Tourtagebuch

Lagerhaus, Bremen

17. Nov. 2021

von Totte

Eine eigenartige Tour, diese aktuelle, denn durch die pandemiebedingten Verschiebungen ist sie zerfasert as fuck, und so richtig in den Tourgroove zu kommen, ist gar nicht so leicht. Die letzten Tage hatten wir wieder frei, und jetzt finden wir heute wieder zusammen, um morgen schon wieder frei zu haben. Puh… Ich hab nichts gegen Freizeit, überhaupt nicht, die große Lüge vom Ehrgefühl durch Fleiß hat mich immer schon zu Gähnen gebracht, aber das momentan ist schon sehr heftig. Sogar meine Erkältung ist unterfordert von alleine abgezogen, weil es ihr überhaupt keinen Fun gebracht hat, nur zuhause rumzugammeln. Leider hat sie es vorher noch geschafft, mich vom Jogging abzuhalten, da muss ich mich jetzt auch wieder in den Modus reinfummeln, denn so, wie ich bin, will ich nicht sein. Der Nachteil an zuviel Freizeit ist natürlich auch die Gefahr, völlig abzuschlaffen, weil Energiereservoirs in etwa so, wie Autobatterien funktionieren.

Aber egal, wenigstens heute darf nochmal gerockenruckelt werden, heute gehts von Buxtehude aus nach Bremen, ins geschätzte Lagherhaus, wo wir schon so viele Male dufte Nächte feiern durften. Im Grunde ist das Lagerhaus auch schon seit ewig ausverkauft, aber durch die aktuelle Situation wurden doch noch ein paar Karten zurückgegeben, was ich einerseits natürlich nachvollziehen kann, andererseits aber auch sehr schade finde, wegen Broterwerb und so, aber es ist nun mal so, wie es ist. Grandiose Neuerkenntnis,  i am a philosopher of hell. Für die Zugfahrt nach Buxtehude kauf ich mir ein Punkrockmagazin und lese exakt keinen Artikel, denn ich fühle, wie mich die ewig gleichen Fragen, die von ewig gleichen Bands ewig gleich beantwortet werden, nur noch anöden. „Eure neuen Songs klingen anders.“ - „Ja, wir haben sehr hart daran gearbeitet.“ Toll.

„Ihr klingt trotzdem wieder mehr wie früher, nicht wahr?“ - „Ja, wir haben uns auf unsere Wurzeln besonnen.“ Wow.

„Wie steht ihr zu Sexismus in der Szene?“ - „Finden wir schlimm.“ Na sowas.

„Was sagt ihr zum Streaming statt Plattenverkäufen?“ - „Das ist Segen ud Fluch aber schade.“ Genial. Bin ich zu alt oder ist der Musikjournalismus einfach zu blutarm? Ich habe immer häufiger den Eindruck, es mangelt in allen medialen Bereichen total an neulandsuchenden Schlingensiefs. Aber ich hab gut reden, ein paar Zeilen drüber hab ich genauso gequatscht.

Gut, dass ich jetzt angekommen bin, Fred, Börnski und Pensen bringen mich auf andere Gedanken, der Rest des Trosses. Rüdi, Claudio, Lasse und Burger reisen separat an, via Hightechmöglichkeiten, die noch kein Normalmensch kennt, sind wir mit ihnen verbunden, hören von Zugverspätungen und Sambucas, wir aber kommen staufrei zu früh an, werden trotzdem von Chris und der Lagerhauscrew liebevoll empfangen. Wir laden schnell, ein, dann gibts Kaffee, Snacks und einen kleinen Spaziergang in Town, und man muss schon zugeben, dass Bremen, zumindest diese Ecke hier, wunderschön ist, mit tollen Gässchen und verwinkelten Superhäuschen, bunt und lebendig und in herbstliches Glimmerlicht getaucht. Ich bin ganz konfusbeseelt.

