Nachtleben (ausverkauft), Frankfurt am Main
26. Nov. 2018

Tourtagebuch

Nachtleben (ausverkauft), Frankfurt am Main

26. Nov. 2018

von Totte

Ich beginne den Tag heute damit, den Tourbericht für gestern zu schreiben. Insofern nicht ganz was besonderes, weil ich das eigentlich immer so mache. Aber heute bin ich außérgewöhnlich früh dran: es ist drei Uhr in der Nacht, unser Bus steht am Bahnhof Bigge und alles schläft noch. Ich bin aber wach und will nicht lesen. Also sitze ich in unserer Couchecke und tippe und befinde mich in einer angemessen befremdlichen Stimmung, leicht sediert und in stiller Nachdenklichkeit. Das ist natürlich Quatsch, sollte aber ein atmosophärisches Nachtbild erzeugen. Ich hoffe, es hat geklappt. Um sechs Uhr bin ich allerdings immer noch wach, da kann ich gleich Soelve begrüßen und Werner verabschieden, bevor der Motor wieder läuft und ich mich durchs Brummen in den Schlaf tragen lasse.

Wir fahren heute im Etappenmodus, weil Frankfurt so nah, unsere Veranstalter aber erst gegen 14 Uhr vor Ort sein können. Also heißt es Park and Ride, Toiletten auf Rasten, für Fred und Rüdi schlechte Käsespätzle und mieses Fleisch, für mich einen normalen Veggie Burger, Kaffee, Koje, Tralala. Was berichtet man eigentlich nach 15 Jahren Tourleben? Man weiß doch alles übereinander, voneinander und miteinander. Gibts für Euch zwei, drei LeserInnen eigentlich noch Geheimnisse? Sollte man das ganze Ding hier nicht langsam auch mal einfrieren? Ich kann ja nicht immer was spannendes erfinden, damit hier mal Power reinkommt. Eine Drogenstory oder was mit wilden Tieren. Neulich habe ich zum Beispiel mal eine Wespe nicht erschlagen. Auf Tour war das. Vorher gabs einen heißen Kaffee ohne Milch. Harter Tobak? Cool?

 

Vorm Nachtleben angekommen, müssen wir schnell sein: Veranstalter Eddie steht bereits bereit, um und beim Busausladen zu helfen, wir parken quasi auf der Hauptstrasse, da ist Eile gefragt. Glücklicherweise sind auch Lasse und Claudio schon da, so können wir sie in die Arme schließen und wir sind genug Leute, um in Rekordzeit alles verladen zu bekommen. Knöllchenfrei aber unter Aufsicht, wie ich glaube. Jedenfalls steht eine Abordnung OrdnungsamtlerInnen da rum. Gibt ja sonst nix zu tun, Naziaufkleber abkratzen oder sowas.

Im Club Kaffee, Toilette, Aufbau und diverse Smalltalkereien, Claudio berichtet von den Le Fly Auftritten der 257er-Tour, die anscheinend sehr gut ankommen.

Wir checken den Sound,bebanken den Raum und gehen dann zu Buster-Pasta, ein traditioneller Dinner-Gang bei nachtlebenkonzerten. Hernach wird’s langam Zeit fürs Einmonstern und dann geht’s los: Bergfestkonzert der 15 Jahre-Tour.

Die beiden Nachtlebenkonzerte stellen auf unserer Tour insofern eine Besonderheit dar, daß wir die Zahl der Tickets bewusst ein bißchen kleiner gehalten haben, um den Rahmen möglichst familiär zu gestalten. Das ist auch durchaus gelungen, wenn man es ganz genau betrachtet, wären auch sicher ein paar Leute mehr nicht abträglich gewesen. Aber man weiß es im Vorfeld halt nicht immer. Zudem wird so der Abend wirklich etwas ganz besonderes. Leuchten tut er vor allem bei Mathe und Selbstverständlichkeit, aber auch Walgesänge und Best Western bringen kurzfristige Getragenheit in den Club. Dem gegenüber steht eine Sache, die wir im Vorfeld nicht berechnet hatten. Sie ist grün und heißt „Pfeffi“. Aus einem eher theoretischen Gag, von der Bühne aus Schnaps zu bestellen, der eher klassisch an frühere Konzerte erinnern sollte, entsteht exakt das, was dann auch damals immer geschah: Ein heilloses Durcheinander unter gehörigem Alkoholeinfluss. Textzeilen geraten plötzlich durcheinander, Ansagen klingen auf einmal kratzbürstiger als erwünscht, andere Moderationen und Lieder weiten sich zu epischen Klanggemälden aus, Flaschen kippen und erhobene Hände kommen einander ins Gehege. Andererseits klärt das Pfefferminzgemisch einige Stimmen, die zu Konzertanfang noch weitaus rauhbeiniger klangen. Es ist ein großer Spaß auf beiden Seiten der Bühne, auch wenn mich wiederkehrend der verdacht beschleicht, dass man es hier mit einem B-Movie der Kategorie „so schlecht, dass er schon wieder gut ist“ zu tun hat, zumindest in Teilen, denn manchmal verlieren sich doch ganze Songteile im Nirvana. Andererseits entstehen aber auch echte Spontimomente, und Spontimomente, dass weiß man, waren schon immer wichtige Teile der Frankfurter Schule. Anbei, was sich auch am nächsten Tag bei klarem Kopf für mich nicht erklärt: was hat denn Frankfurt gegen Offenbach? Ist das so ein Köln/Düsseldorf-Ding? Falls ja, mein Rat: Lasst das. Auch das Köln/Düsseldorf-Ding ist doof. Wir brauchen mehr Zueinander auf der Welt.

Nach dem Konzert geht’s noch in kleinen Teilen in eine Kneipe, in der sehr gern getanzt und fritiert wird, dann muss ich irgendwann heim, verdächtige den Taxifahrer zu Unrecht, Umwege zu fahren, bekomme einen Reueanfall, gebe extra viel Trinkgeld und entschuldige mich derart ausufernd, dass ihm fast leid tut, keine Umwege gefahren zu sein, bevor ich mit Claudio und Börnski im Nightliner den Abend bei einem letzten Bier nochmal Revue passieren lasse. Einig werden wir uns nicht, aber auch das gehört dazu. Und zumindest da geben wir einander recht: es war außergewöhnlich. Vielen Dank, holdes Frankfurt, wir kommen gern wieder. Und zwar schon heute. Darauf einen großen Kaffee!

 

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