NX19 Festival, Elze
29. Jun. 2019

Tourtagebuch

NX19 Festival, Elze

29. Jun. 2019

von Totte

Ich bin ganz ehrlich: ich denke nicht, dass der heutige Tag den gestrigen irgendwie toppen können wird. Gestern landete ein Helikopter auf dem Deich, an dem ich wohne und danach wurde da ein Schaf geboren. Ich bezweifle einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen, aber man kann echt sagen, dass bei uns die Action herrscht. Außerdem lernte ich zwei sympathische junge Herren kennen, die auf die wohltönenden Namen Fleisch und Mowgli hören, und ein bezauberndes Lied sangen. Ein Tag am Deich, schwr zu schlagen. Heute bin ich seit halb sechs Uhr wach und kann eifach nicht mehr schlafen. Außer Kaffee trinken und Youtube gucken, fehlt mir aber dennoch die Energie, um irgendwas brauchbares anzustellen. In einer Doku über Teleshopping spricht ein Verkäufer vom zweischneidigen Pferd, was ich dermaßen funny finde, dass ich es zur allgemeinen Erheiterung in die MonstersWhatsappgruppe stelle, aber die Reaktion besteht aus Läuferbüschen, die durch die Geisterstadt wehen. Na ja, Humor und so. Wir treffen uns um 14:30 Uhr am Harburger Bahnhof und ich fahre extra früher los, weil ich es möglihst lange genießen will, hier zu stehen und völlig unabhängig von den ständigen Verspätungsdurchsagen zu sein. Außerdem überlege ich, mir ein Buch zu kaufen, weil es mit dem Satz beginnt: „Zwei Tage nach meinem Selbstmord begann ich, in der Pizzeria zu arbeiten.“ Ich glaube, ich wrde es wirklich nochmal kaufen, der Titel ist notiert und geht Euch erstmal noch gar nichts an. Pardon: „Bumerang“ lautet er.

Wir fahren nach Elze zum Nx19 Festival, von dem ich nur weiß, dass es am Freibad sein soll, weshalb ich Badehose und Schwimbrille eingepackt habe. Handtuch natürlich vergessen. Aber dafür kann ich auch meine Winterjacke nehmen, die ich zur Sicherheit eingepackt habe, denn wer weiß, ob es nicht plötzlich einen Temperatursturz von 35 Grad gibt? Es ist jetzt 14:15 Uhr und ich überlege, ob mir aus Langeweile nicht ein Bier kaufen soll. Noch keiner da. Warum auch? Treffen ist ja erst in ner Viertelstunde. Die Tasten sind heiß. Der Kaffee auch. Ich stoppe und werde später fortfahren.

Ziemlich pünktlich sind aber alle da, Fred natürlich als Truckergod, und mit alle eine ich: Fred, Börnski, Pensen und mich. Rüdi holen wir in Elze am Bahnhof ab, Burger kommt von Zauberhand alleine. Die Fahrt ist – wie soll ich's sagen? – irgendwie ein bißchen komisch. Ruhig und fließend, nur wenig Stau und kein Geschrei, aber auch kein echtes lockeres Miteinander. Seltsame, leicht gedrückte Atmosphäre. Man muss abwarten, vielleicht entspannt sich das noch. Maybe ist's auch die Hitze, aber alle sind etwas dünnhäutiger als normal, und ein Hauch von latenter Aggression weht durch die Busluft.

Das Festival in Elze befindet sich gleich in einem traumhaften Freibad, Rüdi haben wir eingesackt, und wir werden absolut liebevoll von lieben MitarbeiterInnen empfangen, die sich gleich unser Gepäck greifen, Handtücher organisieren und duftes Essen anbieten. Soviele Menschen, soviele Namen, alle toll, jetzt weiß ich aber gerade nur Mira und Johann und hoffe, ich irre mich nicht. Doch auch allen anderen sei gedankt, in der Hioffnung, mir wird mein Siebhirn verziehen. Und das Catering von der Kufa Lösecke ist ein Traum. Wir hüpfen erstmal ins Wasser und springen von den Türmen, die Sonne scheint und das ist schon ein klasse Leben. Nur diese Stimmung lässt sich nicht komplett aus der Seele spülen. Was ist denn das? Egal, wir bleiben dran. Hamburger Friends sind gar vor Ort, ansonsten wissen wir gar nicht, was uns erwarten wird, denn die Atmo ist im Grunde halt wie Freibad mit Bühne. Ich möchte tauchen und schwimmen. Für Stadienrock hab ich zuviel Chlor in den Augen. Burger kommt samt Sterni, Emily und Anhang, sehr schön, aber Badehosen haben sie alle nicht dabei. Statt dessen Gespräche über Nestlé und die Notwendigkeit des Boykotts, aber auch Mövenpick und Langnese sollen keinen Cent mehr kriegen, alles ein menschen- und umweltfeindlicher Mist. Wird Zeit für Fanale, es ist zum Haareraufen.