Im Club finden sich langsam alle ein, irgendwann schaffen wir es sogar, einen gemeinsamen Sekt auf unseren kürzlichen 18ten Geburtstag zu trinken, danach gibts Soundcheck, einen sehr leckeres Reisgericht mit bunten Salaten und viel Drumherum und dazu Musik der Jurrassic 5. Ich entdecke einen Mauli-Sticker im Backstage, und da ich großer Maulifan bin, beginne ich gleich, ehrfürchtig zu erzittern. Dagegen teste ich Ingwertee, aber ich glaube, Bier wäre besser gewesen, denn der Ingwer animiert die falschen Körperzonen. Zum Glück ist die Toilette nah.

Um 19 Uhr ist Einlass, aber wie befürchtet, bleiben doch ein recht hoher Anteil der Stühle leer, die Menschen sind in Sorge und bleiben lieber kulturellen Ballungszentren fern, da kann man derzeit nichts machen. Auch innerhalb der Band bemerke ich hier und da inzwischen sorgenvolle Strömungen, die Berichte derzeit sind ja auch nicht gerade hoffnungsfördernd, ein Normalzustand wohl eher noch eine Weile nicht in Sicht. Andererseits war der Normalzustand vorher auch höchstens für die gierige Erstweltmade ne dufte Sache, und da wäre Veränderung schon sehr vonnöten. Ich bring schon wieder alles durcheinander, der Ingwertee, verzeiht mir.

20 Uhr, pünktlich wie Anton entern wir die Stage und es wird eine bunte Ballnacht voller Gefunkel. Das Bremer Publikum feiert die Lücken im Raum einfach zu, wir reden uns Wölfchen über Haake Beck und Fußball, Rüdi referiert highlightmäßig über Doktordoktorarbeiten und seine wilden Zeiten als Rockenrollstar, zwischendurch glitzern sanft Balladen in unser rumpeliges Improtheater, Fred mutiert zum Sängergott, der Sitzpogo läßt die Stuhlreihen beben und das ganze ist ein großes Miteinander voller Freude. Frische Mische heizen heute eher funky durch die Antworten, Fehlerfrei klingt brilliant, im Gegensatz zu Burger und mir beim Nichtrauchersong, der eher wie ein Gitarrenduell dahergaloppiert. Ich rede heute sowieso nur Müll und gehöre vielleicht doch nicht mehr auf Bühnen, sondern in Eremitage. Türen mutiert zum Deathmetalblues, Pfeffi wächst weiter zur Hymne. Crazy, das alles. Aber ein großer Spaß ist es, den wir ausgelassen bis ultimo zelebrieren, denn um 23 Uhr müssen wir anwohnertechnisch zwingend rockstoppen, und wir sind exakt um 22:59 Uhr von der Bühne. Allerdings noch nicht aus dem Club, denn im Anschluss feiern wir mit lieben Menschen und kühler Gerste eine ganze Weile weiter, bis wir um halb eins dann wirklich Ruhe geben, und voller Dankbarkeit für die entspannte Toleranz und überhaupt alles, das verehrte Lagerhaus verlassen, in der großen Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen. Das Hotel verfügt über einen Kicker im Foyer, ich hasse Kicker, folgerichtig spiele ich zwei Spiele, von denen ich eins zehn zu Null gegen Börnski verliere, und das zweite als Duo gegen Claudio knapp gewinne, aber auch wohl eher, weil Börnski Claudio während des Spiels die Augen zuhält. Glücklicherweise nimmt er er es mir nicht übel und wir drei gehen noch auf einen letzten Absacker aufs Zimmer, von wo wir aber kurz darauf flüchten müssen, wegen einer Sache mit der Russenmafia, aber das ist eine langweilige Geschichte und wird darum hier nicht weiter erwähnt. Viel interessanter das Käsebrötchen, das ich vorm Einschlafen auf meinem Hotelzimmer noch gegessen habe, denn da war sogar Gurke drauf. Genial.