07.08.2009 Schierling, Labertal
von Totte
Unsere tiefe Bitte des letzten Jahres an unsere geherzte Booking-Agentur war folgende: Please, please let us play more Festivals in the deep south, because, we want to get more audience there!
„Pas de probleme“, antwortete unsere geherzte Booking-Agentur, „machen wir!“
Eine superbe Eigenschaft jener Checker ist durchaus, daß sie ihren Versprechungen Taten folgen lassen. Ein etwas unglückliches Charakteristikum unserer kleinen Kapelle dagegen, daß wir nie auf Landkarten gucken, um Wegstrecken rauszubekommen.
So kommt es, daß wir dieses Jahr quasi permanent jedes Wochenende über 700 Kilometer abzufahren haben, weil Hamburg nicht die günstigste Lage besitzt, wenn man den Süden Deutschlands bereisen will.
So auch heute: Aufbruch in Hamburg: 6 Uhr morgens. Mir schmerzt meine linke Gesichtshälfte, was mir ein wenig Sorgen bereitet. Mehr Sorgen bereitet uns die Abwesenheit Rüdis, der röchelnd mit letzten Kraftreserven anrief, um die Zwangsläufigkeit seines Mittuns today mit uns abzuklären. Natürlich geht letzten Endes auch in ungesunden Altherrenrockerkreisen die Gesundheit vor und wir empfehlen ihm viel Schlaf und Doktorenbesuch und uns mit besten Genesungswünschen.
Da Burger gleich aus der Schweiz anreist, sind wir im Bus nur zu fünft, der Reihenfolge nach holen Fred und ich Börnski und Pensen in Hamburg und Urs in Hanover ab. Fred dokumentiert alles penibel mit seiner Kamera, in der letzten Zeit ist in ihm sein Regisseur-Gen erwacht, und man kann ihn eigentlich dauernd filmend durch die Gegend rennen sehen. Für eher kamerascheue Geschöpfe wie mich ist das vielleicht etwas verspannend, aber die Podcasts, die daraus resultieren, sind zweifelsohne derart grandios, da möchte man ihm doch respektvollst die Schultern klopfen.
Ein Brötchen in Hannover, eine Pommes an einer Raste – wir kommen völlig staufrei schnell voran und sind viel schneller am Ziel als erwartet. Urs hat das Buch der RGF (Rote Gourmet Fraktion) dabei, welches ich mir – während er fahren muß - rasch unter den Nagel reiße und an dieser Stelle jedem wärmstens empfehlen möchte.
Pensen ist leider ebenfalls gesundheitlich angeschlagen, er döst die meiste Zeit über, eigentümlich still ist es auf den Rückbänken im Bus.
Das musikalische Begleitprogramm findet heute keinen Konsens, den einen ist das Album BloodSexSugarMagic der Red Hot Chili Peppers zu abgenudelt, andere können sich bei Björks Debut nicht auf die Straße konzentrieren – aus Mangel an weiteren CDs bleibt die Anlage drum im weiteren ausgeschaltet.
Ich laufe jetzt Gefahr, totalen Müll zu erzählen, aber wenn mich nicht alles täuscht, befindet sich unser Hotel im Ort Steinrain, jedenfalls verfahren wir uns erstmal und landen auf einer ungeteerten Privatstraße mit vielen freilaufenden Hühnern, die uns aber völlig ignorieren. Das Hotel liegt gegenüber, die Betreiberinen weisen uns darauf hin, daß wir soeben eine Privatstraße mit freilaufenden Hühnern befahren haben,jedenfalls glaube ich, daß sie das sagen, denn der Dialekt ist für mich nicht ganz so schnell zu verstehen. Falls nun wieder jemand aufbegehren sollte, das sei ja wohl eine Unverschämtheit, den schönen bayerischen Dialekt zu diskreditieren, dem sei gesagt, daß das nicht im mindesten mein Ziel war: Aber ich komme eben aus dem Rheinland, und wenn ich einem Bayern was von Komkomere on Kettenplök (© Jean Assenmacher) erzähle, wird er mich wohl auch bloß verständnislos anstarren.
Die Zimmer sind jedenfalls sehr gemütlich, die Sonne scheint und ich genieße Kaffee mit Fred und Börnski auf der Terrasse.
Abfahrt zum Labertal um 17:45 Uhr.
Hier ist es wonderful, schon letztes Jahr hat es uns hier ausgesucht gewfallen, warum sollte sich das auch geändert haben? Eben. In direkter Ankunftsrutsche begrüßen wir Burger und die geschätzten Hamburger Kollegen von I-Fire, denen auch zwei Mitglieder von Pensens HoipHop-Combo Gipfeltrrreffen angehören, die sportivst auf ihren Fußball eindreschen. Großes Hallo und sonnige Gemüter, nice!
