Tourtagebuch

Kantine, Köln

22. Nov. 2009

von Totte

Sagen wir mal so:
Köln war, ist und wird konzerttechnisch immer meine Angstgegnerstadt bleiben: Immerhin habe ich hier sehr lange gelebt, Freundschaften geschlossen und somit auch eine besondere Verbindung zur Domcity.
Das bedingt eben auch, daß sich für heute a lot of friends angekündigt haben, die zu enttäuschen mir diverse Schlafstunden rauben könnten. Drum durchaus eine glückliche Fügung, daß wir diesmal beinahe gar keine Schlafstunden haben, denn wir sind nach dem Hamburgkonzert gleich losgefahren, um – nach drei Stündchen Etapsleep in Bielefeld – heute mittag in Köln unseren ersten Fernsehauftritt aufzuzeichnen. ZDF Neo heißt der Sender, das Format ist eine Comedyshow.
„Comedyshow?“, rufen nun einige zurecht, „wie war das mit Eurem Genervtsein wegen der Comedyvorwürfe?“ Eine Antwort darauf gibt es auch in der Tat nicht, alle Rechtfertigungen würden in die Richtung: „Wir müssen erstmal in das System reinkommen, um es ablehnen zu können“ oder „Riesenchance“ oder „Überlebensstrategie“ gehen, weshalb wir uns das an dieser Stelle auch sparen und dennoch hoch erhobenen Hauptes durch die Welt gehen werden.
Zumindest spielen wir einen Monstersong und die können wir überall rechtfertigen, egal wo und wann wir sie präsentieren.
Durch die naturgegebene Übermüdung wirken wir bei Ankunft zudem auch ziemlich rockauthentisch, und wir lügen keineswegs, wenn wir behaupten, daß wir sehr freundlich empfengen werden und der Moderator Knacki Deuser ein ehrliches Interesse an uns zu haben scheint. Wir stehen indes etwas verlangsamt wie in einer Welt unter Zeitraffer, hier werden heute mehrere Sendungen mitgeschnitten, ein Gewusel ist das, dem wir nicht gerecht werden könnten, selbst wenn wir wollten.
Wir proben das ganze für die Kamera kurz, dann rauchen wir und laufen torkelig durch die Räume, ein Verantwortlicher sieht sehr richtig, daß wir ungepudert nicht cool und independentmäßig zerstört sondern bloß scheiße aussehen, schon kurz darauf strahlen wir cremig glatt und spielen unseren Song für dieSendung etwas zu zahm für angebliche Liedermonster.

Das war unsere TV-Erfahrung.

In der Kantine sind wir endlich wieder auf gewohntem Terrain, rheinisch freundlich werden wiur vom Team um Markus empfangen, laden und klönen und dumpfen herum. Ich bin wegen oben erwähnter Angstgegnerstadtsache nur nervös und inhaliere mehr Zigaretten als andere Luft, Urs – der heute leider seinen letzten Tourtag mit uns hat – ist mit diversen technischen Querelen ziemlich in Anspruch genommen, Christian Bartel, Freund und Literatursupport für heute, erscheint und ist genauso durch den Wind wie ich und dann ist Einlaß.
Boah! Über 450 Leute finden den Weg hierhin, neuer Rekord! Und es sind sehr nette Menschen, wie wir feststellen werden!
Letztes Jahr war das Konzert hier der Knaller, trotz Wintereinbruch feierten wir einen wundervollen Monstergeburtstag in der Kantine, also ist die Meßlatte für heute zu allem Überfluß sehr hoch, doch schon Christians Lesesupport geht schon mordsmäßig ab, er wird – und das völlig zu recht – extrem gefeiert. Dann wir:
Jetzt die Überraschung: Kaum auf der Bühne, ist alle Nervosität völlig verflogen, wewggepustet durch die enorm liebe Begrüßung durch das Wahnsinnspublikum, das sich eingefunden hat. Alles Sorgen sind sofort vergessen, mit leuchtenden Augen und lachenden Herzen geht es ab: Und noch besser: So lautstark und euphorisch alle bei den Partyliedern mitmachen, so konzentriert und still lauschen alle bei den ruhigen Songs und erzeugen eine durchgängige Superatmosphäre.
Mein Problem auch diesesmal ist, ich würde gerne viele Details erwähnen, die den Abend funkeln lassen, die Wunderkerzen, die Bühnensitzpogogarde, die lachenden Gesichter, die Speedversion von „Selbstvertraun“, die Nachsichtigfkeit ob diverser Verspieler, die Blasenschwäche-Interaktion deluxe undundund, aber alles das kann dem tatsächlichen Konzert nixcht gerecht werden. Daß Götz Widmann sich nicht lumpen läßt, zum Zugabenteil beizutragen, steigert natürlich die Freude auf allen Seiten! Vielen, vielen Dank! Köln will in the future never be an angstgegner for me again!

Der Abend wird lang und lustig und auch nach dem Konzert ist noch lange nicht Schluß, schließlich haben um Mitternacht sowohl Götz als auch die Monsters Geburtstag. Darauf einen Sekt und viele Umarmungen!
Ich will aber mit meinen Kölner Freunden noch in der Stadt weiterfeiern, weshalb ich hektisch durch die Gegend renne, um alle zusammenzutrommeln. was dauert und dauert, mich bestimmt wie ein cholerischen Pöter erscheinen und heilloses Chaos hinterläßt, womöglich (hoffentlich) aber auch etwas zu dramatisch gedacht ist.
Von meinen Kollegen weiß ich, daß sie im Hotel noch diverse Geburtstagstropfen eingenommen haben, während ich selbiges mit ebenso netten Menschen im Sonic Ballroom mache. Gar nicht so exzessiv aber wunderschön.
Was zur Folge hat, daß dieser Bericht nun ganz schön kurz wurde, doch wie sagte schon höchstwahrscheinlich einst ein Dichter (und welcher, das ist mir nicht bekannt, aber er war groß):
„Wo Worte fehlen, muß Schweigen reichen!“ Bzw. Ein Genuß, daß mir die Worte ausgehen. Genau!

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