Rüdi
„Endlich mal Glück gehabt!“ – denke ich, als ich im Berliner Hauptbahnhof auf die große Tafel gucke. Es fährt so gut wie kein Zug und die, die fahren, haben mindestens eine Stunde Verspätung und als Bahnfahrer weiß man, dass das die typische Bahnansage ist, wenn erst mal gar nichts geht. Nur ein einsamer ICE glänzt durch Anwesenheit und ausnahmsweise ist das tatsächlich der, den ich brauche. Ich bin begeistert.
50 km hinter Berlin haben wir allerdings bereits eine Verspätung von einer dreiviertel Stunde und damit ist auch mein schön ausgeheckter Reiseplan nichts weiter mehr als eine nette Idee.
Der Zugchef gibt in regelmäßigen Abständen den Stand der Dinge durch – bräuchte er gar nicht, denn dass der Zug steht, merk ich selber und ansonsten hat der gute Mann so wenig Ahnung wie ich:
Ob die Strecke Richtung Süden auch von Ausfällen betroffen ist, möchte ich wissen.
„Vielleicht bleibt dieser Zug ja auch noch stehen.“ ist die Mut machende Antwort.
„Ja, aber mal angenommen wir kommen noch nach Fulda. Geht von da irgendwas weiter?“
„Meistens schon.“
Der Mann hat offenbar heute in Witzwasser gebadet.
Ich rufe Börnski an, der berufsbedingt sogar erst am Nachmittag in Hamburg losfahren kann und teile ihm mit, dass ich ein wenig pessimistisch bin, dass er es pünktlich zum Konzert heute Abend nach Neusitz schaffen kann. Danach ruf ich im Monstersmobil an und heule mich ein bisschen über die böse Bahn aus.
Viel später in Würzburg lerne ich ein Mädchen kennen, dass gerade aus Guatemala kommt und für die Strecke New York – Frankfurt weniger Zeit brauchte als von Frankfurt nach Würzburg. Das relativiert meinen Stress erheblich.
Wieder mal Chaostage bei der Bahn. Börnskis ICE ist übrigens – wie er meldet – mittlerweile kaputt und fährt nur noch auf Halbdampf.
Aber eigentlich ist das alles auch kein Wunder bei diesem perversen Wetter – schließlich mach ich auch nur die allernötigsten Bewegungen, ansonsten ist der Körper schon belastet genug, indem die Nasenflügel versuchen, die letzten Sauerstoffreste aus dem Ozon zu filtern.
Und nüchtern betrachtet gibt es wirklich schlimmeres als beispielsweise im Landgasthaus zu Steinach mit Campari Orange und Zeitung im Biergarten auf den nächsten Zug zu warten.
Am Ende wird ja doch wieder alles gut. Am Ende schließt sich ja doch wieder der komplette Kreis zum gemeinsamen Einmonstern. Am Ende ist die Göttin der Musik doch wieder mit uns und stellt uns allerfeinste Zutaten aufs Serviertablett: Publikum satt, eine fette Anlage, lecker Essen und Drinks, dazu ein aufmerksames und um unser Wohl bedachtes Helferteam. Basti und seine Mitorganisatoren sind ihre großartigen Apostel und ich hoffe, dass ich das unblasphemisch so äußern darf, denn eigentlich sind sie alle evangelisch und gehören zur ortsansässigen Landjugend. Und sie kriegen richtig was auf die Reihe.
Gefeiert wird auf einem Bauhof, es gibt zwei Bühnen, jeweils mit feinen Anlagen bestückt, verschiedene Partyzelte, einen Pizzabäckerstand und Getränketheken. Unser Lieblingsstand soll aber sehr bald die Cocktailbar werden, denn in regelmäßigen Abständen erscheint Barchef Rene bei uns und fragt nach ob wir etwa Lust auf beispielsweise Cuba Libre hätten. Haben wir natürlich. Was wir aber nicht ahnen, ist, dass Rene all unsere Drinks komplett sponsern wird und sich trotzdem aufrichtig über jede Nachbestellung freut.
Auf der kleinen Bühne lockt uns irgendwann die junge Band „Streng genommen“ aus dem Backstage. Mir fällt zuerst die Sängerin auf mit ihrem leicht zickigen Gesangsstil, ich steh drauf. Als ich dann vor der Bühne stehe, lass ich mich ein paar Songs lang von dieser sympathischen Band einfangen – mir gefällt die frische und trotzdem etwas schüchterne Art ihres Auftritts. Dazu prima Texte und Bock an der Sache. I like it.
Unsere Bühne steht in der Werkshalle. Zum Glück ist die Front komplett offen, so dass wir ein bisschen an Frischluft kommen und auch ständigen Blick auf unsere geliebte Cocktailbar haben.
