31.07.2009 Trebur, Trebur Open-Air
von Totte
Ca. 6 Uhr morgens, Hotel in Lippstadt: Ein rotäugiges Gespenst schwebt durchs Zimmer und hält den Zeigefinger an die Lippen: Pschhh, macht es, pschhh.
Ich frage schlaftrunken: „wasnlos?“
„Pschhh. Nicht aufwecken“, flüstert es.
„Wen denn?“
„Dich.“
Wenn Tage so surreal beginnen, kann man auch gleich aufbleiben und frühstücken gehen. Das Gespenst legt sich nun seinerseits hin und ich hole Kaffee. Noch ein Kaffee. Lektüre. Buch zuende. Noch ein Kaffee.
Langsam wird mir öde.
Ca. 9 Uhr, nun die Glotze, RTL 2 bietet qualitativ hochwertigstes Bildungsfernsehen: Frauen werden von ihren Familien ausgetauscht, um auch mal vor anderer Tür zu kehren. Als Soundtrack zum vergeblichen Unterfangen, eine Nähmaschine einzuschalten, läuft „Born to Lose“ von Johnny Thunders – wer hier die Szenen musisch unterlegt, ist mein Lieblingszyniker überhaupt.
Um 10:15 Uhr erwacht auch Fred. Absolut passender Zeitpunkt, denn der Bus und die Straße rufen.
Es geht ab nach Trebur, schon zum zweiten Mal dürfen wir hier aufspielen.
An unseren letzten Auftritt vor drei Jahren erimnnere ich mich noch recht gut: Regen, betrunkene Monsterteile und ales etwas lau von uns präsentiert. Besserung haben wir uns geschworen.
Punkt 1: Wetter. Heute strahlt der Himmel blau, den haben wir gezaubert. Wahrscheinlich jedenfalls.
Punkt 2 – doch dazu später.
Erstmal halten wir unterwegs bei McDonalds, die formidablen Menüs genießen wir auf der – von Werbeeinspielern ohrenbetäubend und permanent - beschallten Terrasse, Burger moniert meine vermeintliche Diskussionsgeilheit heute, „das stimmt nicht!“ rufe ich und hänge gleich eine längere Argumentationskette dran. Inzwischen ist vor uns ein großer Reinigungswagen aufgefahren, zwei Männer steigen aus und machen sich an den Gullideckeln zu schaffen. Nach Sekunden ist die Luft mit Güllegeruch randgefüllt, der Fischmac schmeckt nun nach Unrat mit Salzkäse, also doch ein schneller Aufbruch.
Trebur, here we come!
Rasch finden wir das Hotel, schon laufen auch die Veranstalter Stefan und Claudi herbei und versorgen uns mit Hotelschlüsseln und Ausweisgedöns: Ein Paß, ein Bändchen, noch ein Bändchen, wir verwandeln uns langsam in Wolle Petrys.
Die Sonne scheint weiter, neben dem Festivalgelände gibt’s ein Freibad, das uns dank eines der Bändchen (ich weiß nicht welches) ermäßigten Eintritt gewährt – Pensen, Claudio, Börnski und ich nehmen das sehr gerne in Anspruch. Grandios, schwimmen, Tischtennis und ein kühles Alster schaffen Hochgefühle, das ich heute ausnahmsweise mal an der Tischtennisplatte abräume, finde ich persönlich noch besser.
Erfrischt und gelöst machen wir uns gegen 18 Uhr auf zum Festivalgelände, es gibt vielerlei Hallo und leckere Brötchen, Dips und Drinks. Ist das schön.
Altbekanntes Problem für mich aber auf Festivals: Mich packt eine große Rastlosigkeit. Nirgends hälts mich lange, ich laufe vom Backstagebereich zur großen Bühne, von da zur kleinen Bühne und wieder zurück. Immer und immer weiter. Der Kreislauf der Rockwanderwelt!
Unterwegs treffe ich – neben vielen Bekannten, wie den Elfmorgenjungs, den Wohnraumhelden und weiteren Bekannten und Kollegen, auch immer wieder mal Monstermembers, mit denen es sich auch heute wieder hervorragend feiern läßt. Da ein Bier, dort ein Kaffee und JaYaTheCat on stage rocken derbe. Überhaupt sehr gutes Programm:
Kapele Petra sind herrlich obskur und kurzweilig, Flowin Immo glänzt mit einer energiegeladenen Show und vielen Freestyleeinlagen, und Grossstadtgeflüster treiben mit ihren Elektropunkkleinoden den Partypegel an neue Höchstgrenzen: Ein wundervolles Highlight!
