Oettersdorf Open Air, Oettersdorf
15. Jul. 2017

Tourtagebuch

Oettersdorf Open Air, Oettersdorf

15. Jul. 2017

von Totte

Jawohl, jawohl, die Nacht war kurz. Um neun Uhr in der Frühe, klingelt mein Wecker und zerrt mich aus einem Traum, in dem Waschbären mit Wasserschweinen eine Gang gegründet haben, und sich Waschwasser genannt haben. Gerne hätte ich deren Aufstieg zur gefürchtesten Bande der Tierwelt verfolgt, denn ich bin großer Mafiafilmfan, aber unsere Realität ist ja derzeit auch nicht so übel.

Ich hüpfe wohlgemut aus den Federn, richte eine Festmahl für Nachtgast Rüdi und ich, gehe eine Runde joggen am Strand und verkaufe diesen Tagesbeginn als Drehbuch für einen Nescafe-Werbespot.

In Wirklichkeit gibt’s Kaffee und Rap von Ice-T, dann klingelt just das Telefon und Herr Labörnski fordert, ich möge meine Toilettensitzung auggenblicklich unterbrechen, um zum wartenden Bandbus zu eilen. Aber gerne, wir ziehen los und begrüßen freudig den Resthaufen, bis auf Burger sind alle an Bord, der werte Kollege selbst reist heute getrennt von uns an. Da allerorten Müdigkeit herrscht, bekomme ich den Beifahrerplatz, um Urs als Gesprächspartner zu dienen, wobei jener selbst eigentlich seine Ruhe haben möchte. Im Bus tippt Rüdi den gestrigen Tag in Tagebuchform, Pensen erzählt konfuses, Fred döst und Börnski verschickt Kunstphotos an Mediziner. Krass, so eine Busfahrt mit uns.

Urs und ich tauschen uns über politische Großereignisse und deren gesellschaftlichen Auswirkungen aus, dann passieren wir Hamburgs Stadtgrenze und die restlichen 450 Kilometer geht’s um befreundete Bands, Serien und Woody Allen. Finden wir alles gut, einigen wir uns, und sind supergut drauf, deshalb. Der Ferienbeginn in NRW läßt die Fahrbahngegenseite stauen bis zum Sankt Nimmerleinsdorf, welches, soweit ich weiß, ungefähr bei Hannover liegt, bzw. dorthin erfunden worden ist Wir haben auch ein paar kleine Staus, aber wer wird denn hier motzen wollen?

Inzwischen ist Fred erwacht und entertaines mit filigranen Machismen, wundervolle Atmosphäre, diese hier. Es wird viel gelacht, und noch nicht mal Alkohol im Spiel.

Besonders gut wird die Erfindung der neuen Radiosendung „Radio Labinski, Fragen für Anfänger“, manchmal mit Themenspecials wie „Physiksachen“. Gespannt? Tritt bald die Domiannachfolge an.

Aber es wird auch hartes Business getrieben. Wir nehmen uns die Setliste vom gestrigen Wutzrock an, denn wir haben das Gefühl, daß man da noch ein paar Schrauben dran drehen kann. Normaler Teil des Prozesses eben, alles glänzt erst durch Verfeinerung dank Erfahrung.

Zwischendurch neue Fragen für Radio Labinski: Kanns sein, daß es im Bus so heiß ist?

Zudem Musik aus der Boombox, wodurch ich endlich lerne, was eine Boombox ist, Country von Tim Bentzko oder so, Pensen mutiert zu Giorgio Geil und Harry Belafonte trägt uns durch den sonnigen Thüringer Autobahnverkehr.

In ausgelassener Laune erreichen wir erst Hotel, dann das Festivalgelände, und können endlich auch Burger in die Arme schließen.

