Tourtagebuch

Komplex, Schüttorf

07. Dez. 2019

von Totte

Zwischen Heizlüfter und Wecker eingeklemmt, weigere ich mich einige Schlummertastendrückmomente, dem Tag ins Gesicht zu grinsen. Ich bin müde, habe blöd geträumt und mir graust es vor dem kalten Badezimmer. Und zwar so lange, bis die Zeit nicht mehr für Kaffee reicht, in wilder Hektik spring ich von Dusche zur Wäsche, packe den Rucksack, schmeiß alles rein, versehentlich auch den Müllbeutel, den ich mit zu den Containern schleppen will, dafür vergesse ich Börnskis Handschuhe, also nochmal hoch, so verpasse ich die erste Bahn und whatsappe den Kollegen, dass ich mich verspäten werde. Trotzdem schaff ichs pünktlich zum Monsterslager, bin sogar zu früh. Warum, weiß ich nicht. Ich bin übrigens erster. Also nochmals zur Tanke, einen Kaffee, dann zurück, inzwischen ist Pensen da, freudiges hallo, Newscheck und da rollen auch Urs und Börnski mit dem Sprinter an. Fred werden wir an der Raste Hollenstedt einsacken, Burger und Rüdi kommen direkt zum Club. Der Tag ist verregnet und die Verkäuferin der Hollenstedter Kaffeetheke eine der skurrilsten Gestalten der Welt, wir wissen nicht, redet sie mit uns, mit Gott oder sich selbst? Und was überhaupt? Verbindungen zu unseren Bestellungen können wir jedenfalls nicht herstellen, aber wir sind Fans, allein schon zur Sicherheit. Es regnet und die Fahrt ist behäbig, gemütlich, die Welt ist in sepia getaucht und nostalgisiert so vor sich her. Wir überlegen und stellen Thesen bezüglich Schüttorf auf und jeder verbindet etwas damit, aber was genau, vermögen wir nicht mehr zu sagen. Das erklärt sich aber direkt nach ankunft, denn da nimmt uns Reiner in Empfang und erzählt: 2007 spielten wir hier auf, an der Technik Carsten, im Club viele gutgelaunte Menschen. Ach ja, Rüdis Stagedivepremiere! Cool. Unsere Tagebuchbilder beweisen: Das war ein dufter Abend. Da wollen wir heute natürlich nicht abstinken, eh klar. Urs checkt den Sound und gut gelaunt kommen auch Burger, Rüdi und Kumpel Patte an. Hallo und noch mehr hallo. Schnittchen, Soundcheck, kurzer Stadtbummel. Meinetwegen könnte es losgehen. Unser Licht macht Kevin und er wird das im Verlaufe des Abends sehr kompetent tun, mit Meeresblau und friedhofsschwarz. Unter anderem. Doch zurück zur Chronologie: Soundcheck super, ausgelassene Stimmung backstage, unser Support, die beiden Herren von AcousDick kommen dazu, es wird viel gequalmt, diverse Leute trinken diverse Drinks, wir genießen klasse Veganauflauf und Lasagne, ich spaziere ein wenig durch Schüttorf und schieße atmosphärische Miniaturen, dann geht’s auch schon bald los. 20 15 Uhr Prime Time mit AcousDick vor einem super gefüllten Club mit super Leuten, die super abgehen. AcousDick brennen ein Feuerwerk ab, spielen mit Cajon und Gitarre Evergreens von den Ärzten und andere Hits und der Saal tobt begeistert. Dann wir. Kurz gesagt: es bleibt ein Fest. Die Laune ist anarchistisch und ähnelt der Stimmung vor 12 Jahren, vielleicht noch etwas lauter, etwas chaotischer, noch etwas überdrehter. Absolut gut. Einige Songs werden etwas kürzer, andere dehnen sich, der Rqau pogt, er singt und klatscht, er trinkt und dürstet. Was für eine Weihnachtsfeier. Prachtvoll kaputt. Aber – und das muss man auch sagen – auch die ruhigeren Momente werden sehr toll aufgenommen, die Menschen können auch leise. Dennoch überspannen wir den Bogen nicht, schreddern wieder Mitsingsongs und holen zu den Zugaben niochmal AcousDick auf die Bühne, mit denen wir ein spontanes Set spielen. Herrlich. Irgendwann ist dann aber Sense, im Anschluß Merchandise und Bier mit prima verrückten Menschen, viele bekannte Gesichter darunter, Urs, Rüdi, Patte und ich wollen noch mit einer Abordnung Komplexmitarbeiter und BesucherInnen in die Kneipe „Eierschale“, da ist es uns aber zu voll, die andere Kneipe schließt just, und so landen wir doch wieder im Komplex, wo wir mit Getränken und Gesprächen versorgt werden. Alles sehr, sehr schön, aber mir dann irgendwann doch etwas zu viel, ich verstrahle heute einfach nicht genügend und merke, dass ich nur noch schlafen will. Also zu Fuß zum Hotel, ab auf die Matratze, jetzt kriege ich allerdings kein Auge mehr zu und schaue hypnotisiert in die Dunkelheit, während die Zeiger sich immer weiter gen Morgen drehen. Noch drei Stunden bis zum Wecker, noch zweieinhalb Stunden bis zum Wecker...

Komplex, das war groß. Komplett durchgedreht und ein wundervoller Jahresabschluss für die Monsters. Wir rufen „Happy birthday“ und wünschen Euch allen weitere 40 Jahre Minimum. Gerne auch mal wieder mit uns zur Beschallung.

Die Zeit ist ein Schnitzel, dessen Panade erkaltet.