Tourtagebuch

Backstage, München

29. Apr. 2009

von Totte

Fulda – Munich: ca 400 Kilometer. 400 Kilometer, das ist schon eine Strecke. Bewdenkt man, daß potentiell jeder Millimeter des Lebensweges Gefahr birgt, grenzt es beinahe an ein Wunder, daß wir völlig unbeschadet in München ankommen. So ist es aber, wir halten nur kurz zwecks Rastenstopp, steigen wieder in den Bus und fahren weiter. Zur Untermalung neueste Schweinegrippe-Erkenntnisse via Radio – Bayern wurde erreicht. Wäre ich Hemingway, würde ich vermutlich den CIA verdächtigen und meine Schrotflinte durchladen. Ich bin aber nicht Hemingway, denn erstens bin ich kein Schriftsteller, zweitens wenig abenteuerlustig und drittens wächst mir kein Bart. Dafür, quasi ausgleichend, lebe ich noch und fühle mich von Spionageunternehmen weitesgehend unbehelligt.
Apropos Schriftsteller: Die meisten der Berichte auf dieser Seite entstehen frühmorgens und/oder im Bus während unserer Autobahnausritte; so erklären sich auch die zahlreichen Tippfehler, nur ein paar sind wirklich meiner stilistischen Unkenntnis zuzuschreiben – Tempo vor Tadellosigkeit, nicht schön but reality!
Jetzt sind wir also in München, hier die Halle des Backstage, dort der Club gleichen Ladens: Unschlüssig stehen wir vor der Wahl: Wo wollen wir spielen? In großer Hoffnung auf guten Besuch entscheiden wir uns für die Halle, die smarte Crew baut flugs kompetent alles auf, wir checken den Sound und bestellen Pizzen, weil wir Brötchen und Kaffee vermissen. Nach Verzehr der öden Joeysplatten, hören wir allerdings von einer Info, die innerhalb der Monsterschaft irgendwie auf der Strecke geblieben ist: Es gibt noch eine zweite Garderobe, in der ein sehr opulentes Büffet für uns bereitsteht. Je nun, wir und Informationen – fehlerhafter als das Gesundheitssystem.
Oha, wer schlendert denn da ums Eck? Es ist der Weiherer (weiherer.com), einer unserer absoluten Top-Liedermacherkollegen, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, uns heute zu supporten. Immer ein Fest, ihn zu treffen!
Der Einlaß beginnt, tatsächlich finden sich gut 200 Menschen –darunter erfreulich viele Münchener – ein, und der Weiherer startet enorm cool durch. Ein Siegeszug!
Danach dann wir: Einer spontanen Eingebung folgend, wollen wir diesmal als Startmusik die Autogamemelodie aus Börnskis Handy laufen lassen, die uns nun schon die gesamte Tour erfreut, klappt auch soweit, nur wir versaubeuteln das wieder, weil wir zum Ende jenes Songs eben doch noch nicht bereit sind. Also noch ein zweiter Durchlauf – schön meschugge, unser Einstand.
Danach könnte man den Abend wie folgt beschreiben: Solide aber etwas unspontan spielen wir unser erstes Set. Das Publikum – scheinbar doch einige Neulinge dabei – braucht naturgemäß etwas Zeit, um aufzutauen, so daß erst zum Ende besagten Sets richtig Stimmung aufkommt. Es sind wohl auch einige Menschen darunter, die uns nur von Festivals kennen; der Effekt ist dann stets der, daß auf eine Bestuhlung bei unseren Clubkonzerten zunächst Stirnrunzeln erste Reaktion darstellt.
Mal kurz zur Erklärung:Wir können immer nur von uns ausgehen, und unsere Vorstellung eines dreistündigen Liedermacherkonzerts ohne Sitzmöglichkeit würde unsere Mundwinkel nach unten ziehen. Zudem haben wir auch – im Gegensatz zu den Kurzprogrammen auf Rockevents – einen Balladenteil im Programm, für den konzentrierter Zuhörmodus sehr wichtig ist. Das ist aber mit einem rein stehenden Publikum sehr schwer zu schaffen, denn das ist immer unruhiger – was an der Sache selbst liegt, nicht an unserem Publikum. Also zumindest Teilbestuhlung auf unseren Konzerten.
In der Pause habe ich die Freude, meinen Onkel mütterlicherseits zu begrüßen, ein Idol meiner frühen Tage, wie er wollte ich Graphiker werden, bin mit acht Jahren ein Heinrich Heine Gedichtband kaufen gegangen, weil er diese für seine Abschlußarbeit illustrierte und habe sie sogar gelesen. Mehr davon? Meine Begeisterung für The Who, Woody Allen und die Marx Brothers gehen ebenfalls auf sein Konto.
Immer ein Fest, sich zu treffen, meinetwegen könnte deshalb die Pause heute länger dauern,
Aber Rock is a job, too!
Die zweite Hälfte des Konzerts gewinnt dann auch erheblich an Tempo: Auf beiden Seiten der Bühne steigt die Stimmung und das tut dem Abend sehr gut. Fred spricht in dem Bezug gerne von „Antennen“, also einer sensiblen Konzert-Sensorik, derer wir uns stets gewiß sein müssen. Kurz: jene Antennen sind in der zweiten Hälfte deutlich weiter ausgefahren, so erreichen wir gar noch standing Ovations zum Ende. Da geben wir gerne noch die gesamte Zugabenrutsche, die wirklich Laune macht!
Im Anschluß an das Konzert laufe ich für meinen Teil allerdings nur kurz durch den Saal, Entschuldigung an die BesucherInnen, denen ich mich dieses mal recht kurz widme aber ich will noch ein bißchen mit meinen Oheim quatschen.
Der Rest der Nacht verläuft ohne besondere Ereignisse: Einladen, zum Hotel fahren, duschen und mit Börnski noch eine Doku über Löwen anschauen : Lautr Anthony Hopkins, dem Erzähler jener Sendung, sind Löwen einem System des Patriarchats unterworfen, schlimm für die Damen, die dafür aber auch viel wendiger und besser trainiert sind. Die, aus der Faulheit der Löwenmännchen resultierende sexuelle Unlust jener, stellt für die tourzölibatär gemarterten Seelen Börnskis und mir allerdings ein Rätsel dar, drum schalten wir schnell um und landen bei Rob Zombies Remake des Klassikers „Halloween“: Auweia, da hat der Gruftrocker wieder mal Blutfontänen mit Atmosphäre verwechselt. Das gefährdet nicht mal unsere Träume, wie wir am nächsten Morgenfeststellen werden.
München, wir sagen danke und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen! Antennen raus!

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