Fred und mich plagen aber gerade doch leichte Sorgen, mit Rüdi fehlt uns auch die Kazoo für Schönheitschirurgie, drum üben wir das ganze mit Melodicabegleitung. Hm, naja, halt mal versuchen.
Die Zeit bis zum Konzertbeginn verbringen wir hauptsächlich im Cateringbereich, der Platz vor der Bühne ist noch etwas spärlich besetzt, füllt sich aber zusehends.
Soundcheck Monsters: Irgendwie ist der Wurm heute drin, Pensens und meine Gitarren wollen erstmal eine ganze Weile nicht, mir liegt schon wieder der Angstschweiß traubendick auf der Stirn, weil meine Klampfe eben erst vom Doktor zurückgekehrt ist, dann stellt sich aber irgendwann raus, daß an der Bühnentechnik irgendwas nicht stimmte und die Klampfen völlig heile sind. Puhh!
Dann Beginn des Konzerts: Na gut, zugegeben, etwas holperig ist die Schose heute, da hupts und fiepts und Rüdis Abwesenheit macht sich auch nicht unbedingt positiv bemerkbar – aber wir kriegens im Verlaufe des Auftritts doch noch gebacken. Sehr hilfreich dabei mal wieder das Publikum, das gelöst tanzt und mitsingt, zum Ende hin sehr ausgelassen, was auzch uns ausgelassener werden läßt. Wir quatschen recht viel und oftmals ist es auch – so mein Empfinden – durchaus von unterhaltsamer Qualität, lautstark geforderten Zugabenwünschen kommen wir sehr gerne nach – übrigens können wir jetzt auch mit dem Wissen glänzen, daß Schönheitschirurgie und Melodica nicht das Gelbe vom Ei ist.
Schneller Abbau – dabei finden wir in Burgers Gitarrenkoffer eine Kazoo – dann aber I-Fire: Hammershow, einfach derbe. Sehr beschwingt tanzen wir vor der Bühne zu den smooven Klängen der Reggaeheroen, und das, obwohl beispielsweise ich ewigentlich gar kein großewr Reggaefan bin. Doch I-Fire bringen eine derartig energiegeladene Mixtur aus Reggae, Rap und Ragga und – ach, ich kenn’ mich da nicht so aus – jedenfalls ist das ganze eine riesige Party. Toll am Monsterdasein ist, so vielen Bands so vieler Stile derart vorurteils- und szenefrei begegnen zu können, daß alle Grenzen verschwimmen und die Sympathien einfach echt sind und so extrem genossen werden können. Der tolle Lichteranblick des Festivalhügels tut sein übriges und unsere Augen leuchten.
Nach dem Konzert gibt es noch ein schönes Schokolädchen, Sanne, unsere „Betreuerin“ des letztjährigen Labertals, serviert ein prächtiges Getränk namens „Goaß Halberl“ das aus diversen Alkoholika besteht und toll kopfschmerzfördernd schmeckt. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, kommt „Goaß“ von „Geiß“ und Halberl ist die Maßeinheit. Ich verstehe aber zuerst nur „Grashalmerl“, was jetzt gar nicht sooo weit hergeholt ist, wie es klingen mag, schließlich heißen Kaffeebecher hierorts „Haferl“, womit ich eine Getränke-Getreidezuordnung assoziiere. Völliger Unsinn, ich weiß, aber wenn jetzt wieder wer wegen meiner Bayerndialektunkenntnis nölt, den verweise ich auf den oberen Absatz dieser Glosse und sage rheinisch breiig: „Dä Panz daasch dat ewens!“
Abfahrt, Abefahrt, wir sind müde, schließlich schon seit fünf Uhr auf den Beinen, außerdem leicht angeschickert – auf der Fahrt zum Hotel sind wir jedenfalls total beeimndruckt von uns, weil wir so vernünftig waren, nicht noch weiterzufeiern, obschon wir tief in uns drin spüren, daß wir definitiv am Limit laufen. Zwei, drei letzte Zigaretten auf der Hotelterrasse, dann ruft die Koje.
Zum Einschlafen erwische ich auf dem BR eine Sendung mit Wolfgang Niedecken, der zusammen mit Rainhard Fendrich vor Publikum sitzt und über seine Lieder erzählt. Zwischendurch spielen sie sich Lieder vor. Ich versteh’ kein Wort. Aber schön. Gute Nacht.
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