Tourtagebuch

Passionskirche, Berlin

19. Nov. 2021

von Rüdi

Ach Greta....

Sie hat mich angeguckt, als wollte sie was sagen. Irgendetwas traurig schönes. Der Blick steckt mir immer noch in den Knochen, als ich schon die halbe Strecke durch den Wald zum Bahnhof hinter mir habe. Ich will mich mit einem möglichst lustigen Podcast ablenken und stelle fest – verfluchte Axt – ich habe mein Handy mitsamt Kopfhörern im Haus vergessen. Also zurück zur Waldinsel. Mit allem Gepäck. Das passiert mir in letzter Zeit ständig. Erst vor ein paar Tagen durfte ich es nachts bei einem Osnabrücker Taxifahrer abholen, nachdem ich es im Laufe des Tages bereits zweimal „verloren“ hatte. Und jetzt wird’s richtig eng mit der Bahn. So ein Mist. Dieser verdammte Hundeblick hat mich echt aus der Bahn geworfen. Und jetzt gleich das ganze nochmal.....

Als ich gehetzt ins Haus stürme, liegt Greta auf dem Bett und zeigt mir, dass tschüss tschüss bedeutet und sie nicht gewillt ist, diesen lang eingeübten Blick noch einmal hervorzukramen. Sie muss jetzt selber gleich arbeiten gehen. Hausbewohner, Hühner und Enten beschützen und Kinder glücklich machen. Keinen Bock auf dieses hin und her. Und so was, obwohl wir die letzte Nacht im gleichen Bett verbracht haben....na gut, mir recht.

Ich wieder los, da kommt mir Kim mit dem Auto entgegen. Kim war gestern an unserem Offtag mein Gastgeber, wir hatten in Hinblick auf mein Soloalbum viel zu besprechen, weil er sich darum kümmert, dass nicht wieder alles rüditypisch im Sande verläuft. Und er ist Gretas Herrchen. Er ist noch sehr viel mehr, aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein andernmal erzählt werden.

Jetzt fährt er mich dankeswerterweise zum Bahnhof und sorgt dafür, dass ich rechtzeitig zum Finale unserer Monsterstour am Treffpunkt bin. Alle sind pünktlich. Die Reise geht los.

 

Ein bisschen sind wir heute nervöser als sonst, weil wir in einer Kirche spielen werden, nicht unbedingt das, worauf man zuerst kommen würde, wenn man an ein Monsterstourfinale denkt. Das Hauptproblem ist natürlich der Klang. Wir bilden uns nämlich nach wie vor ein, unterhaltsame und einigermaßen geistreiche Texte zu schreiben, die man vielleicht auch verstehen können sollte, um Spaß zu haben. Ich habe als einziger eine vage Erinnerung an die „Passionskirche“, weil ich zu Berliner Urzeiten dort mal auf einem Konzert war – Peter Hammill – und es sehr schön fand. Also schwadroniere ich etwas von „Kirchenflachbau“ und „nicht schlimm“, um der Band ein bisschen Angst zu nehmen, was erstens sinnlos ist und zweitens faktisch kompletter Blödsinn.

Andere Lieblingswörter auf der Fahrt: Tunnel, Großstadt, Markthalle und Brötchen.

Die sind das erste, worüber wir herfallen, sobald wir die sehr hoch gebaute Passionskirche betreten.

Unser Veranstalter Chrissy hat mit seinem Team alles schon für uns hergerichtet, erklärt uns die Räumlichkeiten und versucht mit einigen Konzertbeispielen aus der Vergangenheit, seinen Beitrag zu leisten, der Band die Angst zu nehmen. Wirklich sehr nett.

Aber sinnlos.

Claudio, Lasse und Burger trudeln übrigens jetzt erst dazu, Burger kam mit der Bahn und die Crew wohnt in Berlin.

Es dauert ein bisschen, um aus einer Kirche eine Konzertbühne zu machen, Claudio erklärt uns das Problem, vor dem die Band ja sowieso seit Stunden zittert und präsentiert gleichzeitig die Lösung: Leise sein, nicht durcheinander reden, viel Mikrophondisziplin......

Bei uns.......

Jetzt hab ich auch Angst.

