Tourtagebuch

Centralstation, Darmstadt

03. Nov. 2021

von Totte

„...aber schon in Kürze machts der Klimawandel klar: Mückenplage übers ganze Jahr.“ Ich bin schon ein verfluchter Prophet. Das macht mich aber gerade weder glücklich, noch ausgeschlafen, denn deswegen hat die mir die ganze Nacht gekillt, diese miese Sau von Novembermücke, die immer direkt in mein Ohr gesummt ist, sobald ich die Jagd aufgegeben und das Licht wieder ausgemacht hatte, um endlich zu schlafen. Jetzt bin ich müdemüdemüde, der Kaffee hat nur bezüglich der Darmflora Wirkung gezeigt, und es nebelt glimmend über Hamburg. Acht Uhr Abfahrt in Hamburg-Harburg, Fred the Fleißbienchensammler hat bereits gestern den Sprinter geholt und mit unserem gesamten neuen Merchmaterial befüllt und steht nun als erster am Parkplatz bereit, frisch, vital, gutgelaunt. Ein Mysterium, dieser Mann. Urs ist auch schon da, und den hab ich ja schon länger nicht mehr gesehen, aber sofort merk ich wieder, dass ich das vermisst habe. Auch er: frisch, vital, gutgelaunt, zudem auch noch jung. Und seit kurzem ebenfalls Nichtraucher, trotzdem gertenschlank. Arsch, ein bißchen. Ich werd immer klumpiger, da hilft kein Jogging der Welt, auch ein Bandkollege erwähnt später des Nachts noch, dass er eigentlich auch mit Jogging beginnen wollte, um abzunehmen, aber wenn er mich so ansähe ...

Oh, da sind auch Pensen und Labörnski, jaja, beide frisch, vital, gutgelaunt, langsam nervts. Trotzdem schön. Reisegruppe Hamburg ist komplett, ab in den Bus, die Tour startet. In Rhüden sacken wir Burger (frisch, vital, gutgelaunt) ein, dann geht’s mit zahlreichen Pinkelpausen (die Band wird älter) fast staufrei nach Darmstadt. Burger nutzt die Zeit zum Erstellen einer Setliste für heute, Fred und Urs wechseln sich beim Fahren ab, wir andern atmen immerhin.

Hallo Darmstadt Centralstation: Here we are again, zum zweiten Mal, denn hier durften wir vor Jahren bereits mit den duften Typen von Boppin B zusammen die Halle berocken, was immer einen Riesenspaß bedeutet, denn Boppin B sind Granaten und wir stolz, solche Kumpels zu haben. Heute sind wir allein für das Entertainment verantwortlich, im etwas kleineren Saal, der aber immer noch sehr groß ist. Zum Glück sind die Vorverkaufszahlen gut, denn ein gefüllter Raum ist ein schöner Anblick. Tobi ist unser Verantalter und sehr lässig und lieb und seine Crew ist das auch. Ganz entspannt stehen sie in allen Belangen hilfreich zur Seite, und wir haben viel Freizeit, die wir mit Selleriestangenessen und/oder Treppenlatschen zum Rauchen nutzen. Der Soundcheck feels like früher und geht auch so fix, dann wieder Sellerierauchen und Treppenessen.

Irgendwie flutscht die Zeit nur so, plötzlich ist Einlass, Kumpel Peter Hawk schaut mit einem weiteren Kumpel vorbei, die Stimmung ist locker, darauf einen Prosecco und -hoppla – 20 Uhr, Konzertstart.

Wir klettern auf die Bühne, und der beeindruckend gefüllte Saal geht schon ab, denn das Füllmaterial besteht ausschließlich aus Supermenschen. Das rührt Rüdis Gitarrenkabel derart, dass es vor Freude ohnmächtig wird und wir etwas ratlos ohne ersten Song, bzw. Gitarrensound dastehen, bzw. sitzen. Spontirüdi aber macht dem ein Ende, setzt sich auf die Bühnenkante und serviert das erste Lied unplugged, wir setzen uns dazu, das Publikum hört gebannt und bleibt super. In der Zwischenzeit reparieren Urs und Crew alles, was reparaturbedürftig ist, und zum zweiten Lied klappt alles wieder wie geschmiert. Außer uns vielleicht, denn wir sind durch den Fehlzündungsstart in eine eigenartige Stimmungsmixtur aus Ausgelassenheit, Alberei und Improtheater gerutscht, und das Konzert wird zum Funkelfest abstruser Momente. Fred übt mit dem Publikum seltsame Chöre, Pensen und Burger diskutieren Heilbutt-Themen, der Darmstädter Kaffee wird erfunden, ebenso die Moses-Spalte, die aber auch die Moselspalte sein könnte, Gott flippt zu Beastie Boys und Liebesschnulzen aus, das Krümelmonster frisst Kassierersänger Wölfi und singt Türen zuende, und der ganze Saal macht so unglaublich gut mit, dass die Haut britzelt und uns allen eine Gänsepelle wuchert. Aber auch bei den Balladen und anderen ruhigen Momenten sind alle so konzentriert bei der Sache, man kann heute von einem magischen Abend sprechen. In der Pause und nach der Show verkaufen wir unser Merch, schöne neue Shirts und Pullis, natürlich auch unsere brandneue CD „Glück zählt auch“ und sind beseelt von all dem Zuspruch und den netten Gesprächen mit den Leuten. Ich habe bestimmt sehr viel zu erwähnen vergessen, und wahrscheinlich lese ich das in ein paar Jahren und denke: Häh? Darmstädter Kaffee? Mosesspalte? Krümelmonster? Aber manches ist eben für den Moment gemacht, und der war wirklich zauberhaft, das kann der Zukunftstotte ruhig glauben. Und dafür danken wir: Allen von der wundervollen Centralstation für die tolle Arbeit, und Euch, verehrte Zuschauerinnen, die Ihr den Abend mit uns zusammen zum Erlebnis gemacht hat. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Zum Beispiel ja beim Frankenstein-Kulturfestival 2022, am 18.08.? Wär das was? Bestimmt.

P. S. Also doch, das muss ich für die Nachwelt festhalten, denn das könnte kneipenkulturell ein echter Hit werden, und es wär schade, wenn es vergessen würde: Darmstädter Kaffee ist ein Geheimalkoholdrink und besteht aus den Zutaten Rotwein und Kaffeetasse (groß), der Snack dazu ist Guacamoledip mit Nachoflossen und nennt sich Moses-(regional manchmal auch Mosel-) Spalte. Stößchen und Bon Appetit!