Tourtagebuch

Technikum, München

11. Nov. 2021

von Rüdi

Es ist 7 Uhr morgens und wir sitzen im Bus.

Alle.

Dass niemand verpennt hat, verdanken wir unter anderem dem Umstand, dass ich mich gar nicht erst getraut habe, mich hinzulegen. Stattdessen habe ich mit meinem Freund Patte bis in die Morgenstunden Livehacks ausgetauscht, wobei „ausgetauscht“ wohl das falsche Wort ist, denn bei Fragen der Alltagsbewältigung befinde ich mich eher auf der Zuhörerseite. Aber dass ich der Versuchung eines Powernappings widerstehen muss, wenn ich mit nach München will – so schlau bin ich zum Glück auch.

Ich darf vorne sitzen, weil ich als erster „Erster“ gerufen habe, was für den Fahrzeug führenden Fred allerdings von keinerlei Vorteil ist, weil ich schon beim Ortsausgangsschild eingeschlafen bin und erst Stunden später erwache.

Die ersten paar hundert Kilometer muss er also ohne jegliche kommunikative Unterstützung zurücklegen, weil sich auch der Rest der Mannschaft ausknipst und lediglich in den Zigarettenpausen ein kurzer Austausch über dies und das stattfindet. So erfahre ich, dass das Konzert gestern, das für mich ein Dreistünder der Glückseligkeit war, wohl doch nicht so glanzvoll war, wie ich es empfunden habe. Auf Nachfrage wird mir beispielhaft eine fast komplette Auflistung meiner gestrigen Beiträge präsentiert, was weder verwunderlich noch schlimm ist, aber immerhin für genügend schlechtes Gewissen sorgt, um mich für den Rest der Fahrt wach zu halten.

Und ich nehme mir für heute Abend mehr Stringenz und Professionalität vor. Andererseits kenne ich mich auch gut genug, um mich an diesem frommen Plan nicht allzu lange festzubeißen.

Totte beginnt, seinen Tourbericht zu schreiben, es macht klack klack klack und ich ahne, dass er seine Ankündigung, mich mit keinem Wort mehr zu erwähnen (siehe Bericht über Hessisch Lichtenau) schon heute nicht mehr wird durchhalten können und ich es durch meinen Auftritt gestern wieder in die Berichterstattung geschafft haben dürfte.

Die letzten 100 Kilometer übernimmt Claudio das Steuer und nach knapp achtstündiger Fahrt endet die selbe an einer Schranke auf einem großen Baustellengelände. Hier gibt es so gut wie alles – jedenfalls bald. Um uns herum Bauzäune, Rohbauten und Abrissbirnen, schweres Gerät macht Lärm, ein Riesenrad steht wie verirrt zwischen Containern und Wegweiser führen gegen Hauswände. Hier irgendwo muss auch das Technikum sein – unsere heutige Spielwiese. Aber zunächst kriegen wir nicht mal die Schranke auf. Bestimmt weiß der Veranstalter mehr.

Der heißt Niels und erklärt uns am Telefon, dass wir das unmöglich alleine finden können und er in 20 Minuten vorbei kommt. Wir sind eh zu früh. Passt.

Schneller als erwartet ist er da, die Schranke öffnet sich und wir folgen den beiden ortskundigen Fahrzeugen, cruisen hoffnungsvoll kreuz und quer über das Gelände, geraten dabei in die verstecktesten Winkel, Bauarbeiter schütteln verwundert den Kopf oder lachen uns aus, dann doch zurück, vielleicht hier lang, nee auch nicht – nochmal von vorne. Es kann nicht weit weg sein. Vielleicht ist es ja aber auch einfach nur so klein, dass man es übersieht. Wir waren ja noch nie hier.

Niels aber schon und selbst er findet es scheinbar nicht. Nach jeder Kehrtwende sieht man ihn scheinbar ratloser durch die Windschutzscheibe blicken. Aber plötzlich müssen wir nur 10m im Rückwärtsgang und wir sind da. Niels entschuldigt sich unnötigerweise für die Umstände, aber das muss er nicht. Wer soll hier durchblicken, wenn alle zwei Wochen ein neues Bauwerk in den Weg gestellt wird und alle Zäune über Nacht versetzt werden.

Wir lernen Miriam kennen, die sich für unser leibliches Wohl verantwortlich erklärt, in unseren diversen Backstages den Kühlschrank füllt und zusammen mit dem uns seit Jahren sympathischen Michi das Essen bereit stellt. Es gibt sogar wieder eine Torte mit unserem „Glück zählt auch“ Cover als Zuckerguß! Überhaupt ist das gesamte Team wirklich toll. Der leere Saal, der mitnichten klein ist und die unbestückte Bühne, die verwaiste Theke und der kalte Backstage-Container – all das wird sich in kürzester Zeit in Gemütlichkeit verwandeln.

