Tourtagebuch

Taubertal Steinbruch, Rothenburg ob der Tauber

11. Aug. 2011

von Rüdi

Wo fang ich an, wie fang ich an, womit fang ich an.....
Dieser Erlebnisaufsatz ist eine echte Herausforderung, denn wir haben in den letzten Tagen so viel erlebt, was wir noch nie erlebt haben, daß ich es nicht mehr alles auf die Reihe krieg. Die Tage endeten nicht irgendwann und begannen in einer neuen Stadt, sondern sie verliefen ineinander, die Erlebnisse überschlugen sich rund um die Uhr über uns und das Glück tropfte durch das Dach in unseren Nightliner. Und da haben wir auch schon gleich das erste neue Wort in einem Monsters-Erlebnisbericht: „Nightliner“.
Nightliner sind diese riesengroßen Busse, in denen die Superbands sitzen. Man erkennt sie an abgedunkelten Scheiben, daran, daß nie einer rauskommt – außer vielleicht dem Fahrer - und an den Fettflecken an den Fensterscheiben, weil jeder seine Nase dagegendrückt, weil er wissen will, wer drinsitzt.
Uns geht es da in keiner Weise anders als anderen Fans von Superbands, ich selbst habe das erste Mal letzte Woche beim Minirockfestival von außen einen verstohlenen und illegalen Blick in so ein Ding geworfen, sozusagen als Blick in die Zukunft. Ich habe mich das aber auch nur getraut, weil unser kleiner Sprinter daneben stand und ich mir dachte: Jetzt oder nie! Die Dinger strahlen eine seltsame Anziehungskraft aus – so ähnlich wie „Betreten verboten“ oder „Nicht anfassen“–Schilder und als ich da hineinblickte und die Band da sitzen sah, war es um meine Nachtruhe in der folgenden Woche geschehen. Denn ich wusste, daß wir Monsters nächste Woche auch in so einem Ding sitzen werden, genau wie die Großen und ich wusste, daß das bei uns wie eine Klassenfahrt ins Landschulheim ausgehen wird und ich fand Klassenfahrten schon früher immer das Aufregendste vom ganzen Jahr.

Und so träumte ich die letzte Woche drei Träume und die hießen „Nightliner“, „Nightliner“ und noch mal „Nightliner“.
Übermorgen geht’s los......
Morgen geht’s los......

Donnerstag, der 11. August

Gleich geht’s los! Ich bin gestern mit Alex, meiner Freundin, zu meinem Bruder Konrad hoch gefahren, sozusagen dem Bus entgegen nach Fulda und der hat mich dann hier abgeliefert, auf dieser Raste und da sitze ich nun, trinke Weinschorle und mein Puls schlägt mit jedem LKW höher, den ich aus der Ferne anrauschen höre.

Und endlich ist er da! Der da, der graue, dieses Riesen Ding! Und da kommen sie auch schon herausgepurzelt: Fred, Timmey, Claudio, Urs, Labörnski, Totte, Teddypard....die Monstersfamilie eben und daneben steht einer der wichtigsten Helden der folgenden Tage: Matthias!
Matthias ist unser Fahrer, aber nur vordergründig. Hintergründig ist er nämlich Gedankenleser und so werden wir an diesem Wochenende stets ein heimeliges Bett vorfinden, wenn wir nach hause kommen, Schokolade auf den Kopfkissen, Süssigkeiten auf den geputzten Tischen, der Papierkorb wird geleert sein, der Kamin wir brennen (ehrlich!) und die Aschenbecher und die Gläser sind sauber und......
In der Bar stehen Getränke, auf der Festplatte sind über 1000 Filme gespeichert (werden aber nicht gebraucht – sag ich jetzt schon), es gibt eine Raucher und eine Nichtraucherlounge (wird aber fast nicht gebraucht – sag ich jetzt schon), eine Kaffeemaschine, einen gefüllten Kühlschrank, eine Musikanlage – ich sag mal alles das, was man sich so ausdenkt, wenn man von außen seine Nase an so einen Bus drückt, ist drinnen auch tatsächlich vorhanden.
Swimmingpool?
Klar.
Und so betritt euer kleiner überwältigter Rüdi als letztes Monster den Bus und lässt sich das alles von den grinsenden Kollegen erklären und dann geht die Reise los in das vielleicht unglaublichste Wochenende der Bandgeschichte.

