Tourtagebuch

Rocco del Schlacko, Püttlingen

13. Aug. 2011

von Rüdi

Tag 3, Rocco del Schlacko, Püttlingen

Man schläft gut in so einem Nightliner, erst recht wenn er fährt und trotzdem man sich mit Unmengen von taurinhaltigen Getränken wachgetrunken hat. Es war schon eine ziemlich exzessive Party gestern auf dem Taubertal-Festival, die ihre spürbaren Nachwirkungen hinterlassen hat. Entweder sind wir verkatert oder schlichtweg noch immer betrunken, jedenfalls kommt da eine Mannschaft auf dem Rocco del Schlacko an, die ziemlich verklebt aus den Augen schaut und unverständliches Zeug vor sich hin stammelt.
Der Bus parkt neben dem Nightliner von Fanta 4 (heißen die jetzt eigentlich wirklich so?) auf dem Busparkplatz, eine halbe Stunde Fußmarsch vom Festivalgeschehen entfernt. Man kann da nicht näher ranfahren, weil die Wege dorthin zu schmal sind, aber es gibt einen ständigen Shuttleservice aufs Gelände.
Da die einen sich nach Duschen sehnen, die anderen nach Frühstück und noch mal andere schon ganz gerne ihre Arbeit aufnehmen möchten, da heute bestimmt alles ein bisschen länger dauert, nehmen wir direkt den ersten Shuttle aufs Gelände. Eine weise Entscheidung, wie sich bald herausstellt.
Denn ab sofort befinden wir uns im Musikerparadies.

Das Team

Wie im letzten Jahr, als wir auf dem Ponyhof dieses phantastisch schöne Festival in einem Late-Night-Special eröffnen durften, nimmt uns auch dieses Jahr Dennis wieder in Empfang.
Hier ist dies, dort ist das, erklärt er uns, Frühstück und Essen gibts ein paar hundert Meter weiter, unser Backstage ist neben allen anderen in einem großen Zelt, da gibts auch Duschen, wir kriegen einen Schlüssel, Getränke sind in einer großen Truhe, Spirituosen werden auf unseren eigenen Wunsch erst nach der Show ausgehändigt, aber Bier, Süßigkeiten, Salziges und vor allem - heute ganz wichtig - Wasser gibts in unmittelbarer Reichweite.
Die meisten gehen duschen, ich gehe frühstücken und lasse mich von der Waldluft auf dem herrlichen kurzen Spaziergang erfrischen.
Der Weg endet bei einem kleinen Knusperhäuschen mit großer Terrasse, da sitzen die Bands und die Crews und die Festivalmitarbeiter zusammen in der Sonne, frühstücken und plaudern.
Ich setze mich zu einem rothaarigen jungen Mann und starte das Gespräch, indem ich über sein Frühstück läster, denn er isst Chili con carne,
'I prefer yours, but I need mine' sage ich und kaue auf meiner Karotte und er versteht, was ich damit meine - wahrscheinlich auch, weil man mir mein Sodbrennen aus dem Gesicht lesen kann. Er heisst Billy und ist der Sänger und Gitarrist der 'Subways' und von ihm und seinem Tourleiter erfahre ich jetzt auch, was gestern mit Iggy Pop los war: Der Mann hat ein kaputte Hüfte und wahrscheinlich rasende Schmerzen bei seinen Auftritten. In mir kocht wieder Bewunderung hoch.
Um mal eine saublöde Überleitung zu machen: A propos 'kocht': Alles, was hier aufgetischt wird, wird in absolut liebevoller Schnippel- und Brutzelarbeit von einem jungen und tollen Team auf die Tische gezaubert. Es gibt Fleisch von Grill, Unmengen von verschiedenen warmen Essen, leckeres Kaltes, Quarkspeisen, Joghurts - alles, was man in irgendeinem Zustand für seinen Körper brauchen kann.
Eben auch Karotten mit Dip.
Und noch etwas gibt es hier: Einen Masseur. Ich war zwar grade gestern, aber die Rückenschmerzen sind noch immer da und weil ich bei 'Iggy and the Stooges' pogen war, sind sie sogar noch schlimmer geworden. Ich lege mich also bei Miko auf die Bank in Erwartung auf furchtbare Schmerzen, doch der Mann, fängt an, auf meinem Rücken mit seinen Fingerspitzen wie ein Blinder zu lesen.
'Leg dich mal auf die Seite!' - sagt er.
'KNACK!' - macht es.
'Das wars wohl.' - sagt er

Wie ein Wiesel hüpfe ich den Waldweg zurück zum Gelände, wo ich den anderen Monsters derart begeistert von meiner plötzlichen Genesung berichte, daß sie einer nach dem anderen zu diesem Heilsbringer pilgern.
Danke, Miko - du hast es wirklich drauf!