Lasse baut den Merchstand auf, Claudio kümmert sich um den Ton und irgendeiner stellt 200 Stühle auf.

Wir essen Brötchen.

Totte isst Schokolade, aber nicht viel.

Vielleicht liegt es daran, dass er gleich ein sehr sehr gutes und energiereiches Konzert abliefern wird.

 

Ja, gleich geht’s los. Nein, wir kürzen das ab, jetzt geht’s los.

 

Ich habe mir fest vorgenommen, heute abzuliefern, wie man so sagt. Und ich schaffe es tatsächlich, pünktlich meine Gitarre einzustöpseln und das erste Lied einigermaßen fehlerfrei durchzubringen. Anschließend verspiele ich mich auch nicht bei Marzipan und das will schon was heißen, denn das Lied kann ich eigentlich nicht so gut. Fängt gut an meinerseits. Und bleibt gut allerseits.

Ein ansehnlich gefüllter Saal voller lieber Leute in was wir da den Abend lang gucken dürfen und mit denen wir ein - glaube ich diesmal wirklich - gutes Konzert feiern dürfen. Manche Gesichter kennen wir schon länger, aus Roth, Stuttgart, München, Deutzen, aber es sind auch viele zum ersten Mal da. Klingen tut ihr Gesang allerdings so, als ob alle ein Jahr lang zusammen geprobt hätten. Wir aber auch. Fred versetzt mit seinen Frontsängerposen das Publikum in regelrechte Verzückung, Burger erfüllt Zuschauerwünsche, und Labörnski lässt sich nicht mal rausbringen, wenn von Pensen in falscher Zahlenfolge eingezählt wird. Wir sind alle richtig gut. Am allerbesten finde ich persönlich allerdings Totte, der völlig zu Recht abgefeiert wird wie sonst keiner und das Publikum mit seinen schlagfertigen Spontanitäten und seinen hinreißenden Songs in schiere Begeisterungsstürme ausbrechen lässt, alleine schon, wenn er sie nur ankündigt (Türen).

Und das schreibe ich keineswegs nur, um wieder in seinen spannenden und hintergründigen Tourberichten Erwähnung zu finden!

Ich selbst finde mich heute übrigens auch ganz gut.

Es sind meistens nur Kleinigkeiten, die ein gutes von einem nicht so guten Konzert unterscheidet, der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings und zumindest ich halte heute die Flügel still.

Bis fast ganz zum Schluss.

Song für Song stieg mein Ego, alles gut gelaufen, die Schlussverbeugung liegt schon hinter uns, Zugabe, Zugabe, wir kommen raus, alles jubelt und da beschließe ich, heute mal einen auf ganz dicke Hose zu machen.

„Alle mal die Hände hoch!!!“

Machen sie. Cool.

„So geht der Rhythmus!!!“

Machen sie. Boah, klingt das geil. Ich bin Freddy Mercury, das hier ist Wembley.

Ich beuge mich zu meiner Gitarre – jetzt wird’s fett! Weder Band noch Publikum haben eine Ahnung, was passiert, aber alle wissen: Es wird groß!

Und dann treffe ich weder die 1 noch hat mein Tempo auch nur ansatzweise mit dem zu tun, was ich gerade „befohlen“ habe. Ich rede nicht von zu schnell oder zu langsam, ich rede von einfach komplett anders. Die Rhythmen haben gewissermaßen nichts aber auch gar nichts miteinander zu tun. Der totale Verkacker!!

Wirklich schlimm. Aber wohl auch lustig, zumindest werde ich von Herzen ausgelacht.....

Also auf dem letzten Meter die Latte doch noch gerissen und die hing bei ungefähr grade mal nem knappen Meter.

Übrigens eignet sich das Lied noch nicht einmal zum Mitklatschen, weil es viele Schwankungen und Pausen hat. Bleibt mir nur mal wieder die Erkenntnis, dass narzistische Störungen selten zu Schlauem führen.

Übrigens vielen Dank, liebes Technikumpublikum, dass Ihr auch an dieser Stelle die Situation gerettet habt und mit Eurem musikalischem Empfinden alles anders gemacht habt, was ich gesagt habe und damit alles richtig. Kompliment!

 

Ein wirklich runder Abend geht dann mit den letzten Zugaben zu Ende, wir geben noch Autogramme, tauschen Komplimente aus – es ist nicht schwer, denn wir sind ehrlich sehr angetan von der Stimmung heute – und verabschieden uns mit einem tiefen Diener von Niels und seinem netten Team. Vielen Dank für alles – gerne wieder.

 

Packen, Abfahrt

 

Und dann folgt noch eine unerwartete Sensation.

Das Hotel.

Wir nächtigen im 25hours.

Kannte ich nicht – jetzt kenn ich´s. Mein lieber Schwan, was für eine sensationelle Unterbringung.

Wirklich toll. Wirklich geschmackvoll. Und die Matratzen!

Wir fühlen uns geliebt.