Tourtagebuch

Bürgerhaus, Hessisch Lichtenau

07. Nov. 2021

von Totte

Kalt und herrisch bläst der Wind über dem Schloss Spangenberg. Gleich einem Damoklesschwert der göttlichen Regenmächte pendeln sich düstere Wolkenbänke über die hügeligen Ländereien, die Pferde scharren unruhig mit den Hufen und die Kühe vergessen das Wiederkäuen. Wahrscheinlich droht Unbill, denn hier, im Innenhof des Schlosses, fand gestern eine satanische Messe statt, getarnt als Taufe, aber mit Gitarrengezupfe, das direkt aus Rosemaries Baby entsprungen sein muss. Prompt fror davon Labörnskis Bouillabaise ein und Thomas Gottschalk kroch aus den Untiefen ins Licht des Fernsehns empor.

Außerdem kratzt mein Hals, der abendliche Spaziergang gestern war wohl nicht so schlau, aber ich musste mal raus aus der Rumgesellschafterei des Tourlebens. Ich bin dafür nur von Zeit zu Zeit gemacht, Dienstag mittag bis Donnerstag 16 Uhr, ansonsten meide ich Gruppenstrukturen lieber, und betäube mich stattdessen mit Natur, Youtube oder Veggiewurst. Alkohol geht aber auch.

Jetzt, wie gesagt, kratzt es, aber ich täusche mir selbst Toughness vor und starte meine morgendliche Jogginrunde. Gute Idee, die Gegend ist wunderhübsch und elogant. Wer bei Eloganz und Elofanten zugunsten der Gesetze auf die poetische Vokalfolge E- O- A verzichtet, ist ein mürrischer Mosermax und wählt Verbrecher wie die von der CSU und sollte sowieso nicht von eloganten Elofanten reden, sondern von Schrottkram wie SUVs und Geldanlagen. Eine hässliche Welt, in der solche Leute leben. Ganz im Gegensatz zu der Landschaft hier, wie gesagt, die ist sehr elogant. By the way: Wer Eloganz und...

Laufen, laufen, hecheln, denn der Nachteil an einem Schloss auf einem Berg ist, dass man den Berg zum Ende hin auch wieder hoch muss, aber ich schaffe es mit ca -2 kmh, und komme kurz vorm ersten Regenschauer sicher über die Zugbrücke. Dusche, Frühstück, Wasser kostet extra, Rausschmiss elf Uhr, denn besonders flexibel sind Schlosshoteliers anscheinend nicht. Schade, jetzt haben wir exakt elf Kilometer und vier Stunden Zeit, sie zu bewältigen, um vertragspünktlich beim Hessisch Lichtenauer „Bürgerhaus“ aufzuschlagen. Der Wind pfeift höhnisch und die Wolken lachen Tränen. Aber der sehr coole Haustechniker Andre löst all unsere Sorgen, winkt uns herbei und öffnet die Bürgerhauspforten einfach jetzt schon, damit wir uns wärmen und leeren können. Supergut, vielen Dank. Kurz darauf kommt auch Ann-Kathrin, unsere heutige Veranstalterin, versorgt uns mit Trank und lieben Worten und jetzt läuft die Zeit gemütlicher. Ein paar Kollegen fahren Vitamintanken bei Mc Donalds, andere schreiben Sachen, wieder andere machen, nein, ich glaub, keiner macht was anderes, als entweder zu burgern oder zu tippen.

Es ist gar nicht so leicht, aus acht Stunden Aufenthalt in einer Garderobe des Bürgerhauses eine spannende Story zu zimmern, wären nicht zwischendurch Außerirdische gelandet, um mit uns die Zombieinvasion niederzukämpfen, hätte ich gar nichts zu erzählen. Rüdi schleicht vorbei und verkündet, rauchen zu gehen, aber den Kerl erwähne ich mit keinem Wort mehr in meinen Berichten, denn er hat mich völlig aus seinem Bericht von Kaiserslautern ausgeschlossen, was eine Frechheit ist. Jetzt kommt Rüdi vom Rauchen zurück und braucht meine Hilfe, um seinen Bericht, in dem ich mit nicht einem Wort erwähnt werde, online zu stellen, aber das erzähle ich niemanden, schließlich radiere ich den Namen Rüdi von nun an komplett aus unserem Tagebuch. Übrigens bringt Rüdi bald ein gutes Soloalbum raus, schade, dass ich ihn hier nicht mehr promotechnisch unterstützen kann, da ich ihn hier nie wieder erwähnen werde, schließlich hat er mich in seinem Kaiserslauternbericht völlig ausgeklammert.

Das Essen indes verdient eine Erwähnung,. Denn das ist superlecker, ich esse Zucchinischnitzel mit Fries und Salat, absolut gut, wir dinieren aus irgendwelchen mysteriösen Gründen im Foyer zwischen eintreffendem Publikum und wählendem Volke, denn gleich nebenan wird in Hessisch Lichtenau gewählt. Wir nutzen das natürlich und wählen auch ein paarmal unter falschen Namen, damit AfD, CDU-, FDP und sonstiges Dreckspack hier heute ordentlich abkackt. Wer weiß, vielleicht hats ja geholfen?

Jetzt ist das Gewissen gut, aber der Bauch voll. Und 20 Uhr ist es plötzlich auch. Hui, neun Stunden sind wie im Flug vergangen. Ab auf die Bühne, vor einen derbe gefüllten Saal. Derbe gefüllt mit derbe guten Leuten, die sofort abgehen wie Luzie. Jedenfalls direkt, nachdem Rüdis Gitarrenkabel wieder funktioniert. Dann aber Hallo. Highlight ist heute auf jeden Fall Freds Gestikkurs in Sachen Gitarrrenarmbefreiter Sänger, aber auch der Pogo, das Mitsinglevel und die Handyleuchtenden Hände sind wonderful. Viel Open-Flair-Publikum ist heute hier, das macht den Abend etwas rockiger und etwas weniger kleinkünstlerisch, aber das ist ja auch gar nicht ohne. Andre zaubert eine tolle Lichtshow, der einzige Wehmutstropfen heute ist, dass sich seine Freundin Anja beim Bühnenaufbau das Bein geprellt hat. An diesr Stelle ein großer sechsfacher Genesungsgruß an sie.

Wir haben nuser Programm heute ein klein wenig umgestellt, um es zu optimieren, aber ehrlich gesagt, finden wir alle das im Nachhinein blöd, weil wir irgendwie da jetzt eine kleine Länge drin haben, die es vorher nicht gab. Nicht schlimm, aber etwas irritierend. Doch auch dieser Moment ist schnell weggeblasen, und hexenkesselig endet unser Konzert vor standing Ovations.

Vom Rest der Nacht gibt es allerdings nix mehr zu berichten, schön sind die kurzen Gespräche mit lieben Menschen am Merchstand, endlos hingegen die Stunden der Heimfahrt. Wären nicht Zombies dazugestiegen, um mit uns zusammen eine Alienivasion zu bekämpfen, hätte es überhaupt gar nichts zu berichten gegeben. Vielen Dank Hessisch-Lichtenau, Du warst uns Heim, Hof und Herz dieses Sonntags. Auf gerne bald.