Neusitz, das vergaß ich bisher ganz zu erwähnen, liegt übrigens bei Rothenburg ob der Tauber und damit beim Taubertal – Festival und das erklärt, warum im Publikum so viele bekannte und von uns sehr gemochte Gesichter auftauchen. Überwiegend sind es aber sehr junge Menschen, die da erwartungsvoll vor der Bühne stehen und längst nicht jeder hat vorher schon mal was von uns gehört. So sieht man dieses Mal vermehrt rätselnde Mienen, wenn zum Beispiel ein Lied über Türen frenetisch begrüßt wird und bei „Blasenschwäche“ werden ein paar mehr Wangen rot als sonst üblich. Mir gefällts. Verglichen mit den meisten anderen Konzerten von uns, geht es heute vielerlei ein wenig anders zu als sonst. Das Publikum ist jünger, wobei die ersten Reihen stehen oder tanzen, während die hinteren Reihen sitzen und es läuft während des Konzerts im Zelt Discomusik, sodass sich die Aufmerksamkeit auf dem Gelände verteilt. So kriegen wir zwar in der Halle eine prima Party hin, aber die Leute draußen am heiß geliebten Cocktailstand erreichen wir kaum. Aber das macht nichts, denn heute feiert sich die evangelische Landjugend selbst und das ist auch richtig so, jeder kann sich nach seiner Facon dem Treiben hingeben. Der Saal jedenfalls ist ganz und gar bei uns und als das Konzerts nach zwei Sets und zwei Zugabenblöcken zu Ende ist, sitze ich mit Börnski im Backstagezelt, beide bedenklich kopfgerötet und dringend einer Kühlung bedürfend. Wir erzählen ein bisschen dies und das und brechen mit Edding bewaffnet auf zum Merchstand – wie üblich. Da fällt uns auf, dass die anderen Monsters gerade dabei sind, ein Konzert zu geben und zwar singt Fred gerade „Herzblatthubschrauber“. Natürlich stürmen wir gleich dazu, denn jetzt bringt Totte auch noch „Sabine“, das alles komplett stehend. Pogo im Stehen, für Monsters ein unübliches Ding und mit Rutschgefahr behaftet (Wortwitz!), weil ich beim auf die Bühne stürmen so ziemlich alle Drinks umkippe, die sich auf der Bühne befinden und den Boden in eine einzige Glitsche verwandel.
Danach dann wirklich Schluß.
Viel gibt es bei Timmey am Merchstand heute nicht zu tun und so suche ich noch mal die Band „Streng genommen“ bzw. ihren Techniker, weil ich ihnen das Gitarrenkabel zurückgeben möchte, das sie mir netterweise geborgt haben. Leider finde ich niemanden – so hoffe ich, dass es netterweise über Basti seinen Weg zurück findet. Vielen Dank noch mal auf diesem Wege.
Überall begegnet mir eine ausgelassene Partystimmung und gerne würde ich bleiben, aber ich muss dringend in die Pension ins Bett. Ein alter Mann ist kein D–Zug und darum habe ich bis jetzt auch funktioniert. Jedenfalls besser als unser Navigationssystem und so fahre ich mit Burger im Bus kreuz und quer durch Neusitz und wir lernen wie unendlich viele Straßen es hier gibt, die alle anders heißen als „Zuckmantelstraße“, wo unsere Herberge ist. Nur ein einzelnes hilfsbereitet junges Pärchen auf Nachtwanderung kann uns helfen, denn sie haben ein Wunderhandy mit Navi und erklären uns den Weg.
2 Stunden später haben die restlichen Monsters, die sich noch ein bisschen von Rene haben abfüllen lassen das gleiche Problem, als sie zu Fuß den Ort nach der Pension durchsuchen. Sie begegnen einem hilfsbereiten Menschen namens Tobias, der sie an sein väterliches Patschehändchen nimmt und sie sogar bis vor die Tür begleitet.
In der Pension bricht auf der Stelle munteres Treiben aus. Während Fred sich wie ein gefällter Baum neben mir ins Bett plumpsen lässt, haben die anderen was viel schöneres zum Reinplumpsen lassen gefunden: Die Herberge „Böhm“ in der Zuckmantelstr. 2 in Neusitz verfügt tatsächlich über einen.............Pool!!
Und irgendwo wird auch noch eine Magnumflasche Sekt gefunden – eine teuflische Mischung für alle Nachbarn mit Ruhebedürfnis. Der Lautstärkepegel ist dem Alkoholpegel angepasst und ein Geräuschgemix aus Juchzen, Gackern und Platschen begleitet die Sonne beim Aufgehen. Ich mach zwar nicht mit, aber es gefällt mir so gut, dass ich Tür und Fenster offenlasse, um möglichst viel mitzubekommen bis ich wieder einschlafe.
Morgen werden wir uns bei Frau Böhm entschuldigen, den Sekt bezahlen und uns für das fabelhafte Essen und die Raucherlaubnis bedanken. Und sie wird sagen: Kein Problem.
Danke an alle!
PS: Wir freuen uns, noch dieses Jahr wieder in eurer Nähe zu sein und zwar im November bei unserer Aufnahmetour für die nächste Platte. Dann sind wir in Schweinfurt in der Statthalle.
Und Pensen kommt mit „das Pack“ gleich danach schon wieder. (Seine Termine unter www.guterporno.de)
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