 

Nach dem Soundcheck verhageln wir uns unsere Ausgehpläne mit einer Bandbesprechung, was zwar vollkommen angemessen ist, weil wir uns ab heute für Monate nicht sehen werden, aber jetzt müssen wir diesen furchtbaren Abend auch noch hungrig überstehen.

 

„Jemand Schnaps?“

So gut wie alle. Der letzte der versucht, uns die Angst zu nehmen, heißt Jameson.

 

Ende des ersten Akts

 

Zweiter Akt

 

Die Tür öffnet sich und „From dusk till dawn“-mäßig übernimmt ab jetzt ein anderer Regisseur.

Nur wird es – anders als im Film – ab jetzt nicht gruselig sondern das überraschende Gegenteil. Ab der ersten Minute, ach was, Sekunde ist glaube ich jedem klar, dass das ein phantastischer Abend wird, schon der Begrüßungsapplaus wirkt wie eine lieb gemeinte Ohrfeige. Häufigster Gedanke: Das gibt’s doch nicht! Hier wird heute so ziemlich alles exzessiv zelebriert, was einen Ort der Zusammenkunft ausmachen sollte. Zuneigung, Hingabe, Miteinander, Fröhlichkeit und Andacht.

Mag sein, dass keiner etwas verstehen kann, was wir singen. Aber vollkommen egal, alle kennen die Lieder und wenn jemand uns nicht versteht kann er oder sie ja einfach den Nachbarn zuhören, die singen ja mit. Aber nur da, wo es cool ist. Ansonsten gerne auch immer wieder aufmerksames Schweigen. Gemeinsame Gänsehaut bei den Balladen und ein 400 Mann starker Kirchenchor bei Bedarf, eine Wall of Sound, der Hall ist ein Segen. Totte erzählt von seiner Zeit als Messdiener, Pensen spielt das mit Sicherheit gottgefällige „Gott flippt aus“ am passendsten Ort, Fred verliebt sich in den Kirchenhall und macht Echospielchen mit dem Publikum, bei Börnskis „Zu lang“ ist kurz mal fast schon geschockte Bewunderung zu spüren und beim „Ruderer“ sehe ich niemanden, der nicht solidarisch mithelfen würde, den Karren aus dem Dreck zu rudern. Das sind nur ein paar Beispiele, nur um jeden Kollegen hier mal kurz erwähnt zu haben, „Kinder Kinder“ in aller Bescheidenheit übrigens auch ein Knaller heute, aber es ist schwer, was repräsentatives herauszupicken, weil das Konzert in seiner Ganzheit, so schön ist. Bestimmt nichts für eine Plattenaufnahme, aber eine Seite im Familienalbum, die man sehr sehr häufig aufklappt.

Wir haben in keiner anderen Stadt in so vielen verschiedenen Clubs gespielt wie in Berlin und darum sind die Konzerte auch schlecht miteinander vergleichbar. Dieses Konzert ist jedenfalls unvergleichlich! Und wenn das Photo von meinem Kumpel Klaus nicht gefälscht ist, dann haben wir auch Gottes Segen.

 

Ein ganz aufrichtiges Dankeschön an alle Beteiligten, mancher ist heute aus bekannten und verständlichen Gründen zu Hause geblieben, die müssen aber nicht allzu traurig sein. Das war ganz sicher nicht unser letztes Konzert in Berlin!

 

Am Ende das übliche Geknuddel bei Lasse am Merchstand, mein Freund Lennard ist da und Klaus und natürlich auch Sandrine und Julia, und Anja „Rattchen“ hat bestimmt wieder tolle Bilder gemacht und Uta und Jonas von „Montreal“ und …....

 

Trotzdem fährt der Bus eilig ab, die Kirche muss pünktlich geräumt sein und Fred sollte endlich auch mal was trinken dürfen. Wir nächtigen im Estrell einem riesigen Designhaufen am Ende Neuköllns, mit einem Interieur wie aus einem Stanley Kubrick-Film und Hotelgästen mit Namensschildern.

 

Einen Teil der Band treibt es sofort an die nächstgelegene Dönerbude zu Bier und Pfeffi.

Eigentlich will ich nachkommen, aber ich bin nicht dabei.

 

Ich habe schon wieder mein Handy verloren.