Auf der Bühne wird von einem absoluten Obercheckerteam derweil unser Sound zusammengebastelt, auch hier herrscht bilderbuchfamiliäre Stimmung. Nie ein lautes Wort, nie ein Gemotze - alles passiert hier in Gleichklang. Wir fühlen uns sauwohl!
Wenn doch nur der schlimme Kater nicht wäre.......

Das Konzert

Ich fasse mich kurz. Das Konzert ist der Wahnsinn. Noch nie bin ich schneller und wirkungsvoller aus meinem postalkoholischen Tran gerissen worden und es geht der ganzen Band wie mir. Als wir um 14 Uhr die Bühne betreten, gibt es nur einen Gedanken: 'Das gibts doch nicht!' Vielleicht gibt es das wirklich nicht, vielleicht sehen wir ja immer noch doppelt, aber vor uns steht und feiert der gesamte gefüllte Platz! Mittags, erste Band und der Platz ist voll bis hinten hin!
Während ich noch am Schlucken bin, wird ein Schild hoch gehoben: 'Monsters, wir lieben euch! Eure Catering Crew' und da ist es um mich geschehen. Ich kämpfe ein halbes Lied lang noch gegen die Tränen an, aber dann geb ich auf - muss ich aufgeben, denn wir werden derart angestrahlt und uns fliegt so viel Zuneigung zu, daß es schwer zu verkraften ist, wenn man doch eigentlich ein cooler Rockstar sein will.
Es ist einfach unfassbar und die Liste der schönen Momente nimmt kein Ende. Dieses Konzert ist ein Flash!
Das Publikum hüpft, tobt, singt, pogt, hält Schilder hoch (Brauchen Sie noch ihren alten Goldschmuck?)(Gefällt mir) und wirft uns schlichtweg seine Zuneigung entgegen und uns damit aus der Bahn.
Dreimal breche ich in Tränen aus und den anderen gehts nicht viel besser. Ich kann mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, das Konzert ist wie ein wunderschöner Rausch und wird unvergesslich bleiben - egal, was jemals mit uns geschehen wird.

Backstage

Der Backstagebereich ist eine Oase. Wir lümmeln auf Liegen herum, um uns von unseren Gefühlen zu erholen, plaudern mit den Bands, Chris von den 'Broilers' kommt vorbei, den wir von 'Sondaschule' kennen, wir schlendern hin und her, die Spirituosenflasche kommt ins Spiel, es wird dunkel, wir hören uns jede Band an und sind entzückt, dabei sein zu dürfen. Besonders nett finde ich übrigens Billy von den 'Subways', Fred ist ein großer Fan von dieser Band und hat sogar ein Poster von ihnen in seiner Wohnung, was ich Billy natürlich petze und da kommt Fred gerade vorbei und gibt das ganz verlegen zu und Billy freut sich und klönt mit Fred gleich weiter. Die Organisationscrew gesellt sich zu uns, wir teilen unsere Getränke und - was soll ich sagen. Schöner kann es eigentlich nirgends sein, als jetzt hier.

Die Bands

Auf den Türen des Backstagebereichs stehen folgende Namen: Fanta 4, NOFX, Subways, Boy hits car, Frank Turner, Broilers, Rise against, Großstadtgeflüster, die wir allesamt hören können.
Oh mein Gott!

Die Fans

Beim Lesen unseres Gästebuchs kriege ich Gänsehaut und ich weiß, daß die ganze Band in diesen Tagen alle halbe Stunde reinschaut, um sich bestätigen zu lassen, was so unfassbar war und ist.
Und ein Spaziergang über das Gelände war nie schöner als hier, wir haben unzählige Kontakte mit euch gehabt, Autogramme gegeben, Fotos gemacht und es war nicht ein einziges Mal dabei, wo es uns lästig gewesen wäre - weil ihr ganz ganz toll wart. Alle miteinander und ohne eine einzige Ausnahme - Rekord!

Galerie