08.08.2009 Rothenburg ob der Tauber, Taubertalfestival

von Totte

 

Kännchen Kaffee, Kännchen Kaffee, wo gabs denn das zuletzt? Kännchen Kaffee ist doch eher ausgestorben, vertrieben durch Latte Macchiato und Frappucino, ausgemerzt und hopps gegangen.
Nicht aber hier: In Niederbayern wird die Kännchentradition noch hoch gehalten. Schmucke Porzellangefäße werden gereicht, so zart und zierlich, daß ein Blick allein schon Bruchgefahr birgt.
Schade, ich hätte gern einen Cappucino getrunken.
Wir befinden uns im Hotel am Steinrain, haben gestern das Labertalfestival bespielt und fahren nun nach Rothenburg ob der Tauber. Hierorts findet traditionell das wundervolle Taubertalfestival statt, das wir nun auch bereits das dritte Mal zu bespielen die Ehre haben.
Groß ist es hier, stets aufs Neue beeindruckend offiziell, der Blick über die Hügel und Wälder läßt Watzmannherzen schmelzen!
Zuvor aber natürlich noch schnell ins Hotel, mit Urs auch hier noch Kaffeekännchen auf der Terrasse, Börnski und Fred stoßen dazu, leider samt schlechter Nachricht im Gepäck: Rüdi ist auch heute noch zu krank, wer Rüdi kennt, weiß, er würde sich lieber auf eine rauchfreie 24-Stunden Diskussion mit übermüdeten Versicherungsvertretern einlassen, als ein Konzert sausen zu lassen, dieses Wochenende hats ihn aber einfach zu heftig erwischt. Da Jammerei nur den Jammernden hilft, ansonsten aber auch nichts bewegt, finden wir uns notgedrungen mit der Situation ab und schicken beste Genesungswünsche gen Berlin.
Taubertal: Dieses Jahr spielen wir auf der Bühne am Steinbruch, einem Veranstaltungsort zwischen Festivalhauiptgelände und Campingplatz. Sehr schönes Panorama, sehr nette Crew um „Stagemanager“Sascha, sehr viel Red Bull-Emblem. Womöglich liegt das unter anderem auch daran, daß besagte Getränkefirma die Bühne hiewr sponsort. Sehr süß auch die zuckerfreie Variante, die ich abenteuerlustig mit Pensen teste. Hm, scheint mit jedem Schluck mehr in der Dose zu sein. Mit persönlich fehlt da der Wodka drin. Apropos „sehr“: Sehr weit auch der Weg zum Hauptgelände, glücklicherweise gibt es für verweichlichte Liedermacher einen großartigen Shuttlebusservice, den wir fußfaulen Dekadenzer gehörig nutzen: Runter zum Cateringbereich, wo bestes Essen, kühle Getränke und unsere Koks-Kollegen Achim, Lizzy und Tanja uns herzlich empfangen, die Subways rocken auf der Bühne gewaltig und wir haben das Vergnügen, für eine Verlosung zwei Gitarren zu signieren. Die attraktiven Damen vom Red Bull-stand, Jael und Thea verfolgen jenen Vorgang mit Interesse, und da wir Monsters davon überzeugt sind, daß Unterschriften von jungen Damen mehr Zierde sind als schlierige Unpluggedrockerautogramme, bitten wir die beiden, die Klampfen ebenfalls zu verschönern.
Man merkt, die Freizeit auf Festivals wird insgesamt eher unspektakulär mit Minianekdötchen gefüllt, denn mit inhaltschweren Hammererlebnissen.
Wir lassen uns zwecks Soundcheck wieder zum Steinbruch shutteln, treffen dort auf die sympathischen Herren des Mediengruppe Telekommander und überbrücken weitere Wartezeit mit Pensens Minitischtennisspiel – ein großartiges Sportwerkzeug!
Soundcheck, Shuttle, Hauptbühne. Sehr nett auch die Kollegen von Montreal, die, wie wir im Gespräch feststellen, dieses Jahr sehr oft auf den gleichen Festivitäten aufschlagen wie les Monsters, aber immer so unglücklich zeitversetzt, daß wir uns heute tatsächlich das erste Mal begegnen. Hoffentlich nicht zum letzten Mal.
Oha, wasnulos? Regen! Anfangs leicht und erfrischend, gewinnt er rasch an Fahrt und nun gießt und gießt es. Arme Festivalbesucher, die Taubertalgänger haben diesbezüglich wirklich selten Glück.
Urs und ich wagen es dennoch, zur Sound for Nature-Bühne zu wandern, wo die grandiosen International Noise Conspiracy sich herrlich Who-esk gebärden und mehr als nur wohlgefallen.