So langsam spüre ich die Müdigkeit in den Knochen, jetzt die Augen schließen und die Beine hochlegen, das wärs! Aber da war noch was? Aber ja, wir spielen ja auch noch! (Als ob man sowas tatsächlich vergessen könnte – die Zeit vor dem Auftritt ist stets eine perfekte Gefühlsmixtur aus einer Art Wrihnachtsvorfreude und Damoklesschwert – wie soll man das vergessen? Eben.)
Wir bauen auf und erste Menschen versammeln sich tatsächlich schon vor der Bühne. Soundcheck und die Hoffnung, daß die Gitarre hält, mehrere Toilettengänge und – wumms! – ists 1 Uhr nachts und die Show beginnt, womit wir bei Punkt 2 angelangt wären:
Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich wäre den ganzen Tag in der brütenden Hitze auf dem Gelände, stundenlang von Lärm und Musik beschallt, ohne backstagemäßige Rückzugsmöglichkeit, ehrlich, ich läge schon längst völlig erledigt in meinem Schlafsack – definitiv das letzte, was ich wollte, wären Liedermacher, denen ich zuhören müsste. Darum an dieser Stelle innigster und tiefempfundener Respekt für Euch Besucher und Euer Durchhaltevermögen.
Der Platz vor der Bühne ist nämlich noch sehr schön gefüllt, einige Leute haben sich zur Erhöhung des Hörvergnügens gar Bierbänke organisiert, so geht auch der Sitzpogo ziemlich ab, es wird gehlörig mitgeschunkelt, geklatscht, gesungen, alles ein klein wenig bierselig – aber bitte, es ist inzwischen fast zwei Uhr nachts, wem würde da nicht der Gerstentrunk in die Glieder fahren, dafür wird sogar crowdgesurft: Alles miteinander, eine Party zusammen. Toll!
Zu den Zugaben leert es sich schon etwas, aber das liegt in der Natur der Sache, und die meisten feiern weiter tapfer mit und gerne geben wir noch eine ungeplante Zugabe zusätzlich, da Frösche doch sehr vehement gefordert wurde. Börnski läßt die Fingerpistolen knallen und der schönste Versprecher des Abends kommt von Fred bei Durchschnitt: Ich fahre SPD. Genial!
Nach dem Konzert wird der Platz leider sehr schnell geräumt, auch die Monster teilen sich schnell auf: Claudio, Burger, Labörnski und Fred fahren geschafft ins Hotel, Pensen, Rüdi und ich haben noch nicht genug und wollen noch Adrenalin abbauen. Börnski, mein Zimmergenosse heute, erteilt mir noch die Erlaubnis, ihn bei der Heimkehr zur Einkehr aus dem Bett zu klingeln, dann spaziere ich mit den Zwillingen, die in letzter Zeit scheinbar auf allen unseren Festivals auftauchen, zum Zeltplatz, da wir von einer Bühne gehört haben, die dort steht. Tut sie auch, allerdings sitzen da nur noch ein paar vereinzelte Gestalten und intonieren etwas leiernd Hosensongs, egal, wir setzen uns dazu, Steffi und Tobi aus Fulda sowie Andy und Freunde der Elfmorgens schlagen auch noch auf und die Runde wird noch sehr nett. Weiterhin gesellt sich ein junger Mensch zu uns, der recht derangiert scheint und der recht ausufernd von seinen Nöten mit der besseren Hälfte ungefähr zwei Dutzend mal in extakt gleichem Wortlaut berichtet, scheint die Zeit gekommen, sich zu verabschieden und das Hotel aufzusuchen.
Ein schöner Spaziergang unter Sternenhimmel, dem etwas ländere Wartezeit vor dem Hotel folgt, denn der Portier ist recht schlaftrunken, als er mir die Tür aufschließt, nachdem ich ihn rausklingeln musste. Börnskis Handy vertröstete mich leider nur mit der Mailbox, aber auch mir ist das schon passiert, daß ich meiner Hilfestellung als Türöffner für später eintreffende Monster aufgrund Schlaf nicht nachkommen konnte.
Leise schleiche ich letztendlich ins Zimmer. Börnski schläft tief. Dennoch bemühe ich mich, gespensterhaft leise durch den Raum zu schweben, um ihn nicht zu wecken. Pschht, ermahne ich mich selber mittels Zeigefinger, pschhht.
Es ist ca. 6 Uhr morgens...
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