03.07.2010 Saarbrücken, Altstadtfest

von Rüdi

 

Saarbrücken, Altstadtfest

Wenn ein selbstverliebtes und auf seine Außenwirkung bedachtes Alphamännchen wild gestikulierend und übelste Schimpfworte brüllend durch die Bahnhofshalle randaliert, muss da irgendwer einen ganz guten Job gemacht haben. Nicht ohne Stolz schau ich ihm hinterher und kann mir ein Gewinnergrinsen nicht verkneifen. Ohne die Sache jetzt hier lang und breit zu erklären, nur so viel dazu: Der Typ hatte es verdient und zwar so was von!
Da ich mich aber selbst einer zwar sachlich richtigen aber ungehörigen Wortwahl befleißigt habe und die Strafe bekanntlich auf den Fuß folgt, lässt es eine höhere Instanz auf mich herabregnen und zwar exakt vom Bahnhofsplatz bis zur Hotelpforte, wo ich nach einem 10 minütigen Gewaltmarsch durch die schwüle Hitze schweiß- und regendurchtränkt und genervt ankomme.
Aaaaahhhh – Saarbrücken!
Altstadtfest!
Wir waren noch nie in Saarbrücken, noch nicht mal in der näheren Umgebung, das Saarland ist Neuland für uns. Und wahrscheinlich hat die Welt hier auch gerade heute nicht unbedingt auf uns gewartet, denn die Welt hier hat heute andere Probleme und die heißen Messi, Tevez, Maradona und überhaupt Argentinien.
Da es auch in unserer Band Fußballbegeisterte gibt, sind die Jungs extra schon um 6 Uhr morgens gestartet, um pünktlich zum Anpfiff im Hotel zu sein. Der Plan geht auf, ziemlich zeitgleich mit meiner Ankunft biegt der Monstersbus auf den Parkplatz ein, den ich erst gar nicht erkenne, weil er dieses mal viel größer ist als gewohnt, selbst Burger soll angeblich drin stehen können.
Urs, der schon seit gestern hier ist, weil er „Stanfour“ gemischt hat und meine mittlerweile wieder abgeregte Wenigkeit holen die vorfreudige Crew ab und wir werfen neugierige Blicke in den rollenden Hightech-Tempel, der sogar mit Fernseher und Stromnetz ausgestattet ist. Wow!
Urs hat direkt neben dem Hotel einen netten Argentinier (!!) mit klimatisiertem Raucherraum und Riesenbildschirm ausfindig gemacht, den wir ein wenig ängstlich betreten, wo wir aber sofort die Mehrheit bilden und aufs freundlichste vom Chef des Hauses begrüßt werden, indem er uns seinen Hintern zeigt, allerdings bedeckt durch eine sehr sexy Argentinien-Unterhose! Damit will er im Falle eines Siegs seiner Mannschaft mit einem hupenden Auto durch die Stadt korsieren.
Aber dazu kommt es dann doch nicht, denn seine Mannschaft unterliegt in einem bemerkenswerten Spiel mit 0:4, was zuerst die fußballbegeisterten Monsters verzückt und anschließend die ganze Stadt in Huperei, Gröhlerei und Fahnenwinkerei versetzt.
Totte, der ja bekanntlich mit dem Fußballfangetue nicht so viel anfangen kann, hat die Zeit in seinem Hotelzimmer mit einem Buch überbrückt und fühlt sich jetzt wahrscheinlich
wie auf einem befremdlichen und bedrohlichen Planeten. Tatsächlich scheint es so als würde ein tief in der Menschenseele verankerter Urtrieb freigesetzt, endlich mal ungehemmt auf Autohupen zu drücken und in Vuvuzelas zu blasen. Dazu singen alkoholgetränkte und vor Glück glänzende Schwitzgesichter „So sehen Sieger aus“ und zeigen dabei mit dem Finger auf sich selbst. Es sei ihnen gegönnt, denn das Spiel war großartig, aber für uns stellt sich natürlich die entscheidende Frage, wie wir es schaffen sollen, vor so einem Publikum zu bestehen, dass für fußballferne Themen zumindest heute komplett paralysiert zu sein scheint.
Wir beschließen, das Thema WM in unserem Programm in Gänze auszusparen.
Für den knappen Kilometer vom Hotel zur Bühnen brauchen wir eine gefühlte halbe Stunde mindestens – auf den Straßen ist natürlich kaum ein Fortkommen mehr und am Eingang zum Altstadtfest ist das Getümmel dann sogar so groß, dass wir nur mithilfe eines ortskundigen Fahrers und einer vor uns herlaufenden Eskorte die Bühne erreichen können.
