Tourtagebuch

Alte Mälzerei, Regensburg

25. Nov. 2009

von Totte

Heute traf mich eine wichtige Erkenntnis!
Es begab sich nämlich, daß ich – da meine Tourhosen inzwischen alle – also alle beide – zu verspeckt für jedwedes wohlige weitere Reisen waren, in die Regensburger Innenstadt fuhr, um mich neu einzudecken. Bislang für mich stets eine Sache von etwa fünf Minuten: In den Laden, Hose aussuchen, anprobieren, kaufen. Während Börnski, Fred und Claudio also die Stadt beschauen gingen, zog ich in Sachen Textlierneuerung los: H & M, Kaufhof, Nemeless Jeansshop undsoweiter, zwei geschlagene Stunden lief ich durch die Halen des Horrors, ließ mich von dusseliger Konsumaregungsmusik fluten, besetzte unzählige enge Umkleidungen und kam dem Wahnsinn immer näher: Nichts!
Dabei wurde mir immerhin eines klar: Schuld an den Eßstörungen vieler Menschen, sind nicht die Modemagazine und Model-TV-Shows, sondern ausschließlich die Textilindustrie! Seit die Zivilisation soweit vorangeschritten ist, daß es Klamotten von der Stange zu kaufen gibt, werden dem Menschen Maße diktiert, die einzuhalten, zwangsläufig in Mager-oder Freßsucht, auf jeden Fall in psychotische Störungen treiben müssen: Entweder muß man sehr Dick und klein oder lang und extrem dünn sein, sonst schlabbert oder zwickt alles, man sieht in den Spiegel und sieht nur eine unförmige Masse vor sich. Dann bricht man zusammen und läßt sich operativ verlängern, frißt sich bei Fastfoodketten frustfrei oder läßt sich den Magen abklemmen. Je nachdem. Es ist eine schlimme Welt, die von Industrieimperien gesteuert wird und ausschließlich unglückliche Konsumjunkies züchtet.
Fluchend lauf ich von Laden zu Laden, zwischendurch ein Fischbrötchen bei Nordsee (Fastfoodkette), wo ich die Verkäuferin nach weiteren Hosenläden außer H&M und Kaufhof befrage. Sie empfiehlt mir statt dessen lieber noch eine weitere Nordseefiliale.
Ich: „Ich will aber Hosen.“
Sie: „Ach so! Ja dann wären da in der Nähe doch noch H&M und Kaufhof.“
Dämliche Kuh, denke ich, denn meine Gedanken sind nicht immer nett, schon gar nicht, wenn der Kaufrausch unbefriedigt in den Schläfen pocht.
Ich versuche es weiter, aber irgendwann – nachdem ich mich wieder einmal mehr in dreifacher Ausfertigung als Elefantenbeinmensch in einem kalten Umkleidespiegel anblicke, platzt mir der Kragen, ich reiße mir den Zwirn runter, laufe wild fluchend (innerlich) in den gegenüberliegenden Drogeriemarkt und erstehe eine Tube Handwaschmittel! Dann eben so.
Somit wäre auch geklärt, was ich in der restlichen verbleibenden Zeit bis zur Abfahrt im Hotel gemacht habe.
(by the way, Werbespot hier: auf meiner Seite myspace.com/dieintelligenzia könnt ihr einen Song zum Thema Hosenkauf hören, wo jenes aber auf recht bizarre Weise behandelt wird)

