Tourtagebuch

Open Air Oettersdorf, Oettersdorf

13. Jul. 2019

von Totte

Es ist halb neun Uhr in der Früh, der Himmel wolkend über Harburgs Bahnhof dräeund und ich bin gut drauf. Etwas aufgekratzt, vielleicht, weil ich gestern soviel verrückte Musik genossen habe. Mein Kopf kreiselt um Public Enemy, Beastie Boys und weitere Perlen meiner musikalischen Sozialisation. Ein Chor aus Adoleszenz und Glückshormonen. Fred ist selbstverständlich überpünktlich, moi aussi, also Kaffee und ab dafür. Tatsächlich fahren wir bis Seesen nur zu zweit, Rüdi kommt nach Neustadt (Orla), Börnski ist samt Familie bereits im Vogtland buddhistisch campend und Pensen ist leider heute nicht dabei. Irgendwie ist von Bookingseite der heutige Termin verschütt gegangen, erst als der Vertrag im Briefkasten lag, erfuhren wir davon. Darum fehlt das schöne Festival auch auf unserem Sommershirt. Blöd. Vor allem, weil wir schon mal in Oettersdorf waren und es sehr gemocht haben. Es wurde noch lang gefeiert, zu diversen Schnäpsen und Keimzeit und das war klasse.

Je nun, zweites Mal,zweites Glück. Wir sind so früh unterwegs, weil der ADAC wild warnte, allerdings scheint unsere Route davon verschont zu bleiben. Vielleicht macht es der ADAC inzwischen einfach der Bahn nach, die auch jedes Wochenende von allen Zügen behauptet, es seien kaum noch Plätze frei. Wir erfinden den Begriff „Blankowarnung“ für dieses Verhalten und kommen darüber wieder zum Thema Klima. Von Precht bis zum Nachbarn, alle haben dazu was beizutragen, es scheint aber ohne Verbote nicht mehr zu gehen. Die menschliche Vernunft folgt zu gern der Bequemlichkeit. Das stellen wir auch an uns immer wieder fest und wir reden uns in Rage, über uns,über die Welt, über Einhörner, bis Burger gut gelaunt zusteigt und telefonisch kurz was wegen Urlaub klären muss, woraufhin wir in selbstherrlichem Zorne laut fluchen und schimpfen und erst dann in die Arme schließen. Danach wird’s wieder superharmonisch. Ich trinke Bier und esse Melone, Burger macht den DJ und spielt Hits von Camouflage bis Funky Town, und da eilt schon Rüdi aus dem sweeten Minizug und hüpft in den Bus. Wir fahren zum Festival, dessen Backstagetor mit dem schönen Spruch: Ab hier lächeln. Dekoriert ist. Die Aufforderung funktioniert, sofort schießen die Mundwinkel hoch und die Atmosphäre ist auf dem ganzen Platz so warm und freundlich, dass sich das nicht mehr ändern wird.

Die „Goldnen Reiter“ spielen gerade beste Schunkellieder von „Beinhart“ bis zur „Reeperbahn nachts um halb eins“ und alle machen freudig mit. Tolle Sache. Außerdem gerade noch nicht verregnet, bzw. trocken, obschon dunkle dicke Wolken leise mahnend über dem Platz hängen. Ich machen eine kleine Kaffeepause und schlinge Käsebrötchen mit Peperoni in mich rein, bevor ich darüber nachdenke, dass ein einzelnes Dixiklo und mein Reizmagen womöglich keine guten Voraussetzungen für diese Form der Ernährung darstellen, aber egal: Familie Labinski ist da, bestgelaunt, und ich wandere mit Luna und Jesse über den Platz, quatschend und Pommes bestellend, denn ich bin heute irgendwie in Quatschlaune. Kornblumenblau rocken, die Backstagecrew um Lisa ist supernett und bemüht um uns, aber wir haben einfach schon alles, was das Herz begehrt, und Burger schreibt unsere Setlisten, und Wusch: irgendwann ist es dann Zeit für Soundcheck.