Immer wird dieser Bus eine wichtige Rolle spielen und darum soll er auch an jedem Tag literarisch gefeiert werden. Aus diesem Grund will ich diesen wichtigen Teil in alle meine folgenden Tourberichte aufnehmen – er ist wichtig für die Grundstimmung, mit der wir uns durch die Tage bewegen. Dieser Bus ist unser Mutterschiff und Matthias ist der Commander.

Er ist ein wenig verwundert über diese seltsame Bordcrew mit ihren kleinen Instrumenten und den großen staunenden Augen. Aber – auch so viel sei hier schon verraten – er wird sich noch wundern!

Übrigens: Es gibt auch andere feste Größen, die unsere Zeit in den folgenden Tagen so unglaublich machen werden. Es sind sehr viele Menschen, die uns auf die unterschiedlichste Weise Freude machen werden, oft nur kurze Begegnungen oder unsichtbare Wesen, die in abgeschotteten Räumen Gutes tun. Und darum fließen auch sie in diesen ersten Teil des Tagebuchs mit ein, weil auch sie an allen Tagen unsere ständigen Begleiter sein werden.
Denn überall, wo wir auftauchen, werden unzählige freundliche, lächelnde, sich aufopfernde Personen herumschwirren, die dafür sorgen, daß alles glatt geht und wir und die anderen Bands sich wohl fühlen: Ich rede von den Securities, von den Sanitätern, den Köchen, den Küchencrews, den Ordnern, Einlassern, Technikern, Monteuren, Helping hands, Masseuren, Merchern, Fernsehleuten, Interviewern und und und.
Von denen, die im Dreck stehen und im Stress sind, wenn wir mit unseren Drinks durch die Landschaft laufen. Diese Menschen werden uns in den folgenden Tagen immer wieder mit ihrer Freundlichkeit und Professionalität beeindrucken.
Darum möchte ich das schon an dieser Stelle erwähnen, für den Fall, daß ich den einen oder anderen im eigentlichen Tagebuch vergessen sollte. Ich will niemanden vergessen, weil alles so unvergesslich war.

Wo war ich stehen geblieben?
Ach ja, im Bus. Der steht immer noch auf dem Rastplatz und jetzt geht die Reise los. Sie wird uns über drei Festivals führen, jedes für sich ein unlöschbares Erlebnis, Taubertal, Rocco del Schlacko und Open Flair.

Donnerstag:

Taubertal, Steinbruch

Eine Reise, die ist lustig heißt es im Volksmund. Auf jeden Fall macht sie lustig, wenn man in einem Nightliner unterwegs ist und eine Bar an Bord hat. Ziemlich gefährlich, so ein bestücktes Möbel. Mathias hat Getränke für die Band gekauft und wir genießen es, auf einer Fahrt uns mal ausnahmsweise gegenüber sitzen zu können und uns miteinander zu unterhalten. Der vernünftigste Teil der Band hat sich schon schlafen gelegt, die Jungs sind heute morgen um 5 los, aber es gibt einen ausreichenden Teil von etwas weniger vernünftigen Jungs an Bord, um mit mir Nightlinerfahren zu feiern. Ich muss doch unbedingt alles gleich mal ausprobieren: Trinken, Rauchen, Urinieren, durch die Gegend laufen, Sitzplätze ausprobieren – alles Sachen, die wir normalerweise während der Fahrt nicht tun. Und natürlich schlafen. Also, im Liegen schlafen! Die Liegeplätze erinnern an Kojen in einem Segelboot, aber man kann sich ausstrecken – ich jedenfalls. Ich dämmer ein wenig vor mich hin, bin aber zu aufgeregt, um richtig die Augen zu zu machen. Außerdem sind wir gleich da.
Also stehe ich wieder auf und genieße die Fahrt, bis wir am Steinbruch ankommen.

