Tourtagebuch

Lagerhaus, Bremen

14. Nov. 2009

von Totte

Würde ich für ein Punkrockfanzine schreiben, wäre mein erster Satz vermutlich etwas in der Art von:
Es geht doch nix übern guten 2 Stunden-Schlaf, bevor man in den Tourbus klettert.

Da ich aber ein älterer Herr mit eher dringlichen Schlafbedürfnissen und empfindlichem Kopf bin, ist meine erste Formulierung dieses Tages:
Wie kann man so bescheuert sein, und sich schon am ersten Tourtag so vollkommen relationsfrei die nacht um die Ohren hauen??? Idiot galore!!!
Glücklicherweise ist der erste Tourteil nur zwei Konzerte lang, somit ist mein Fehlverhalten nicht ganz so schlimm. Dennoch: mit Miniaturaugen in rot vor dem Bus zu hängen und sich von wildfremden Menschen darüber aufklären zu lassen, daß man scheiße aussieht und man selbst in meinem Alter noch holz hacken in Norewgen war, macht mürbe. Holzhacken in Norwegen? Holzhacken in Norwegen?? Verpiß Dich!
So denke ich, denn nur mutige Menschen würden derartiges hörbar aussprechen.
Ah, Erlösung in Form etwas ausgeschlafen aussehender Monsters, naht. Ab in den Bus und die Augen zu. Pensen scheint das Schlafdefizit eher erfrischt zu haben, er eiert durch den Bus und erntet diverse Appläuse. Bin ich müde, bin ich garstig: Geh Holzhacken in Norwegen, denke ich, denn nur bescheuerte Leute würden mit einem solchen Spruch auf Klamaukereien im Tourbus laut reagieren.
Irgendwann Schlaf, dann Pommes bei Burger King. Ödeöde. Dann Schlaf, Kippenpause, Lektüre und Ankunft: Das Lagerhaus ist schön und wird von einem sehr netten Team betreut. Nicht so gut sind sie, wenn es darum geht, Autos anspringen zu lassen, wenn sie die Einfahrt versperren. So stehen dann alle etwas ratlos vor dem Automatikwagen, der vor der Einfahrt steht, und versuchen, das Ding zumindest per Telekinese zu bewegen. Da wir Monsters nichtmal genug Konzentration für Telekinese besitzen, stehen wir völlig ohne Grund da rum und rauchen ratlos.
Irgendwann hats dann irgendwie geklappt, aber da war ich auf der Toilette und weiß nicht, obs durch Geisteskraft oder ADAC geschah.
Egal durchaus, denn in der gut bestückten Garderobe treffen wir nun auf Achim den Don de la K.O.K.S.anostra Köller, der mit uns in trauter Runde weitere Pläne mit uns diskutiert. Klingt nach Strategiespiel auf imperialer Ebene, ist aber Kaffeeklatsch mit Notizblock. Und Blockade, denn wir sind alle dösig, träge und freuen uns vielmehr auf das Essen, das hervorragend schmeckt, und uns jetzt vollkommen ermattet in die Sofas fallen läßt.
Dabei vergessen wir glatt, in Furcht vor Publikumsausbleib gelähmt in Sofas fallen zu lassen. Wäre auch unnötig gewesen, denn unsere Herzen schlagen höher, als wir sehen, wie sich der Raum füllt und füllt. Über 240 Menschen haben Bock auf Monsters, Bibi und das Braunschweigduo, das Trio infernale der Zwillingsgesellschaft und eine Sunshine Boys-Abordnung sind auch dabei. Immer schön, bekannte Gesichter zu treffen.
Urs ereilen derweil ganz andere Sorgen, sein Vertrauen in die Anlage ist eher mauer Natur, zu recht, wie sich heraustellen soll:
Schon beim ersten Lied hupt und dröhnt alles, als hätte es einen Soundcheck nie gegeben. Freds Mikro schaltet beleidigt auf tonlos und Urs und die hiesigen Techniker rütteln, drehen und kabeln hektisch wie Wespen in der Feuerzangenbowle (selbst erlebt, mehr darüber im Münsterbericht), um uns aus der Frequenzhölle zu erretten. Für urs ganz besonders schlimm, da er erstens (als gebürtiger Bremer) heute Freunde geladen hat, zweitens überhaupt nichts für Anlagenrevolutionen kann, drittens aber jeder genau das erstmal denkt. Darum hier an dieser Stelle. He’s a hero, not a querulant!
Am souveränsten in diesem Chaos aber das Publikum, das uns per Chorgesang die Stange hält und den Beginn zumindest kurzweilig gestaltet. Für uns ist das übrigens alles gar nicht so schlecht, denn so vergessen wir alle sonstigen Anspannungen völlig und wir sind um einiges spontaner als am Vorabend. Punkermädchen wird in wechselnder Geschwindigkeit performt, Börnskis neuer Song von Rüdi optisch optimiert, es wird gequasselt und geschunkelt und auf der Bühne umherspaziert.
Das verwirrt leider diesmal Burgers Mikro, das überfordert abschaltet, also erneute hektische Betriebsamkeit für die Techniker, derweil Burger und ich über die brüderliche Teilung meines Mikros intensive Momente der freundschaftlichen Verbundenheit genießen können.
Sehr gerne geben wir Zugaben, denn hier ist es sehr zauberhaft. Arigato!
Nach dem Konzert sitzen wir noch eine ganze Weile beisammen und werden gelöst langsam dämmerig trunken, erst nach Stunden ruft Urs auf, um im Eisen, einer seiner Bremer stammkneipen, nachzutanken. Das Eisen ist ambientemäßig sehr in meinem Sinne, und Börnski, Fred und ich erleben unseren ersten „Krabbldiewandnuff“, der sicher anders geschrieben wird, vor allem aber – dank Ingwer und Pfeffer – die ganzen Bronchien wieder freipustet.
Um halb fünf Uhr noch eine letzte Minipizza am Taxistand und dann ab ins Hotel:
Hotel? Das ist eine Oase mit unglaublich viel Platz, versteckten Winkeln mit Betten, Schönheit und Geschmack.
Wir sind selig. Aber auch müde:
Auf der Terrasse darum nur noch einen aller- allerletzten Absacker, bevor ich mir eines der geschätzen 3000 Betten aussuche und vor dem einschlafen nur noch schaffe, die erste Zeile in einer Konzertkolumne eines Punkrockfanzines zu lesen, die da lautet:
Es geht doch nix übern guten 2 Stunden-Schlaf, bevor man in den Tourbus klettert.
...same old way like yesterday...