19.06.2010 Würzburg, Umsonst und Draussen
von Totte
Gegen das trügerische Idyll der vergangenen Sonnentage war Herrn Falladas Blechnapf eine ziemlich sichere Tauchstation. Weil aber Sonnentaga eigentlich auch genossen werden sollten, ließ ich nur zu gerne hier und da den Käpten Blaubär aus seinen 13 Leben erzählen, was schön kurzweilige, wenn auch sehr an eine Pratchett/Adams Kollaboration erinnerte. Blöd an Sonnentagen ist, wenn sie sich an Open Air-Tagen nicht blicken lassen. So schau ich am heutigen Samstag über den schwarzbewölkten Hafenhimmel, nippe am Kaffee und wünsche mich in eine gemütliche Bürotätigkeit. Aber nein: Da klingelt das Telefon, mein Abholkommando steht parat.Fred und Bönski begrüßen mich und verweisen resignativ lächelnd auf unseren Reisebus, diesmal ein „Multivan“. Oh, das wird kuschelig, denn im Gegensatz zu unseem liebgewonnenen Sprinter verfügt der Bus zwar ebenfalls über neun Sitze, hat dafür aber ABSOLUT KEINEN STAURAUM. Die Merchkisten und Gitarren verteilen sich wild über den gesamten Raum, bis Würzburg ist das kein Problem, denn Pensen, Timmey und Claudio kommen aus Dresden gleich dorthin und Rüdi reist per Bahn aus der Schweiz oder Berlin, ich weiß es gerade nicht. Jedenfalls müssen wir in Göttingen nur Burger einladen, zuvor aber noch rasch einen Autobahntreff mit Pack-Flozze vereinbaren,um CDs besagter Supergroup einzuladen. Die Fahrt verläuft eigentlich sehr ruhig, Glen Miller dudelt schönste Melodien über die Autobahn und dann sind wir auch schon da. Hallo Würzburg. Eine wirklich schöne Stadt. Ziemlich Heavy Metal lastig, wie im im Verlaufe des Abends erklärt bekomme, aber das möchte ich jetzt nicht als Feststellung meinerseits mißverstanden wissen, denn dann heißt es nachher wieder: „Totte, du lügst!“
Ist ja auch stets wieder lustig, womit man plötzlich Gemüter erzürnen kann, einmal schrob ich von einer vergeblichen Tankstellensuche in Ostfriesland und nannte die Region nebensätzlich eine tankstellenarme Region, worauf sofort wutbebende Gästebucheinträge auf die imposante Tankstellendichte in Ostfriesland pochten. Man muß also stets auf dem Quivive sein.
Warum ich das hier schreibe? Ich komme gleich darauf zurück.
Zunächst aber stehen Begrüßungen, Akklimatisierungsmaßnahmen und gemütliche Festplatzspaziergänge auf dem Plan.
Sehr schönes Ambiente, gleich am Main die Bühne, viele Schmuckstände und Menschen jedweden Alters, die „Hugs for free“ verteilen. Auf einer überdimensionierten Textwand auch gar ein Monsterslied (keine weiteren Antworten), der Weg zur Hochkultur ist geebnet. Neben der großen Bühne gibt es noch eine U25-Bühne, die vorwiegend HipHop-Bands bespielen. Ein bißchen kann ich zuhören und (ich glaube, es waren) Roobn&Nanoo genießen, dann wird’s aber auch bald schon Zeit für den Soundcheck.
Der Platz füllt sich immer mehr und unser Soundcheck gelingt schön launig und albern, dafür aber auch kurzweilig und ziemlich rasch..