Ich bin der einzige von den Monsters, der den Steinbruch noch nicht kennt. Wir haben dort vor zwei Jahren schon mal gespielt, aber da war ich leider krank und konnte nur flennend vor meinem Computer sitzen und mir die Genesungswünsche vom Publikum anschauen. Diese Lücke in meinem Lebenslauf wird aber zum Glück heute endlich geschlossen, ich bin wohlauf – mit Ausnahme von ekligen Rückenschmerzen, die mich plagen und deretwegen ich mir von Urs erst mal eine Schmerztablette verpassen lasse.
Dann lerne ich Marco kennen, den Oberchecker vom Steinbruch, der uns genau zeigt, wo wir was abladen können, wo der Merchstand hin soll, wo es Wodka Red Bull für uns gibt und der uns erst mal ein paar Pizzen organisiert - mit und ohne Fleisch, der denkt einfach an alles.
Hochinteressant ist allerdings auch der Red Bull-Stand, bemannt mit ein paar quietschfidelen Mädels, die sich in den Kopf gesetzt zu haben scheinen, uns mit ihrer sympathischen Art möglichst oft an ihren Stand zu locken. Ich gebe zu, daß wir allesamt übergebührlich oft deren Gesellschaft suchen, noch bevor das Konzert begonnen hat. Es geht sehr familiär zu und alle scheinen sich auf den Abend und auf unseren Auftritt zu freuen. Jedenfalls im Backstage. Vor der Bühne dagegen scheint sich die Vorfreude in Grenzen zu halten, denn der Platz ist komplett leer.
Es ist allerdings auch noch nichts los - natürlich! - denn wir werden dieses Festival ja erst in rund einer Stunde eröffnen. Trotzdem beschleicht uns langsam ein mulmiges Gefühl.
19.30 Uhr - kein Mensch da......
'Sag mal, Marco, müssen wir uns Sorgen machen?'
'Nein'
'Na, dann.....' Die Red Bull-Mädels freuen sich immer über einen Besuch.
19.45 Uhr - ein paar Leute schlendern den Weg entlang Richtung Gelände. Geschmacksichere Fans hängen ein Banner auf: 'We love Totte!'
20.00 Uhr - alle da, es ist unglaublich.
Eine unzählige Menge an Menschen steht plötzlich vor der Bühne. Sie singen Begrüßungslieder, schwenken Fahnen, halten Schilder hoch und freuen sich lautstark auf die ersten Töne des Taubertal-Festivals. Der Weg war weit hier hoch, das muss man erst mal schaffen. Vorher noch bei Tageslicht das Zelt aufgebaut und der ein und andere hat auch schon beträchtlich vorgeglüht - wir sind also nicht die einzigen.
Und so betreten wir die Bühne vor einem Haufen Gleichgesinnter und das kriegen wir von der ersten Minute an zu spüren. Es ist ein super Erlebnis, hier spielen zu dürfen und endlich bin ich auch dabei. Es stimmt, was die anderen mir erzählt haben: Sie kommen erst in der letzten Minute, aber dann sind sie voll am Start!
Da wir morgen auch noch die Hauptbühne eröffnen dürfen, haben wir uns vorgenommen, bei beiden Sets ein unterschiedliches Programm zu spielen.
Leider habe ich, der Chronist dieses Abends, zum jetzigen Zeitpunkt die Setliste nicht mehr in Erinnerung, aber es fliegen bei 'Pferd' Stofftiere auf die Bühne, ein Punkbär, der aber leider später wieder ins Publikum zurückgeworfen wird, weil er leider sonst von Teddypard verspeist würde, wenn wir ihn mitnehmen würden. Des weiteren werden wir mit Unterwäsche, Bonbons und derlei bombardiert, weil alle wissen, wie man mit gut aussehenden Boygroup-Superstars umzugehen hat. Ein irrwitziges Liedermacherkonzert nimmt seinen Lauf, mit Pogo, Wall of Death, Gehüpfe und Gewerfe, Crowdsurfen und immer wieder spontanen Chören, wie das halt bei Liedermacherkonzerten so üblich ist.
Nein, im Ernst: Wir sind absolut geflasht und feiern gerne mit! Das Taubertal-Publikum ist hoch kreativ und offensichtlich in Geberlaune.
70 Minuten vergehen im Flug und weil wir die Zeit falsch eingeschätzt haben, hängen wir noch die 'Frösche' und einen Gruß von den 'Schröders' mit dran und das allerschönste an der Sache ist: Wir können uns verabschieden mit den Worten: 'Bis morgen!'

Au weia, liebes Taubertal, das wird was! Bitte,bitte steht auf und besucht uns morgen wieder, wenn es geht.
Aber bis dahin jetzt erst mal viel Spaß mit den anderen Bands und habt noch eine grandiose Nacht!

Mit diesen Gedanken nehme ich als erster den Rückweg ins Tal auf. Mein Rücken plagt mich ziemlich, ich bin freudestrunken, wie es besser nicht mehr geht und ich muss endlich wissen, wie man in einem Nightliner schläft.

Gute Nacht und vielen Dank für alles - wir sehen uns morgen wieder.

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