17.07.2010 Schloss Holte-Stukenbrock, Serengeti - Festival

von Rüdi

 

Als ich heut morgen blutüberströmt aufgewacht bin, war mir noch nicht klar, dass ich ein Problem habe. Auch als ich meine vollgepissten, sperma- und blutversifften Klamotten neben mir liegen sah, dachte ich noch: „Wird schon irgendwie gehen.“
Aber jetzt geht gar nichts.
Beim besten Willen kann ich das nicht erklären.
Mein Problem: Dieser Bericht.
Gut, ich bin heut Nacht zwar in einen Monsterbattle geraten und als das eine dem anderen den Kopf abschlug, stand ich irgendwie ungünstig. Aber mit so was hab ich eigentlich keine Probleme. Der Bösewicht wurde dafür gepfählt und mein Hemd kann gereinigt werden.
Ohnehin passierte das alles gestern zu einem Zeitpunkt, als mich schon lange nichts mehr wunderte. Die wirklich merkwürdigen Dinge geschahen nämlich vorher und hatten mit Monstern weniger zu tun als mit Monsters.

Serengeti

Um halb elf morgens purzeln acht vollkommen übermüdete Typen aus ihrem Monstersmobil. Sie kommen gerade aus Hamburg, Hannover, Gremsheim, Berlin und Burg Herzberg, jeder von ihnen hat eine anstrengende Nacht hinter sich, die meisten sind ohne Schlaf geblieben und stolpern jetzt auf dieser Riesenbühne rum. In einer halben Stunde öffnet die Serengeti ihre Pforten und wir wollen und sollen versuchen, die ersten Zuhörer vom Zeltplatz rüberzulocken.
„Tschuldigung, kommt das Kabel in das linke oder rechte Loch?“ – solche Fragen stellen wir.
„Kannste mal den Pad-Schalter auf „normal“ stellen? – so was sagt Urs.
„Hä?“ – antworten dann die Monsters.
Und dann kommt Urs angerannt und stellt den Padschalter lieber gleich selber auf normal, damit es schneller geht.
In der Zwischenzeit hat nämlich der Einlass begonnen, zuerst kommen zwei junge Mädchen angerannt, dann kommen immer mehr Leute dazu und genau jetzt beginnt das Problem dieses Berichts.

Unser Konzert

Ich versuch´s erst gar nicht zu erklären. Wie ein Publikum um 11 Uhr morgens so drauf sein kann, ist uns ein Rätsel. Es ist uns auch schleierhaft, wo die Menschen alle herkommen, wieso sie erstens überhaupt schon auf und zweitens auch noch derart ansteckend gut gelaunt sind, dass wir Monsters auch am Tag danach - allein bei dem Gedanken daran - uns nur still kopfschüttelnd angrinsen. Diese anderthalb Stunden haben uns so glücklich gemacht, dass der Rest des Tages nur noch aus schieren Übersprungshandlungen besteht. Bei der Schlussverbeugung kann ich zwar noch die nötige Contenance wahren, aber auf der Toilette übermannt es mich und ich breche in Tränen aus. Bei unserem ersten Konzert in Hamburg im Logo, auf dem Open Flair und jetzt beim Serengeti – Festival hab ich geheult. Warum nur?
Weil es so schön war, so spontan, witzig, überraschend, nett, liebevoll, neu, kreativ. Wir konnten sogar ein neues Wort lernen: Circle pit! Fred hat ein kleines Lehrvideo dazu angefertigt.
Auch sonst möchte ich zum besseren Verständnis und um mir die Sache zu erleichtern am liebsten auf den Podcast verweisen, ich kann es nicht in die richtigen Worte fassen, was da alles passiert. Ich glaube, noch nie zuvor haben wir eine solch geballte lustige Action vor der Bühne erlebt wie an diesem merkwürdigen Morgen.


Das Drumrum

Schon die Art und Weise, wie wir von Stagemanager Arne und seiner Crew begrüßt werden, wie uns beim Laden geholfen wird, wie wir von Hendrik auf der Bühne angekündigt werden, wie unkompliziert ich auch ohne Backstagepass immer wieder hinter die Bühne gelassen werde, weil die Securities sich mein Gesicht merken, und und und - das alles ist nicht nur total professionell sondern geschieht auch in ungewöhnlich nettem Stil. Dazu das leckere Essen und immer wieder die Frage: „Fühlt Ihr Euch wohl?“
Die Antwort kann immer nur lauten: Ja, und wie! Sauwohl fühlen wir uns! Danke!!

Die Bands

Als ich von einem dringend nötigen Nickerchen vom Hotel aufs Gelände zurückkomme, treffe ich die anderen Monsters wie vom Donner gerührt an. „Skindred“ hieß das Gewitter, das über sie hereingebrochen ist und alle sind sich einig, dass sie gerade ein sensationelles Konzert erlebt haben. So sensationell, dass man sich ein bisschen wundert, dass diese Menschen nicht nur am Tisch nebenan ihr Essen einnehmen sondern dazu auch noch ausgesprochen umgänglich sind und sich nett mit uns unterhalten. Der Sänger der Band erzählt Timmey ganz nebenbei, dass er bei unserem Auftritt erstaunt war, wie euphorisch das Publikum aufgelegt war – für eine solche Uhrzeit absolut ungewöhnlich, meint er und der hat bestimmt schon eine Menge erlebt.
Ich bin ein bisschen traurig, dass ich ihren Auftritt verschlafen habe, aber morgen spielen wir auf dem Deichbrand und „Skindred“ sind auch da und nach all den Erzählungen von den total begeisterten Monsters bin ich jetzt gespannt wie ein Flitzebogen, was da wohl morgen auf mich zukommt.

Headliner ist heute Papa Roach, aber irgendwie interessiert uns das Mitternacht Special „GWAR“ viel mehr. Urs hat mir heute morgen ein Video von ihnen vorgespielt und seit dem bin ich angezeckt. Man hört ja so Sachen! – also trau ich mich zuerst nur nach ganz hinten.
Aber ihr böseböser Monstermetall wirkt auf mich wie das Singen der Sirenen und aus irgendeinem Grund muss ich nach vorne. Ich will befleckt sein von dieser Blutorgie! Und Schritt für Schritt klappts besser.

Der Schluss

Allerdings friere ich jetzt wie ein Schlosshund und muss dringend ins Hotel. Ganz schön nass, so Kunstblut. Aber ohnehin haben all das Erlebte, dieses wundervolle Festival und zahlreiche Drinks uns zu einer total überdrehten und unzurechnungsfähigen Meute zerschossen und auch wenn man es mir vielleicht am deutlichsten ansieht: Ins Bett gehören wir alle.

Vielen Dank an das unfassbare Publikum, die Organisatoren, Sicherheitsleute, Köche, Bands, Helfer, Tontechniker.......! Wow, das war was!!


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