Schön dagegen das Programm, erst spielen Tubbe, dann punkrocken Blaufuchs aus Hildesheim. Sehr sympathische Zeitgenossen. Im Anschluss wir, leider konnte keiner unseer Techniker heute, aber Jan und NX19-Crew springen ein und tun gute Dinge, richten unseren Soundcheck und kriegen rasch jedes Monstergehupe in den Griff. Wir werden von zwei jungen Damen angesagt, während wir auf der Bühne sitzen und das ist mal was anderes. Die Stimmung: Sehr gut. Der Platz hat sic angenehm gefüllt, ist aber immer noch Freibad und somit eher laid back. Die Leute sitzen/liegen auf der Wiese vor uns und wir können auf das Geschehen bei den Sprungtürmen blicken. Also feuern wir Hüpfer vom Fünfer an, loben ein wundervoll tanzendes Elfchen, und rocken uns durch ein – wie ich finde- sehr stimmiges Programm im strahlenden Sonnenschein. Was sich nicht ganz gelöst hat, ist dieses kleine Launewölkchen innerhalb unseres Kreises, das ein oder andere Monster plustert heute sein Gefieder etwas ungalant antennenfrei, was diverse Ansagen ein klein wenig zerhackt. Sowas kann grandios sein, wenn es sich zum Schlagabtausch entwickelt, heute klappt das nicht jedes Mal. Na ja, so sind wir sechs eben: Kinder, die man ans Mikro gelassen hat. Und es gibt ja auch trotzdem genug zu lachen. Wir prosten, singen und sehen viele Menschen, die freudig mittun, es wird sogar geliegepogt und zum Ende leuchten viele Lichter und erhellen unsere Herzen. Leider vergesse ich, einen Köpper vom Fünfer zu machen, aber wenn man nicht daran erinnert wird, würde es womöglich auch etwas blöde wirken. I'm a Selbstdarsteller too... Hole ich nach, beim nächsten Freibadkonzert. Ach ja: Leute, supportet Viva con Agua (.org)! Unbedingt!

Nach der Show wird recht rasant abgebaut, so haben wir nur kurz Gelegenheit, Freunde (Miri, Yvonne, Julia, Jens, Ingmar, Else, Franzi, ohgottogott jetzt vergesse ich bestimmt wen, ich muss stoppen, sorry, Tinte ist alle...) zu umarmen und an weitere gute Leute gute Textilien zu veräußern, ein letztes Bier mit Blaufuchs (wir sehen uns im Bla) zu trinken und Rüdi und Family Burger zu verabschieden, dann sitzen wir bereits im Bus und cruisen durch die Nacht gen Heimat. Liebes NX19-Team: Das war ein toller Tag mit viel Wasser und Herzlichkeit und wir danken Euch allen. Ihr habt alle einen tollen Job gemacht. Gerne wieder.

Auf der Heimfahrt drehen sich die Gespräche um Konsum und seine Auswirkungen, und die aktuellen Ereignisse in Lampedus in Sachen Seawatch. Und auch sonst erschreckt einen vieles, doch man darf sich nicht lähmen lassen, da sind wir uns einig. Ein sozialer Strudel, in dem sich der Mensch derzeit befindet.

Er sollte da rasch wieder rauskommen. Wenn wir dabei helfen können, tun wir das sehr gerne.

Ach ja, apropos Tag toppen: Zumindest herrscht Gleichstand. Aber wer könnte auch gegen eine Schafsgeburt gewinnen? Eben.

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