Dort werden wir aufs freundlichste von Volker und Sonia empfangen, die uns die relevanten Örtlichkeiten wie Kühlschrank und Toilette zeigen und sehr darum bemüht sind, dass es uns an nichts mangelt. Ich versuche – eigentlich nicht ernst gemeint - eine gemeine Finte, indem ich mir einen Drink wünsche, der erkennbar nicht zur Verfügung steht, aber als ich zum Soundcheck auf die Bühne gehe, bin ich doch etwas peinlich berührt als genau dieser Drink auf meinem Stuhl steht. Liebe Sonia, falls du das hier liest: Nicht nur dafür unseren herzlichen Dank, wir fühlten uns sehr liebevoll behandelt!
Wir haben eine knappe Stunde Zeit bis zum Auftritt für Setliste schreiben, Essen, Pippi und dergleichen, Timmey baut sich aus herumstehendem Zeug einen Merchstand, Urs kämpft mit den Tücken der Technik, wir Monsters richten uns auf der Bühne ein und das Publikum begrüßt uns mit „Ihr könnt nach Hause fahren!!“
Machen wir aber erst übermorgen, jetzt soll es erstmal Lieder geben, denn unsere Botschaft ist das Zusammensein und nicht das Leute nach Hause schicken.
Das Konzert beginnt – wie erwartet – ein wenig zäh. Aber es ist tatsächlich so, dass von Lied zu Lied die Vuvuzelas zunehmend verstummen und der Platz sich mit zuhörenden und mitsingenden Menschen füllt.
Sollte es am Ende doch möglich sein, an einem Tag wie heute das Publikum für uns zu gewinnen? Uns kennen hier nur ganz ganz wenige und zeitgleich spielt immerhin Spanien gegen Paraguay und damit der nächste Halbfinalgegner.....
Zwei so genannte Bigpoints verwandeln Fred und Börnski.
Während des ganzen Konzerts sitzt eine Dame in ihrer Wohnung im vierten Stock und schaut uns aus dem Fenster zu, Kinn aufgestützt und bisher an jeder Art von Applaus unbeteiligt. Fred gefällt das nicht.
Er möchte, dass die gute Dame mitmacht und gute Laune verbreitet, verdammt.
Dummerweise gerade vor einem Lied von mir gibt er bekannt, dass wir erst weiterspielen, wenn sich auch die Dame im Fenster mit einem freundlichen Lächeln und einem Winken beteiligt. Ich sehe schwarz für mein Lied.
Aber siehe da, nach nur wenigen Augenblicken der Selbstüberwindung tut sie uns den Gefallen und bleibt auch anschließend bis zum letzten Ton am Ball und unterstützt uns nach Kräften inklusive Sususu und Pipapo.
Den zweiten entscheidenden Punkt setzt Börnski, als er das Publikum auffordert, doch bitte näher zur Bühne zu treten. Es tut das sehr intelligent und charmant und tatsächlich füllt es sich nun direkt vor unserer Nase, sodass man jetzt ruhigen Gewissens von einem Moshpit reden kann. Prompt wollen die Leute Pogo tanzen, La olas herstellen oder ein Rockstadion imitieren.
Es wird ein wunderbarer Abend, also doch.
Glücklich und erleichtert fallen wir uns hinter der Bühne um den Hals und betrachten staunend wie orange-gekleidete Helfer unser Equipment in den Bus räumen, während wir grade unsere Feierabendzigarette rauchen.
Schon wieder wow.
Danach lernen wir noch nette Menschen am Merchstand kennen bis die Übermüdeten von uns Richtung Hotel fahren während die Feierlustigen auf dem Gelände zurückbleiben.
Ich gehöre zur ersten Gruppe, will noch ein bisschen Fußballnachberichterstattung gucken und dabei einschlafen.
Wieder bekommen wir einen Fahrer zur Seite gestellt, der unser Fahrzeug durch die Menschenmenge lanciert. Da unser Superbus auch noch getönte Scheiben hat, wirken wir sehr wichtig und erregen viel Aufmerksamkeit, was uns schon ein wenig peinlich ist.
Nachdem wir aber fälschlicherweise für Sido gehalten werden geht’s wieder.
Andere sagen, wir wären sicherlich nur ein paar Wichtigtuer.
Wie so oft liegt auch hier die Wahrheit wieder mal in der Mitte.

In zwei Wochen werden wir wieder hier sein und wir dürfen gespannt sein, wie die Saarbrücker wohl so ticken, wenn nicht gerade WM ist.
Das wird bestimmt großartig!

Bis dahin: Danke Saarbrücken!


Zu den Fotos >>Zum Podcast >>

Zurück zur Übersicht >>

PHP-Programmierer