Tourtagebuch

Kufa Lösecke **Ausverkauft**, Hildesheim

20. Nov. 2009

von Totte

Es ist heute der 21.11.09, Samstag, und ich blicke - soviel sei verraten – auf einen sehr schönen Abend in Hildesheim zurück. Wir sind noch im Hotel nahe des wunderschönen Rathauses und wir genießen frischen Kaffee, derweil wir die erste Rezension unseres Göttingen-Konzerts vom 19.11. lesen: Für uns ein schillernder Tourauftakt, für den Rezensenten indes scheinbar ein Alptraum in Edur.
Wir seien „Micki Krause für Arme“, frei von Niveau, Krakeeler und ähnliches, „gute Liedermacher“ hätten anderes zu erzählen etcpp.
So sehr mich gute Kritiken erfreuen, so genugtuend empfinde ich aber auch stets, wenn ich mir ansichtig derartiger Negativbewertungen vorstelle, wie zornig und verdrossen der Rezensent – ohnmächtig vor Unverständnis, daß hier alle eine gute Zeit haben und das zelebrieren – sich bemüht, seine Abscheu möglichst detailliert auszudrücken. Schließlich handelt es sich bei ihm um einen Vertreter jener Zunft, denen schon Georg Kreisler (ein Liedermacher, der definitiv in die Rubrik „guter Liedermacher“ gehört) ein Lied widmete:
„ich hab zwar keine Ahnung was Musik ist, denn ich bin beruflich Pharmazeut, aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist: je schlechter, um so mehr freun sich die Leut’“

Nichts gegen schlechte Kritiken; so lange sie möglichst objektiv das Gesamtkonzept beschreiben, muß man sie ernst nehmen, denn auch dort finden sich für uns stets Denkanstöße. Wenn allerdings extra drei, vier Beispiele aus einem Dreistundenkonzert rausgegriffen werden, um die eigenen Thesen zu stützen, alles, was in das vom Kritiker vorgefertigte Bild nicht passt, dafür unter den Tisch fällt, ist die Kritik nicht mehr als Motzerei im BILD-Format. Bei mir finden sie dennoch Verwendung, ich plane eine Phototapete für meine (zukünftige) Hausbibliothek, die ausschließlich aus mißmutigen Berichten über die Monsters besteht – eine Wand ist schon fertig.
Darum: bitte weiterschreiben, okay?

Aber nun mal zu Hildesheim:
Freitag, 12 Uhr: Abfahrt und Abholung von Burger, der gestern noch bei seinen Lieben nächtigte. Die Sonne scheint, es ist wieder wärmer geworden, allein unsere Grippefurcht macht uns komplett krank fühlend. Und zwar immer dann, wenn das Gespräch darauf kommt. In Hildesheim deshalb Groißeinkäufe in der Apotheke, wo wir so lange und umfassend beraten werden, das ich sofort im Anschluß halb bewußtlos ins Hotelbett falle. Da aber niemand in der Nähe ist, der mich bedauern kann, stehe ich wieder auf und treffe beim Ingwerkauf am Rathausplatz noch die werten Kollegen, die es sich bei Drinks und Sonne gewmütlich gemacht haben.
Rüdi schwärmt von der hiesigen Architektur, denn davon versteht er was – er ist ein Dokukonsument und überhaupt architektonisch interessiert. Da ich nur ein plumper Proll bin, habe ich leider nicht genau verstanden, worum es geht, einzig, daß besagtes Gebäude 1989 wiederaufgebaut wurde und zwar um – historisch korrekt – ohne Nägel oder Schrauben. Wow.
Aber nochmal zurück ins Hotel, Helmut Kraussers Roman „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ liest sich sehr gut, die Zeit bis zur Abfahrt gen Club fliegt nur so dahin.

Im Club:
Wir werden sehr nett empfangen, der Raum ist allerdings um einiges größer, als gedacht. Aufbau, Soundcheck, Brötchen und Ingwer: die Stimmung ist locker und etwas müde. Auf die Frage, ob alle Bands im Alltag so öde sind, reichen die Antworten von „Ja“ (Fred) bis „vielleicht“ (Urs) – immerhin kein eindeutiges „Nein“.

Am blödesten diese ewige Warterei, bis es endlich los geht: Während sich der Raum mit etwa 300 Menschen sehr, sehr ansehnlich füllt, tauschen wir uns über Pensens heutige Joggingstrecke aus (i’m only a spaziergänger), besprechen kurz noch die Setliste und essen und trinken und rauchen und warten. An dieser Stelle – um die Wartezeit zu verkürzen, möchte ich auf die Myspaceseite meiner neuen Band „Die Intelligenzia“ hinweisen, die just online gegangen ist: Bei Lust, checkt mal: myspace.com/dieintelligenzia, würde mich freuen.
Ebenso erfreuen diue vielen Bekannten heute, Lare, Nullbock/Muschikoffer Adri, Else, das Braunschweigduo und und und – schön, soviele nette Gesichter zu sehen!
Aah, es geht los, 20:45 Uhr:
Wir werden coolerweise von Lösecketeammember Alex richtig rockstarmäßig außen um das Haus zur Bühne geleitet, eine dufte Sache, denn unserem Intro hilft das sehr.
Monsterstime!
Aber hallo! Wir merken gleich, heute brennt das Iglu! Hildesheim (und Umgebung) ist absolut am Start!
Es wird extrem mitgemacht, gesungen, gelacht, geklatscht, gepogt, die Wunderkerzewn-Herde bei „Weltklassemelodie“ sind rekordverdächtig, es ist ein berauschendes Fest für uns. Etwas unruhig beim Balladenteil womöglich, was schade ist aber durchaus auch nachvollziehbar, erst aufputschen, dann Stille verlangen, kann nicht immer klappen. Dennoch: Szenenappläuse bei „Weder Komponist noch Dichter“ wärmen unsere Gemüter. Auch die neuen Lieder werden äußerst wohlwollend aufgenommen, es ist einfach insgesamt ein grandioser Abend!
Selbstverständlich gibt es die volle Zugabenladung und Drinks im Anschluß mit netten Menschen, denn gelungene Nächte müssen gewürdigt werden. Wäre die Tour nicht noch sehr lang, wäre die Nacht bestimmt noch kürzer geworden, doch noch müssen wir auf die Stimme der Vernunft hören, schweren Herzens also losgelöst und ins Hotel gefahren, wo wir einen letzten gemütlichen Schoppen im Innenhof nehmen – und wer nun schimpft, meine Ausführungen seien ja wohl auch nicht besonders objektiv, dem gebe ich recht, möchte aber anfügen, daß ich ja auch nur unser Tourtagebuch schreibe. Und wer bei so schönen Abenden, quasi als Gastgeber, objektiv bleiben kann, der hat keine Seele.

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