Tourtagebuch

Open Flair Festival, Eschwege

14. Aug. 2011

von Rüdi

Sonntag, 14. August, Eschwege, Open Flair

Ungelogen. Ich, der Chronist dieser Tage, sitze seit eineinhalb Stunden ratlos vor meinem Bildschirm und versuche, einigermaßen angemessen auf das zu reagieren, was am Sonntag passiert ist. Ich habe bisher alles wieder gelöscht, was ich geschrieben habe, es war alles der reinste Bullshit. Ich bin spazieren gegangen, habe Musik gehört und immer wieder musste ich mit meinen Gefühlen kämpfen, daß ich nicht vor Rührung los heule. Und jetzt sitze ich wieder hier und wünsche mir, ihr könntet einfach eine Sonde in unser Gehirn schießen und selber nachgucken, wie es uns geht.
Ich möchte den Tag nicht beschreiben, nicht so, wie wir es üblicherweise in einem Tourbericht tun - ich möchte mir einfach die Seele vom Leib schreiben.
'Es muss ja nicht viel sein' - sage ich mir immer wieder, aber wenn Qualität Quantität aufwiegen soll, dann würde ich am liebsten hier einen Grimmepreis verdächtigen Beitrag für die Ewigkeit einhämmern.
Aber ich dagegen sitze hier vor einer momentan schier unlösbaren Aufgabe, weil ich bisher noch gar nicht verarbeiten konnte, was da auf uns niederging.

Wir Monsters befinden uns in einer Art Schockzustand. Für mich persönlich besteht er, seitdem ich nichts oder wenig ahnend auf die Bühne kam, mein Schlauchboot ablegte und mich zum ersten Mal Richtung Publikum drehte. Mein Herz blieb fast stehen und mir entfuhr ein spontanes 'Oh, Gott!!!' Seit diesem Moment kämpfe ich gegen Tränen. Ich hasse es, zu heulen und dabei beobachtet, geschweige denn gefilmt zu werden. Vielleicht sieht es ja keiner? Jaja, von wegen. Burger erwischte die Kamera wohl voll, ich kriegte das erst gar nicht mit, ich erinnere mich nur, wie er vor der Zugabe kaum zu bewegen war, wieder auf die Bühne zu kommen. Er stand einfach regungslos da und stierte vor sich hin - Schockstarre. Oder Fred, wie er auf der kleinen Bühne in einer unsichtbaren Ecke saß, während 'Das Pack' spielte - Schockzustand. Wohin sich Totte verkrümelt hat, weiß ich gar nicht, vielleicht saß er auch neben mir - alles ein Film, der nicht zurückzuspulen ist. die Flair-Orga traute sich kaum, uns anzusprechen. Labörnski? Fragt mich nicht, was der tat, jeder war mit sich selbst beschäftigt - alle im Schock. Und Pensen feierte sich mit 'Das Pack' die Seele frei, das die Fetzen flogen.


Warum das alles? Keine Ahnung.
Vielleicht sind wir an diesem Tag an der Grenze dessen angelangt, was wir an Zuwendung ertragen können.

Als wir abends noch im E-Werk interviewt wurden, sagte ich, daß dies das schönste Konzert meines Lebens war. Ich möchte diesen Satz aus meiner ganz persönlichen Sicht erklären:
Ich bevorzuge eigentlich kleine Konzerte. Viele Menschen verunsichern mich, wenn ich nicht die Monsters hätte, würden sie mir sogar Angst machen. Natürlich geniesse auch ich die steigende Aufmerksamkeit, die unserer Band widerfährt, aber ab einer gewissen Größe mache ich innerlich zu und krampfe.
Bei diesem Konzert wurde mir diese Angst genommen, vielleicht nachhaltig. Meine persönliche Schocktherapie. Ich habe mich zum Beispiel noch nie im Leben getraut, zu stagediven, weil ich mir immer sicher war, daß man mich nicht auffängt. Und dann sitzen wir in diesen Booten.......


Wir lieben dieses Festival!

Ich mach jetzt Schluss - bevor ich wieder alles lösche und von vorne anfange, weil mir schon wieder nicht gefällt, was ich schreibe. Vielleicht gibt es morgen einen neuen Bericht, einen in dem ich dann auch von den Zwergen erzähle, die die Bühne enterten oder der crowdsurfenden Security. Und von den vielen Menschen und den anderen Bands und all dem, was in meinem Kopf wieder auftaucht, wenn das Hirn wieder Platz hat.

Nur eines möchte ich doch kurz noch am Ende verraten: Die Schlauchboot-Idee stammte von Markus Stolle.

Natürlich einem Flairist!

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