Tourtagebuch

Röhre, Stuttgart

27. Feb. 2009

von Totte

So schön kann ein Tag beginnen:
Ein opulentes Frühstücksbüffet und Kaffee kannenweise. Sogar mitnehmbar.
Davon machen Fred et moi gerne Gebrauch und frühstücken – fast traditionell – auf dem Zimmer.
Ein schneller spontaner Podcast vor Würzburger Bergkulisse und Abfahrt nach Stuttgart.
Da einige Kollegen es nicht bis zum Frühstück geschafft haben, legen wir eine großzügigere Pause an einer Raste ein und – ach meine Güte, es passiert einfach nichts spannendes auf der Fahrt. Da möchte man interessante, mit buntesten Bildern und aufregenden Abenteuern garnierte Erfahrungsberichte schreiben und dann passiert rien! Mist!
Egal.
Unser Hotel (Etap, „hier schlafen die Schlauen“) ist erreicht, Fred geht spazieren und mich plagt Hunger. An der ersten Pizzeria laufe ich aufgrund ihres modernen Ambientes gleich vorbei, in eine gemütliche, klassische Pizzeria gehge ich gerne: Der Wirt – ein allen Klischees entsprechender Italiener – lacht mich sofort aus, als ich versuche, eine Margherita zu bestellen, es „sei nicht die richtige Uhrzeit“.
Ich: ?
Er: Da mußt Du eben hungern.
Ich: ???
Der ganze Laden samt Gästen, alle essen übrigens, lacht mit. So sehen Alpträume aus, außer daß man da zumeist noch plötzlich nackt steht. Wenigstens das ist mir erspart geblieben.
Irgendwann erlöst er mich aber, dieser Sadist, und verweist auf die Pizzeria seiner Frau, nämlich jener, an der ich zunächst vorbeigelaufen bin. An der Pizzeria, nicht der Frau.
Und hier ein kurzer Moraleinschub: Nie von Äußerlichkeiten lenken lassen.
Die Pizzeria heißt „Il Padrino“, die Frau ist sehr nett und die Pizzen sind exorbitant lecker!
Jetzt kann der Tag weitergehen.
Und zwar in die Röhre, denn da spielen wir schließlich heute.
Es gibt ein kleineres Problem bezüglich der Bestuhlung, nämlich das, daß es keine Bestuhlung gibt. Aber damit können wir uns nicht zufrieden geben und nach einer kurzen Beratschlagung entscheiden wir uns dafür, zumindest die Gartenstühle von draußen zu nutzen.
Immerhin, wenigstens drei Reihen bekommen wir damit hin.
Der Backstageraum in der Röhre ist unter Insidern sehr gefürchtet, denn er ist ohne Belüftungsmöglichkeit und dadurch die totale Sauna. Da das Bier aber hervorragend gekühlt ist, entscheidet sich der gesamte Monstertroß dafür, unsere Tourabschlußparty vorzuverlegen und rasch sind die ersten Flaschen geöffnet und geleert.
Und hier: the traditional Ablauf! Soundcheck, Einlaß, Showtime!
Sah es zu Anfang noch Besucherzahlenmäßig mau aus, kann jetzt davon keine Rede mehr sein: Mit über 220 Leuten haben wir doch tatsächlich auch in Stuttgart unseren Schnitt verbessert! (Gruß an Yellow von den Tauberplanschern – leider haben wir uns im Anschluß wohl verpaßt) Und die machen ordentlich mit.
Leider – und so ehrlich muß man auch mal sein – wird es nicht eines unserer besten Konzerte. Wir sind ganz schön wirr auf der Bühne, fast wie aufs Maul gefallen. In günstigen Fällen besitzen wir das Talent, aus Chaos eine amüsante Spontanshow zu kreiern, heute gelingt uns das allerdings nicht so recht. Unsere Ansagen sind oftmals krude und nicht unbedingt optimal pointiert, alles etwas zerfahren leider. Glücklicherweise ist dafür das Publikum in Höchstform: Es singt und klatscht und pogt und schunkelt mit, uns werden gar Blumen zugeworfen (ich Botanikpflaume weiß allerdings nicht um den Namen dieser schönen Pflanzen), eine absolute Premiere.
Auch Eukalyptusbonbons landen bei „Zwerge“ vor uns.
Keine Frage, heute abend rockt in Stuttgart das Publikum das Haus. Klar, der ruhige Teil leidet ein bißchen unter der Menge Menschen, aber der Applaus dort ist so ehrlich und anhaltend, daß es uns rührt.
Und so kommen wir dann tatsächlich doch noch in den richtigen Groove. Für mich sowieso ein Novum: Ich wechsle eine Gitarrensaite während der Show und es funktioniert.
Zum Zugabenteil heißt es dann „Prost Röhre“, es gibt Jägermeister und Rüdi schafft es gar, ein Glas via Publikum zu Urs rüberzureichen (Luftlinie ca. 20 m) ohne daß es in der Menge verschwindet oder sich leert!
Also letztlich doch ganz schön cool alles. Vielen Dank, liebe Monster-HörerInnen! Ihr seid groß.Und beim nächsten Mal machen wir das von Anfang an so, versprochen.
Nach der Show ist vor dem Kneipengang, leider gerät planungstechnisch einiges durcheinander, so daß wir zunächst nicht, wie netten Menschen versprochen, im Mata Hari landen, sondern erst im Oblomov. Das wirkt uns aber zu edel für unsere Ansprüche, also doch zum Mata Hari, da steht eine riesige Schlange vor der Tür, also weiter, letzte Chance: Keller Club. Auch hier: Schlange und edel! Was ist denn los in Stuggitown? Ihr braucht Punkrockläden, keine Mercedessterne!
Schade, dann also nach Döner bzw. Pommes, ins Taxi und ab zum Hotel. Trunken sind wir eh, sogar so, daß ein Kollege verloren geht. Glücklicherweise der selbstständigste von uns, nämlich Börnski, so ist es für ihn überhaupt kein Problem, allein zum Hotel zu finden, während wir anderen mit Sicherheit auf ewig in Benztown verschollen gegangen wären.
Von seiner Rückkehr erfahre ich übrigens erst am nächsten Tag, denn obschon die Party in Freds und meinem Zimmer weitergeht, entschlafe ich rasch zu den sanften Klängen von Tom Waits und träume wild von einer Pizzeria, in der ich, nackend stehend, von allen anderen Monsters ausgelacht werde.

Galerie

Podcast

>