Dann der Headliner, Farin U. samt Racing Team, wie gerne würde ich an dieser Stelle so tun, als seien wir hinter der Bühne alle total lockere und gut befreundete Kumpels, tatsächlich ist es aber natürlich so, daß ich immer bloß beeindruckter Fan bleiben werde, der sich bemüht, möglichst unauffällig möglichst interessante Prominente zu erspähen, dabei aber totaaal unbeeindruckt zu wirken. Thats really uncool, i know.
Wie kam ich jetzt darauf? Ach ja, Farin Urlaub on stage, großartig selbstverständlich, aber der Regen, ach, der Regen: Wir haben uns insgeheim bereits auf einen Flop eingestellt, wer soll denn bitteschön bei dem Sauwetter noch extra zum Steinbruch kraxeln?
Nun, erstmal wir, und zwar per Shuttlebus – Wie oft haben wir den heute schon benutzt? Man sollte meinen, bei unserer permanenten Kilometerfresserei on tour, würden wir einen schönen Spazierweg zu schätzen wissen, aber nö: Shuttlebus, Shuttlebus...
Auf dem Steinbruchgelände sind tatsächlich schon ein paar Menschen, vielleicht so 80 Menschen, darunter auch die tourbegleitenden Zwillinge, Miriam, Yellow samt Tauberplanscherabordnung und die Erlangenposse. Das ist schön. Und wenn wir heute auch „nur“ für diese treuen HörerInnen spielen, dann soll es eben so sein. Für die widrigen Umstände kann ja nun keiner was. Ein DJ-Team auf der Bühne macht Stimmung und wir trinken diverse Biere. Die Laune ist ausgelassen und wirklich gut. Der regen läßt auch nach und es tröpfelt nurmehr. Es kommen mehr Menschen. Und mehr Menschen. Und...
0:35 Uhr ab auf die Bühne. Es ist richtig voll auf dem Platz. Und es werden immer mehr. Schlußendlich feiern bestimmt knapp 2000 Menschen mit uns! Aber es zählt ja bekanntermaßen nichjt allein die Quantität, sondern – richtig – die Qualität. Und die ist noch beeindruckender. Meine Güte, heute wird derart zauberhaft mitgefeiert – wie schafft ihr das, nach stundenlangem amtlichen Gerocke, Regengüssen und Alkohol – wie schafft ihr das, noch so energiegeladen mit einem Haufen Liedermacher zu feiern? Wir spüren Extase in uns hochkochen, das macht einen unglaublichen Spaß: Alle Sorgen sind mit einem Mal weggepustet, totale und freundliche Euphorie auf allen Seiten. Natürlich werden auch Rüdi bezogene Vermisstenmeldungen laut, aber wir schicken mit dem gesamten Platz Besserungsgrüße in den Himmel und ich bin mir sicher, Rüdi hat sie vernommen.
Burger erfüllt gerne den Wunsch nach „Frösche“ und alles ist eigentlich viel zu schnell zuende. Muchas Gratias, arigato und merci – Taubertal überrascht uns immer wieder und übersteigt jedes Mal unsere Erwartungen – keine Ahnung, wie das überhaupt möglich ist!
Nach dem Konzert gibt es natürlich noch eine schöne Weile Alkohol mit lieben Menschen, Grillgut für die Hungrigen und Zigarettenzigarettenzigaretten. Eine krönender Abschluß eines duften Tages.
Burger ist heute heldenhaft, er fährt – müde aber nüchtern geblieben – im Alleingang den Bus durch die labyrinthartigen Waldwege zum Hotel, eine logistische Meisterleistung, Ehre dem Herren. Wir anderen fahren erst eine gute Stunde später selig trunken ein letztes Mal mit dem Shuttlebus, dessen Fahrer Thomas uns, all unserem Suffgeschwafel, der späten Uhrzeit und der doch gut halbstündigen Mörderstrecke zum Trotz souverän, nett und völlig unaufgeregt bis zum Hotel fährt, wofür auch ihm an dieser Stelle ein virtueller Heldenorden gebührt.
Im Hotelzimmer machen Börnski, Urs, Pensen und ich noch schnell alle mitgebrachten Biere auf, bevor wir merken, daß wir nichts mehr trinken wollen, die restliche Nacht verschwindet hinter einem Nikotinblauen Schleier. Es ist jetzt Sonntag, 13:12 Uhr und wir sitzen wieder im Bus, diesmal aber unserem „eigenen“ (gemieteten), den Fred und Urs über die Autobahnen lenken. Mir dröhnt der Schädel und ich glaube, ich werde krank, aber Pensen meint, das Kratzen im Hals könnte auch an den gerechnet 4000 Kippen gestern liegen – je nun, wir sind beide keine Mediziner.
Börnski kränkelt auch etwas und der allgemeine Kater hängt wie eine Dunstglocke über uns. Aber das war das alles wert. Und zwar locker! Hope to see you soon!


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