Tourtagebuch

Kultursommer im Schlosspark, Paderborn

17. Jul. 2020

von T-Bone Winkler

Hinter mir im Zug hustet einer seit einer geschlagenen Viertelstunde. Das hätte mich auch schon vor der Coronazeit wahnsinnig gemacht, jetzt aber nervt es zusätzlich auf so eine panikartige Beunruhigungsart, die mich vor mir selbst auch noch unsympathisch erscheinen lässt. Der Zug, in dem ich sitze, hält gerade in Eisenach und füllt sich ordentlich mit gemundschützten Menschen. In etwa zwei Stunden erreiche ich hoffentlich Paderborn, und wenn auch dann noch alles planmäßig läuft, holen mich da meine Bandkollegen ab. Ein Livekonzert vor people in Paderborn, wie schön. Ich nehme an, man sollte sich freudig dankbar zeigen und die Ereignisse des Tages in diesen Zeiten besonders sorgfältig dokumentieren, denn so selten werden die Monsters wohl erst nach ihrer Auflösung spielen. Tatsächlich bin ich dafür aber wohl nicht so geeignet, meine Livespielgeilheit ist nicht besonders ausgeprägt und blüht erst auf der Bühne auf. Vorher finde ich es meistens unangenehm und es versaut mir viele Tage, weil ich an Bauchweh und Scham leide, wenn ich an Auftritte denke. Außerdem dringt in meine sorglose Kreativschaffenslust permanent das Weltgeschehen, worauf ich immer häufiger den Stift weglege, „Was soll das Getexte?“ seufze und jogge oder trinke, um den Kopf zu befreien. Funktioniert beides gleich gut, nur kreativ macht mich beides nicht besonders. Na ja, Überblick: Die Welt kollabiert langsam, der Mensch will aber Schnitzel und Malle und Wahnsinnige steuern die Weltmächte. Exekutiven erweisen sich immer mehr als rassistisch indoktriniert, weshalb auf Tests diesbezüglich verzichtet wird, und wir haben weder einen Schlingensief, noch einen Willemsen, statt dessen einen Hildmann und einen Höcke und einen Laschet und ...ich muss mit der Aufzählung aufhören, sonst muss ich göbeln. Sonneborn hilf! Womit wir aber auch mal zu guten Sachen kommen sollten: Ich habe in den letzten Wochen viele coole Katzen streicheln dürfen und ein Mini-Album aufgenommen, das noch dieses Jahr auf vinyl erscheinen soll und wirklich gut geworden ist. Es begann als Gag, weil mein Freund und Kollege Peter Klint Selfies von mir in fiktive Plattencover umgebastelt hatte und ich dann dachte: „Mensch: Eine Konzept-Single auf Vinyl über Supermärkte im musikalischen NDW-Stil zwischen DAF und Extrabreit, das wäre doch cool!“ Aus der Single wurde nun eine Mini-LP mit acht Perlen, die Band heißt „Totte und die Tolstois“ und alle müssen sie nach Erscheinen bitte kaufen, sonst bin ich noch mehr pleite als jetzt. Aber, wie gesagt: Sie ist sehr gut geworden. Andere gute Sachen sind ebenfalls geschehen, auch im Monsterskosmos, ich weiß aber noch nicht, welche ich erzählen darf, drum kann ich just nur sagen: Gute Sache ist, dass wir uns heute endlich mal wieder sehen und in Paderborn live monstern dürfen, denn das ist ein Privileg für uns.

Hoppla, da ist auch bereits Paderborn. Ich steige aus, keiner da. Also schon viele PaderbornerInnen und PaderbornbesucherInnen, aber kein Monster. Ich hole mir einen Kaffee und whatsapp in die Runde: Wo seid Ihr? Antwort Burger: Taxistandsmiley.

Cool. Reist Rüdi per Bahn an, werden rote Teppiche ausgerollt, mit Sekt und Koffertragattitude stehen die Monsters Spalier. Kommt Totte, auf Anfrage: Taxistand. Ich wuchte meinen Scheiß hin und hab schon keinen Bock mehr, obwohl Burger herzlich as fuck ist. „die anderen baten mich, Dich einzusacken.“ Kein Wunder, dass ich Ende des Jahres raus bin.

Am Paderborner Schloss ist die Stimmung aber enorm herzlich, abstandgemäße Umarmungen, Austausch und Frozzeleien beweisen, dass wir uns missen und brauchen, erste Getränke werden geöffnet und die Sonne scheint meist. Urs ist dabei, erzählt vpn pandemischen Alternativjobs und Christian und Olaf vom Paderborner Kultursommer erzählen von der Arbeit hinter solch einer Veranstaltungsreihe, deren Beginn wir heute darstellen. Gegen Nervosität helfen nur Spaziergänge durch den malerischen Schlosspark, der Genuss des tollen Essens und mehr Bier. Safetymäßig werden wir noch eingewiesen, lernen den Bürgermeister kennen, der – obschon wir seiner Partei auch weiterhin mehr als skeptisch gegenüber stehe - laut der OrganisatorInnen kulturell ein wichtiger Anker für Paderborn ist, essen mehr und prosten auf diverse Anlässe. Irgendwann geht die Show los, nach Politikerselfies und Ansprachen auf der Bühne.

Paderborn ist ausverkauft, das sieht aber bei den neuen Regeln natürlich sehr gemütlich aus und wir kommen aus dem kalten, sind ungemonstert und nicht liveerprobt und alles beginnt etwas holperig.

Laut Publikum ist der Sound sehr gut, auf der Bühne fühlt sich der ein oder andere durch die Abstandsregeln etwas isoliert, ich verhaue Türen und Mücken, aber weil ich weiß, dass mein Vater das hier liest, will ich auch mal betonen, dass ich ansonsten sehr unterhaltsam bin und Vier Meter und Tetris fehlerfrei spiele, Labinski vermisst die Umarmung beim Abschied. Es wird laut mitgesungen und mit Abstand sitzend gepogt und man muss durchus beeindruckt feststellen, dass sich die Hörerschaft bei aller Euphorie sehr verantwortungsbewusst verhält. Um dieses Verhalten zu unterstützen, tragen wir natürlich auch Mundschutz, sobald wir unseren Sitzplatz verlassen, zum Blasenschwächemitklatschpart beispielsweise, Labinski mutiert zum Wortsp ielakrobat, Fred paderbornt Cola Corn und „Ich muss weg“ hat mehr Soul als in den letzten 17 Jahren. Das Konzert geht viel zu schnell vorüber, wir treffen aber dennoch viele liebe Leute nach der Show, der Bürgermeister erschnorrt eine Fred Timm-Zigarette, und wir erfahren, dass er4 in Insiderkreisen „Feier-Dreier“ genannt wird, also wowereits durchaus ein wenig, und mit bdem tollen Team sitzen wir noch eine ganze Weile beisammen, bevor wir uns dann doch auf den Weg ins Hotel machen, vor dem wir aber auf Letztgetränke unsee Zelte aufschlagen, Nonsense reden und uns aneinander erfreuen. So selten sind die Gelegenheiten, so kostbar sind sie zu behandeln. Paderborn, wir danken Euch!