Das Festivalteam ist absolut sympathisch, zudem hat es uns unseren Backstageraum derart voluminös mit feinsten Gaumengeilern bestückt, da lachen alles Geschmacksknospen. Wir schlendern übers Areal und sammeln Eindrücke. Das Oettersdorfer Festival, daß dieses Jahr – sofern ich mich nicht irre – zum 26ten Mal stattfindet, ist ein echtes Rockfestival mit Rockpublikum, man spürt die lange Tradition und hört viel Blues und Rock. Das Durchschnittsalter ist um einiges höher, als auf beispielsweise dem Fusion, und die Haare werden noch lang getragen.

Das wird aufregend und toll, sind wir uns einig, genießen den Folk-Punk-Auftritt von Leningrad 44,

genießen die Sonne und Getränke und dann wird’s irgendwann Zeit für unseren Auftritt.

Der Platz vor der Bühne hat sich erstaunlich gefüllt, was dufte ist, vor allem aber mit vielen Leuten, die uns heute zum ersten Mal hören werden. Neugierde ist eine tolle Sache, denn dadurch lernt man Dinge kennen, und das macht die Welt bunter. Die Oettersdorfer Rockgemeinde ist überaus aufgeschlossen, und schon bei „Marzipan“ wird heftig mitgesungen. Aber es wird auch aufmerksam gelauscht, unsere Lieder fallen auf fruchtbaren Bodden, und schon bald fliegt Heu durch die Lüfte, es wird mitgeklatscht und freundschaftlih gepogt, wir prosten einander zu und schweben quasi durchs Programm, weil alles so funkelt. Daß wir von der Bühne aus der Sonne beim Untergang zuschauen können, komplettiert das Panorama der Idylle, Rüdi singt „Ich hab dich lieb“ aus voller Inbrunst, und zu späterer Stunde sagt uns noch ein sehr sympathischer Festivalbesucher namens Just, daß er, obschon generell etwas genervt von Liebesballaden, aufgrund der Authentizität unseres Vortrags, bei jenem Song eine freudige Gänsehaut bekommen hat. Vielen Dank, denn uns gings ganz genauso. Im Programm selber kommen wir auch ab und an in Quasselstimmung, nicht zuviel, nur ab und an, aber das macht ja auch Spaß, die „Zwerge“ starten wir einige Male, weil ich nicht weiß, wie man bis vier zählt, Fred ruft mit der Nasenflöte „das erste Höhepunkt des Tages“ aus, also grammatikalisch und mathematisch kann uns keiner was vormachen. Kurz gesagt: Ein großes Fest! Vielen, vielen Dank dafür.

Nach unserer Show treffen wir noch einen Haufen Leute, darunter alte Weggefährten und Kollegen, Toby der Geigenrocker von „Dumb“, mit denen ich Anfang 2000 einige Konzerte geschmissen hatte, Lynn von den „Buckweedz!“, der überraschenderweise inzwischen auch bei Keimzeit trommelt, und da wäre der Bogen gespannt: Wir genießen, sozusagen als perfekten Abschluß eines tollen Tages, das Konzert von Keimzeit, und sind uns einig, daß wir da einer großen Sache beiwohnen. Wahnsinnig gute Musik, smarte Texte, super Gruppe. Und das in diesem schönen Rahmen mit super Menschen. Extra Merci übrigens nochmal an den Bierstand, der Urs und mich so liebevoll mit Pfeffi versorgt hat, er wirkt. Um 24 Uhr gibt es sogar noch eine kleine Geburtstagsfeier für Tim, einen alten Kumpel von Pensen und Labörnski, sehr gutes Ding, gerne noch ein Bier zu Klassikern und Hits, aber das ist eine andere Geschichte und wird ein andermal erzählt.

Oettersdorf: So viele Eindrücke, so tolle Erlebnisse, so ein gutes Festival! Wir danken vielmals und hoffen, daß wir uns bald wieder begegnen, denn Begegnungen dieser Art rocken enorm! Auf bald und ein sechsfaches Prosit!

 

 

 

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