Tourtagebuch

Taubertal Hauptbühne, Rothenburg ob der Tauber

12. Aug. 2011

von Rüdi

Freitag, Taubertal, Hauptbühne

Ich erwache mit einem schlechten Gewissen. Als ich heute morgen als erster den Nightliner betrat, wollte ich mich noch ein bisschen berieseln lassen - Fernsehen, Musik, irgendwas. In so einem Bus geht so was ja wohl. Also habe ich versucht, mittels allerhand rumliegender Fernbedienungen die Monitore in Gang zu kriegen. Nach wenigen Minuten Rumgefummel hinterliess ich in der Raucherlounge ein Meer von flimmernden und rauschenden Bildschirmen, ich hab dann auch noch im Menü rumgemacht und danach ging gar nichts mehr. Vielleicht gehts ja in der Nichtraucherlounge, dachte ich mir und erzeugte das gleiche Chaos, zusätzlich zu einer blinkenden Alarmleuchte, nachdem ich mich an einer Schalterleiste verging, die da angebracht war. Hätte ich den 'An-Aus'-Knopf für den Bus gefunden, hätte ich wahrscheinlich versucht, den Nightliner neu zu initialisieren, aber glücklicherweise bin ich dann einfach ins Bett gegangen.
'Ob man hier wohl jemals wieder wird fernsehen können?' war mein letzter Gedanke und jetzt erwache ich und höre Musik.
Puhh - Erleichterung. Die Herren Kollegen haben das irgendwie wieder in Gang gekriegt, trinken Kaffee oder sind duschen und gucken allesamt ziemlich verkatert aus der Wäsche. Halbschlaftaumelnd suchen wir im Backstage der Hauptbühne irgendwas zu essen, denn der Bus steht in ziemlicher Nähe und man kann ja mal gucken gehen, ob es schon irgendwas gibt. Für uns soll ein Container bereit stehen, da können schon mal die Klampfen rein und so weiter, weiß auch nicht so genau. Die Gedanken stolpern durchs Hirn, nur ganz ganz grobe Details werden wahr genommen, Und da seh ich eins, ein ziemlich grobes Detail, daß so einen bekennenden Uncoolen wie mich doch ziemlich schlagartig wach macht: Wir teilen uns den Container mit 'Iggy and the Stooges'! Peng - wach bin ich! Und jetzt sehe ich auch das riesengroße, reichhaltige und mit Liebe gemachte Frühstücksbuffet und die kolossale Bühne, die wir heute einweihen werden.
Überall wird geschuftet und telefoniert und organisiert, Medienmenschen rennen rum, Rollcontainer werden auf die Bühne geschoben, Gitter aufgebaut, Wellenbrecher transportiert - ein unglaublich durchorganisiertes Treiben findet überall statt. Und dazwischen stehen die verpennten Monsters und sind dabei, sich das Frühstück zu organisieren. In solchen Momenten wird einem klar, was hier alles für uns und für euch, liebe Festivalbesucher, geleistet wird und manchmal läuft es einem da schon kalt den Rücken runter vor Glück und Dankbarkeit - ganz ehrlich.
Höchste Eisenbahn, fit zu werden, schließlich eröffnen wir nicht nur das Festival, sondern uns steht auch ein immenser Interview-Marathon bevor, viel Freizeit ist heute gar nicht drin, wie wir feststellen, als Totte uns den Stundenplan erklärt. Br3-Alpha war gestern, das hab ich im gestrigen Bericht unterschlagen, weil ich einfach aufgrund der Fülle der Eindrücke die Tage durcheinander kriege, aber heute sind die Tauberplanscher, das ZDFkultur, diverse Internetblogs und was weiß ich nicht mehr alles dran, also nach dem Konzert nicht gleich ausflippen! Vorher muss das Merch noch an den Merchstand, der liegt einen halben Tagesritt weg, da wo es auch die Zigaretten gibt und wo wir gestern im bayerischen fernsehen waren usw und so fort. Timmey und unsere beiden Techniker Urs und Claudio leisten dabei rührende Arbeit, nehmen uns vieles ab, es ist wirklich wunderbar, daß in diesen Tagen die ganze Monstersfamilie komplett zusammen ist.
Während des Frühstücks entdecke ich ein Massagezelt, wo ich mich für den Nachmittag anmelde - irgendwann heute muss ich mich mal um meinen Rücken kümmern, denn die Schmerzen wollen einfach nicht abnehmen und ich habe keinen Bock, noch länger auf der Bühne rumzurentnern. Bei 'Schönheitschirurg' bin ich seit einiger Zeit immer der letzte, der aus der Hocke nach oben kommt und wenn ich das Tanzbein schwinge, sieht das eher aus, als würde Herman Munster über Kabel stolpern.
13.30 Uhr: Soundcheck vor einem leeren Feld. Nun gut, das kennen wir ja schon von gestern, aber andererseits waren gestern ja auch schon alle da und haben uns jetzt schon mal gesehen. Werden sie wohl wieder aus ihren Zelten krabbeln? Kräfte wollen geschont sein auf so einer Riesenparty und bis 'Iggy and the Stooges', der heutige Headliner, auftritt, sind es noch gut 10 Stunden.....
Aber ihr wisst es ja alle schon und wer nicht dabei war, wird es ahnen: Natürlich sind sie da, diese wunderbaren Taubertalianer, die wollen sich einfach nichts entgehen lassen!
Punkt 14.30 startet also der offizielle Teil des Taubertal-Festivals vor einer stattlichen Kulisse und mit uns sechs Klampfenbarden auf der Bühne.
Wir starten mit 'Marzipan', ein lautes 'A' schallt durch das Tal, das während des Lieds immer noch lauter wird, weil immer mehr Menschen vor die Bühne strömen. Wir spielen ein komplett anderes Set als gestern im Steinbruch, heute sind eher die etwas neueren Songs dran. Aber wir kriegen auch nicht ganz die Dichte des gestrigen Abends hin - vielleicht liegt es an der Uhrzeit, vielleicht an der Konzentration, vielleicht sind wir auch noch ein bisschen von der großen Bühne verschreckt, auf der später die fetten Bands spielen werden - wir wissen es nicht. Wir sind gut, aber nicht in totaler Höchstform, verpeilen Texte und Ansagen und der ein oder andere Song ist möglicherweise nicht perfekt platziert. Das Publikum tut aber so, als wären wir super und macht uns eine Freude nach der anderen. Bei 'Auflaufform' wird gehüpft, bei 'Heidi und Seal' wird gesungen, bei 'Moti' lautstark Weltfrieden gefordert - alles super und sehr liebevoll. Der Bühnensound ist eine Wucht und diverse Kameras übertragen unsere Hitzköpfe auf Riesenleinwände. Schon imposant das Ganze. Wir im Fernsehen!
Es fliegen wieder diverse Gegenstände auf die Bühne, aber nur lieb gemeinte und zum Text passende: Tempos, Unterwäsche, Eukalyptusbonbons....
Ein Tag kann wirklich kaum schöner starten, das Wetter spielt mit und als wir nach einer Stunde mit unserem Programm fertig sind und ankündigen, daß wir uns gleich am Merchstand zu einer Kuschelstunde einfinden werden, freuen wir uns wirklich darauf, möglichst viele Menschen drücken zu können.
Danke an euch, daß ihr da wart und diesen Auftritt zu einem Erfolg gemacht habt!