Ankunft im Club „Alte Mälzerei“: Ein sehr nettes Team und ein cooler Laden, überhaupt sind die bayerischen Clubs scheinbar allesamt frei von bajuwarischen CSU-Kleinkunst-Klischees, sondern –im Gegenteil-enorm rockig und liebevoll geführt. Ü, Julia, Alex und Co sind wirklich großartig.
Die Käseplatte im Backstage ist ein wahrer Gaumengeiler und der Konzertraum sehr gemütlich.
Fred kommt aus Regensburg-City und unterhält sich mit Rüdi und Börnski über die Stein(er)brücke (ich werde den genauen Namen noch herausfinden, ich Banause) und über die Schönheit der Innenstadt, zudem hat er – anläßlich unseres Geburtstages vor zwei Tagen – für alle Vinylplatten als Geschenk dabei. Vor allem bei mir hat er mit Jello Biafras „Audacity of Hype“ (eine Verballhornung Obamas „Audacity of Hope“) derart ins Schwarze getroffen, daß mir ganz mulmig vor Freude wird. Wahnsinnig nette Bandkollegen habe ich.
Wahnsinnig nett ist auch der Weiherer, der heute freundlicherweise unseren Support übernimmt. Dieser Zeilarner Liedermacher ist ein sehr guter Freund von uns und überhaupt einer der sympathischsten Menschen auf der Welt. Nicht minder zauberhaft seine Freundin Andrea, die just Pensen in bayerischen Redewendungen lehrt, allerdings eher mit mauem Erfolg.
Da wir in Regensburg noch nie gespielt haben und vor zudem auch noch heute ein wichtiges Bayern-Fußispiel stattfindet, können wir uns über den Publikumszuspruch von exakt 201 Zuschauern nur wundern. Diese Tour ist bislang einfach der Wahnsinn!

Der Weiherer startet gegen 20 Uhr und rockt selbstverfreilich exorbitant exquisit! Checkt weiherer.com, denn es taugt total!

Dann Monsters: Heute kommt unser Intro ziemlich skurril, da wir selbst vorher im Publikum stehen – so wünscht man sich Understatement. Genau der richtige Auftakt zu einem sehr funkelnden Konzert.
Wir quetschen uns auf die gemütliche Bühne und legen los. Und Regensburg (bzw. das heute in Regensburg weilende Publikum) erweist sich als ein Hammer.
Viele kennen uns nicht, kaum oder nur von Festivals wie dem Labertal (Gruß an Sanne und Co), was bedeutet, daß Großteile unseres Programms den Menschen hier völlig unbekannt sind. Das macht Spaß, sie den Ohren zum ersten Mal zu präsentieren, vor allem, weil hier alle dennoch sehr Euphorisierungsbereit sind und gerne mit uns mitfeiern. Es wird mitgelacht, gesungen und geklatscht und beim Balladenteil sind tatsächlich ALLE still und genießen die Magie, die über diesen Liedern schwebt. Einfach toll!
Wir sind auch wieder konzentrierter als gestern, dabei aber nicht verkrampft, sondern auch gerne zu spontanem Gerede bereit. Es wird ein wirklich wundervoller Einstand in Regensburg. Arigato vielmals, eine Gaudi sondergleichen!
Wie leider sooft bei unseren Konzerten, sind allerdings aufgrund der Spiellänge im Anschluß fast alle schon weg, bevor wir richtig feiern können, ist aber nicht sooo schlimm, weil wir alle auch recht kaputt sind und uns aufs Hotel freuen.
Nach kurzen, netten Smalltalkintermezzi, laden wir den Bus, erfahren von Rüdi, was es mit der Regensburger Maus (inoffizielles Wahrzeichen, in Stein eingearbeitet, zu oft angegrabscht, komplett saniert – soweit die Kurzfassung) auf sich hat, brechen noch vor pubertären Gekicher an einer der automatisierten Tankstellenkassen zusammen ( Monsters, auf den Automaten deutend: „Also da muß man das Kleingeld reintun. Und die Scheine?“ – Verkäuferin: „Die Scheine kommen bei mir hinten raus“) und schießen mit Teddypard noch eine kleine Photostrecke – der Kerl ist uns extrem ans Herz gewachsen und weiß auch genau um seine Sonderstellung.
Was weiterhin im Hotel passiert, ist so spektakulär, daß es eine Erwähnung verdient: Meine gewaschenen Jeans sind getrocknet und ich freue mich das erste mal an diesem Tag über eine Textilie. Krass, oder?

P.S. Wir kommen sehr gerne wieder. Bis dahin empfehlen wir Euch Götz Widmann am 03. und die goldenen Zitronen am 04.12. in der Mälzerei.

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