Dann Anmoderationvon Birgit Süß, die sich erfreulicherweise richtig mit uns beschäftigt hat, und aus unserem Tourtagebuch vom letzten Würzburg U&D –Auftritt zitiert. Und an dieser Stelle sei der Bogen geschlossen, denn es geht in dem Zitat darum, daß wir von „nicht Monster geschultem Publikum“ sprachen, was einige Buhrufe hervorzaubert. Hm, was ist denn an der Feststellung verkehrt, daß uns Leute noch nicht kennen? Eben, Mißverständnisse lauern überall. Aber auch cool, irgendwie. Und eine schöne Ansage, auf jeden Fall. Jedenfalls beginnt die Monstershow und – verdammt – das ist einfach grandios! Der Platz ist total voll mit sehr, sehr gut gelaunten Menschen, die Sonne kriecht hervor, vertreibt die Wolken und die Stimmung ist unglaublich! Der Draht der Verständnis zwischen Bühne und Publikum ist sofort hergestellt und auch wir selbst sind richtig bei der Sache. Soviele Hände, die mitklatschen, soviele Kehlen, die lauthals mitsingen, soviele lachende Gesichter. Bei Sitzpogo sitzt plötzlich der halbe Platz auf dem Rasen und schunkelt ausgelassen mit, die Konfettibomben verkleiden dank Wind beinahe komplett die Bühnenstrahler, es ist ein wunderschöner Auftritt. Und das war erst Teil eins, denn um Mitternacht spielen wir gleich im benachbarten Festzelt auf. Cool.
Jetzt ist erstmal Pause und ich spaziere nochmal zur U25 Bühne, bekomme zumindest noch zwei Lieder der sehr sympathischen Creamhilds Jazzpants mit und bestaune im Anschluß die großartigen Brixton Boogie, die enorm grooven. Wow.
Dann wird’s langsam Zeit für den Soundcheck im Zelt, zwischendurch gehe ich der armen Bierzapferin noch etwas auf den Zeiger, weil ich immer Durst habe, wenn sie gerade essen will, je nun, Festivalsaison eben.
Um Mitternacht ist das Festzelt tatsächlich voll! Was ist denn heute los? Vor begeistertem Schreck betrinke ich mich rasch, dann kommen die Hocker und dann geht’s los zur zweiten Runde: Natürlich spielen wir andere Lieder, denn wenn man schon viele Lieder hat, kann man sich Dopplungen auch sparen. So gibt es in diesem zweiten Teil auch ein paar ruhigere Stücke, die Hochzeitsrede, die französische Kleinstadt, Bühnensüchtig undundund, aber natürlich auch klare Abgehnummern. Ein – kurzer Unbescheidenheitsanflug – schönes Set, das uns aufgrund der vielen eher seltener gespielten Lieder, selbst ziemlichen Spaß macht. Und dann der Blick auf das übervolle Festzelt mit den tollen – Achtung, ehrliches Kompliment – sehr monstergeschulten Menschen hier, mir gehen schon wieder die Superlativen aus! Gerne, gernstens geben wir Zugaben und wir würden auch noch mehr geben, wenn nicht die Macht des Systems anklopfen und auf Gesetze und Begrenzungen pochen würde. Schade. Aber zumindest Alhgerien komplett unplugged kriegen wir noch hin, und das das in diesem Rahmen überhaupt so gut klappt, ist das Sahnehäubchen. Vielen Dank, Merci und Grazie, Würzburg, das war stark!
Im Anschluß gibt’s noch Drinks und viele nette Gespräche, die Mr. Pipp – Crew ist erfreeulicherweise samt Maestro vor Ort, Pipp selbst grüßt hauptsächlich Teddypard, der – später auf der kuscheligen Rückfahrt ins Hotel – ziemlich erzürnt darüber ist, davon nicht früher unterrichtet wordemn zu sein. Glen Millert beruhigt ihn dann aber, denn so sind Raubtiere mit musischen Veranlagungen eben: Aufbrausend aber nicht nachtragend.
Tja, und das wars dann auch im Groben: Die vielen Details, die kleinen Dinge, die solche Tage erst richtig leuchten lassen, wurden hier natürlich wieder unterschlagen. Etwas atemlos, der ganze Bericht, aber die Nacht war kurz und der Tag davor lang. Und randvoll gestopft mit tollen Erlebnissen, die hier zu beschreiben den Glanz ermatten lassen würden.
Denn, wie heißt es doch so schön? Dabei sein ist alles. Gut, dabei gewesen zu sein. Sehr gut.
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