Heute fehlt uns leider auch ein eigener Techniker, aber die Open Air- Techniker Uwe und Julius machen eine tolle Arbeit und wir kriegen einen schönen Sound gezaubert, der uns auf der Bühne sicher fühlen läßt. Erste Menschentrauben bilden sich vor der Bühne und zum Konzertstart ist der Platz wundervoll gefüllt.

Das Konzert empfinde ich als wirklich entspannt wohlig, ich habe große Lust, wie gesagt, bin in Quatschlaune, und genieße die Songs und Atmosphäre. Ich habe auch den Eindruck, dass die Leute hier lieber wirklich den Texten zuhören, als die Songs als Gimmicks zum Mitklatschen zu nutzen. Zwar wird gesungen, gepogt und getanzt, aber ich sehe viele aufmerksame Gesichter, höre viel Gelächter und sehr viele Lächeleien. Herrlich. Ich rede heute wirklich ein bißchen zuviel, Burger und Fred sagen mir das auch im Anschluss an den Auftritt, mir hingen tatsächlich die Zügel etwas zu locker. Immerhin bekommen so Sonnenschirmmann und Seifenblasenmann ein kleines Ständchen, und Rüdi baut aus „Scheiß CD“ eine groovige Maxiversion. Großer Jubel für Auflaufformen, Schafe und Peactolen, Chöre bei Cola Korn und gewünschte Lieder, die wahr wurden. Und kein einziger Regentropfen. Nach dem Konzert treffen wir noch viele Menschen neben dem Merchsstand, wo wir uns verkaufsmäßig guerrilatechnisch hinhocken, weil der Merchstand von einer anderen Band in Beschlag genommen wurde. Macht aber nix, die Leute sind nett,ich kriege einen Wodkacola geschenkt, will mit anderen Menschen eigentlich auch noch einen Drink nehmen, finde sie aber anschließend nicht wieder. Schade, aber dafür komme ich so in den Genuß der Superband, die gerade im Zelt spielt. Inutero heißen sie, und ihre Gitarrensounds becircen mich. Hernach noch gute, teils ehrlich anrührende Stories von und mit Festivalbesuchern und Team, leider aber müssen wir relativ rasch wieder abdüsen, denn Ihr wisst ja: ADAC und Blankowarnung. Also Rückfahrt in der Nacht, leider kein Freygang für uns heute, Familie Börnski verabschiedet, Festival kollektiv umarmt, Rüdi zum Hotel gebracht und weiter durch die Nacht. Burger fährt die erste Strecke und beschäftigt mich pädagogisch geschickt,indem ich mit seinem Handy via Spotify Lieder aus meinem Leben vorspiele, die zu Themen passen, die er mir vorgibt.

Coolste singende Frau, Thema Wasser, Millionstadt im Namen, etc. Die Zeit vergeht im Flug. Molotow Soda, Waltons, Reinhard Mey, K's Choice, Björk, Edgar Wasser, Sonic Youth, Gewn Stefani, Slime, Frohlix, BAP, Liederliederlieder. Leider vorbei, als wir Seesen erreichen, denn hier verläßt uns Burger, und mit ihm auch sein Handy. Zu zweit geht’s jetzt nach Hamburg, die Themen sind vielseitig, allerdings hat Fred in unserem letzten Newsletter wieder einen Zahlendreher bemerkt, das ist schon der zweite in Folge, ich weiß nicht, wie mir das passiert ist, aber das ärgert mich. Etwas muffelig und schamvoll bin ich nun, dagegen hilft aber etwas Intelligenzia, deren neueste Lieder ich per UsB Stick abspielen kann. Hui, das passt zur Dunkelheit. Und da leuchtet ja auch Hamburg. Wow, das war ein langer Tag. Aber er hat sich gelohnt. Dank der vielen guten Leute. Auf bitte bald wieder. Und ich hoffe, Ihr seid vom Regen weitestgehend verscbont geblieben.