Tourtagebuch

Open Flair Insel Fest, Eschwege

07. Aug. 2020

von T-Bone Winkler

Menschenskind, ein Jahr ohne Konzerte, aber nun bereits der dritte Open Flair-Bericht. Wenn es irgendwas gibt, was an der Situation schön ist, dann dieses. Es ist allgemein beeindruckend, mit wieviel Energie und realistischem Optimismus Menschen aktiv werden, tun und machen und selbst aus den ungünstigsten Zutaten etwas zaubern, dass Herz, Hirn und Sonnenschein hat. Wir fühlen uns absolut geehrt, dass wir da mittun dürfen, vor allem, weil wir ja eigentlich immer nur Nutznießer sind, während andere werken. Hier das gesamte Open Flair Team um Alex, Stolle, Sonja, Felix, Marco, Severin, und wenn ich jetzt nicht aufhöre, Namen aufzuzählen, fehlt dann am Ende einer allein und nimmt das persönlich. Gesagt sein soll Euch allen: Wir sind beeindruckt und schätzen alles, was Ihr da tut, absolut und sehr. Wenn wir Euch mal was Gutes tun können, sehr gerne.

Unsere Fahrt startet heute auf der Veddel, gleich bei mir um die Ecke. Die letzte Nacht sang jemand laut vor meiner Tür und da ich das nicht war, störte es mich ein wenig, weshalb ich debile Kochshows auf Youtube angesehen hab und mich wälzte, um nicht festzukleben. Dachgeschosswohnungen im Sommer stützen die Körperschmelze.

Die Fahrt ist eine Fahrt von der Art, dass man anschließend sagen kann: Es gibt dazu nicht viel zu sagen. Wir tauschen uns über Neuigkeiten aus, weil wir uns ja derzeit auch nicht so oft treffen, aber die Neuigkeiten, die jedem im Hinterkopf schwirren, sind ja fast alle eher so mäßig zu feiern. Natürlich gibt’s auch hier und da private News, aber die sind entweder zu privat oder zu wenig Gossip: Fred ist sehr aktiv in Sachen Gartenkonzerte, Pensen ist in Packvorbereitungen, Börnski war in Travemünde und ich habe gerade ein Minialbum, das ins Presswerk kommt. Burger und Rüdi treffen wir erst vor Ort und sind darum just nicht in die Gespräche involviert, Claudio, der heute auch endlich mal wieder mitmonstert, kommt ebenfalls direkt aus Berlin zu uns,, und so schauen wir auf den Stau der Gegenfahrbahn, schaudern präventiv ob der Rückfahrt und stellen fest, dass es heute warm ist. Und dann erreichen wir die Insel am Werdchen und alles wird schön. Mit ausgestelltem Automotor verwandelt sich die Realität der konzertanten Nichtexistenz in eine Prisma aus schillernden Möglichkeiten. Die Flairist*innen haben ein Paralleluniversum geschaffen, in dem sich der Alltag abstreift und man sogar durch die Masken alle lächeln sieht. Denn verantwortungslos ist hier niemand, aber verständnisvoll und freudig besonnen und das färbt sich auf die gesamte Stimmung ab, vor und hinter der Bühne. So geht’s eben auch. Bleibt die Frage, warum das nicht weltweit klappt, denn geiler ist das so schon. Viele Begrüßungen, viel Erlebnisaustausch, da sind auch die anderen Monsters, Claudio fleißt schon wie verrückt, um uns einen Zaubersound zu schaffen, einzig Rüdi ist es nicht möglich, dem Unbill der Welt temporär komplett zu entsagen, da Besuch für ihn per Bahn anreist, die Bahn aber andere Pläne hat, nach Braunschweig zurückfährt, sich auf den Schienen dreißigmal verirrt, Züge stillstehen lässt und alles unternimmt, damit der Besuch bloß nicht pünktlich zu uns kommen kann. Ärgerlich, wer kennt sowas nicht, die Ohnmacht vor dem Schienennetz. Freude kommt hingegen auf, als die Sondaschule aufschlägt, es wildet zunehmends und zum Ende bleibt ungeklärt, ob Labörnski oder Chemokeule das bessere T-Shirt haben. Als Pinkpunktwins sind sie aber eh unschlagbar. Unser Soundcheck ist locker und luftig und dann gibt es grandioses Essen, der Platz füllt sich und wir hören erste Chöre. Herrlich. Sowieso war schon der Nachmittag so gut, weil auch während einer Stippvisite mit unserem Großboss Achim an derdiedas Werra alle Leute so entspannt waren und den Sommer im E-Werk-Biergarten genossen, spazierten und total stressfrei blieben.

Jetzt aber: Ansprache auf der Bühne von Alex, Felix und dem Oberbürgermeister, dann Monstersshow.

Der Platz sieht toll aus, ist mit Lampenschirmen geschmückt, Liegestühle und Sitzgruppen sorgen für entspanntes Feeling bei sicherem Abstand und wir sehen natürlich auch viele bekannte Gesichter, was uns rührt. Ich habe ja in den letzten Monaten festgestellt, dass ich das Livespielen weniger vermisse, als ich je gedacht hätte, aber heute finde ich plötzlich alles ganz wunderbar und will mit niemanden tauschen. Ausgelassen spielen wir uns durch unser Programm, das wir auch mal etwas mehr mit selteneren Perlen bestückt haben, was uns sehr gut tut, wie ich behaupten würde. Natürlich schleichen sich auch neue Fehler dadurch ein, aber sowas gehört eben auch zu uns und ein bisschen nervös sind wir schließlich auch, immerhin wird das Konzert live mitgestreamt. Unsere Ansagen sind gut gelaunt, wir versuchen uns im international Smalltalk und tauschen uns mit einigen Tischrufen aus. Ja, meine Gitarre war bei vier Meter verstimmt, aber ich habs ja zeitig gemerkt und ein bißchen Freejazz sollte drin sein. Wechselgitarren wären manchmal cool, denn in der Hitze verziehen sich die Saiten ganz gern mal. Die Leute feiern, singen, tanzen mit, und ich fühle mich im Anschluß sehr gerührt und glücklich. Deshalb trinke ich wahrscheinlich diverse Klosterbräu zu rasch, während ich anschließend die Auftritte von der Band auf dem Flairbus (ich finde ihren Namen just nicht, aber ich suche weiter) und natürlich Sondaschule, die Sahnehäubchen und bunte Streusel und eigentlich auch die Eiskugel auf der Waffel des Tages sind. Beeindruckend. Würde ich behaupten, es würde hernach nicht noch lang weitergefeiert, würde ich lügen. Würde ich dazu noch sagen, ich wäre keine aufgedrehte Nervensäge gewesen, dann auch. Aber so selten sind derzeit die Gelegenheiten zur schlichten Euphorie ohne Geschmäckle, da musste es mich mitreißen.

Ich danke im Namen aller Monsters allen sehr, die hier wieder gezaubert haben und eine unsagbar schöne Oase geschaffen haben. Mitarbeiter*innen, Organisator*innen, Catering, Security, Licht, Ton, Biergartencrew, Aufräumheld*innen, Publikum, da, ich vergesse sicher wieder Facetten, aber alle seien bedankt und bedacht, auch wenn sie in dieser Aufzählung gerade fehlen: Schuld war das Eschweger Klosterbräu. Aber dem danke ich auch. Insel der Hoffnung? Stets Open Flair. Bleibt gesund!