Nach der Kuschelstunde folgt dann ein Nachmittag voller Interviews und Fernsehaufzeichnungen. Wir singen 'Heidi und Seal' fürs ZDF und geben ein total abgedrehtes Interview für die Tauberplanscher - auch das wird gefilmt. Wir kriegen eine Gitarre in die Hand gedrückt und sollen die Fragen spontan mit einem Lied beantworten. Tolle Idee - machen wir!
Dieses Video wird dann - für uns alle total überraschend - vor dem Headliner auf die Großbildleinwände übertragen. Ich bin zu dieser Zeit gerade auf dem Weg zum Merchstand, als das passiert und bleibe wie angewurzelt stehen und fasse es nicht, daß mit diesem Nonsens gerade das Taubertalpublikum - sagen wir mal - 'konfrontiert' wird. Ein paar Fans erkennen mich und gucken das Video mit mir zusammen. Ein sehr surreales Erlebnis. Danke dafür, liebe Tauberplanscher, ihr versteht es, einen zu überraschen!

Dann kommt er, der Headliner!
'Iggy and the Stooges'
Iggy Pop

Zuerst stehen Totte und ich am Bühnenrand, um uns den Hexensabbath anzusehen, wie Totte sich ausdrückt. Als wir aber zweimal den Mittelfinger von Iggy Pop zu sehen bekommen mit dem lautstarken Kommentar 'Fuck you, VIPs!!', beschließen wir, uns den Rest des Konzerts in vorderster Reihe anzusehen und lassen uns ins Geschehen fallen. Die Kraft der Bässe haut mir in den Magen, die Kraft des Auftritts haut mir ins Gehirn und die Schuhe der Crowdsurfer hauen mir auf den Kopf. Jetzt bekommen wir auch wohlgesonnene Blicke vom Meister des Punk!
Glücklich geprügelt und völlig außer Atem begeben wir uns wieder in den Backstage, wo wir von unseren Bandkollegen erfahren, daß unser Zeremonienmeister soeben mit schmerzverzehrtem Gesicht von der Bühne ins Zelt getragen wurde. Ein Bild, das die Band geschockt hat.
Morgen werde ich erfahren, was da los ist, aber in diesem Moment rührt ein unsichtbarer Löffel zwei Substanzen in meinem Magen zusammen: Bewunderung und Unverständnis.

Der Auftritt hat Spuren bei mir hinterlassen. Nicht nur die Blauen Flecken, die ich mir beim Pogen zugezogen habe (merkt ihr was? 'ICH' beim 'POGEN'!!) und die meine frühabendliche Massage hinfällig gemacht haben (Übrigens: Danke, Jakob!), sondern auch dieser emotionale Magenbrei, der mich ernsthaft beschäftigt.

Da hilft - um wieder klar zu kommen - am besten eins: Die Party am Steinbruch, wo in wenigen Minuten eine meiner Lieblingsbands spielt. Die, die mich vor zwei Jahren in Trebur zum ersten mal zum Pogen gebracht hat.
'Großstadtgeflüster'
'Wer kommt mit?' - fast alle.
Und eine Stunde später sitze ich überglücklich auf dem Parkplatz hinter dem Merchzelt und warte, daß uns der Shuttle abholt.

Mehr geht nicht - jedenfalls nicht bei mir!

Vielen vielen...........vielen Dank, liebes Taubertal! Der Tag war groß!

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