Tourtagebuch

SO 36, Berlin

24. Feb. 2010

von Totte

Achgottachgottachgott: Was ist denn da passiert? Kaum wollte ich gestern Nacht mein Kopf ins Kissen betten, schleuderten heftige Niesattacken meinen Schädel gen Himmel. Plötzlich war die Nase dicht! Und das mir Hypochonder, der ich doch täglich meine Nase aus Gründen der Prophylaxe spüle, um allen Atemwegsverstopfungen zu entgehen!
Meine Freundin meint es auch sicher nur fürsorglich, als sie am Telefon statt „hallo“ gleich: „Oh, du klingst gar nicht gut!“ sagt, aber das haut bei mir natürlich in die falsche Kerbe – jetzt ist mal wieder leichte Panik angesagt!
Ich kaue jetzt pausenlos Ipalad, Börnski verabreicht mir Thymiankapseln („Echt gut, der erste Rülpser schmeckt voll nach Pizza!“), rauchen tu ich dennoch. Die Psyche will ja auch massiert werden.
Wir fahren durch eine Landschaft, die sich nicht entscheiden kann, obs jetzt schneit oder sonnig strahlt.
Pensen lieh mir die Slash-Autobiographie, die beste Buslektüre ist. Darüberhinaus ist sie allerdings eher nicht zu gebrauchen, but anyway.
Teddypard vernichtet in einem Randaleanfall Freds halben Tourbericht, der ist eher weniger amused, ein Hin- und Her im Busfond ist das, ach je.
Diverse Zigarettenpausen auf derr Fahrt nach Berlin, meine Nase befreit sich langsam etwas, sonst ist überhaupt nichts passiert.
Ein Roadmovie der realistischen Sorte: Man fährt und kommt an. Sonst nüschte.

In Berlin angekommen, betrete ich zum ersten Mal die ehrwürdigen Hallen des SO 36, ein Schuppen mit Vergangenheit. Im Grunde ein Tempel des Punk, kulturell jedenfalls definitiv nicht wegzudenken aus der Berliner Musikkultur. Durch dämliche Anwohnerbeschwerden aber steht der Club zur Zeit gerade vor dem Problem, eventuell seine Pforten schließen zu müssen. Was ist das für eine Welt, in der Denunziantentum gefördert und autonome Kunst derart gegängelt wird? Haben die Stadtoberhäupter denn überhaupt kein Interesse mehr daran, ihre Stadtbilder möglichst interessant und attraktiv zu gestalten? Ein Jammer, ob Gentrefizierung oder Privatisierung des öffentlichen Raums, ich versteh das alles nicht. Wem soll das langfristig nützen?

Der Club ist groß und lang, das Team sehr nett und der Weg zum Backstagebereich irre: Über Schallschutztüren, die sich per Knopfdruck öffnen lassen geht’s über eine Außentreppe in die Zimmer, wow, „Cleveland“ ruf ich da und hoffe, Ihr versteht.
Auch Amnesty ist heute wieder vor Ort, ich verweise immer wieder gerne auf deren Seite, denn Unterstützung ist vonnöten: amnesty.de
Während der soundgecheckt wird und der Merch aufgebaut, lese ich weiter im Slashbuch und komme zum Schluß, daß das nicht gerade meine Idealvorstellung von Lebensplanung wäre. Hardrockstar? Nö, lieber nicht.
Dabei kann man sich schon ein wenig rockstarmäßig fühlen, wenn man die Menge Menschen sieht, die es heute hierher geschafft haben: Rund 500 Menschen füllen den Club mehr als anständig, wowwowwow!
Jetzt bin ich doch nervös!

Es geht los!
Menschenskind, ist das ein Empfang! Berlin ist ne Wucht, um mal ein schönes Retrowort zu verwenden!
Wir sehen in so viele freundliche Gesichter, daß die Augen jucken!
Nur schon beim zweiten Song streikt kurz der Strom, jetzt müssen wir improvisieren und spielen eratmal einen Song komplett unplugged, was die Leute dankenswerterweise voll mitmachen, danach dann verstärkt weiter. Ich muß gestehen, daß ich in der ersten Hälfte des Konzerts noch nicht so richtig angekommen bin, was aber nicht am Publikum liegt, denn das macht hervorragend mit. Manchmal muß man sich einfach etwas länger eingrooven.
Und ab der zweiten Hälfte wird es dann unfaßbar schön. Wunderkerzen, Schunkeln, mitsingen, stillhalten und mitklatschen: Berlin ist umschaltefähig, Grandios!
Zum Zugabenteil gibt’s dann wirklich kaum noch ein Halten, mit Standing Ovations werden wir herzerweichend verabschiedet, das war toll! Und auch noch im SO 36, viel cooler kann man sich kaum fühlen.

Im Backstageraum tummeln sich viele nette Menschen, in der Halle aber auch, ich springe wild hin und her und habe viele – wenn auch kurze, so doch sehr nette Gespräche, darüber verpasse ich völlig das Busladen, doch man ist nachsichtig mit mir.

Eigentlich wollte ich mich heute möglichst früh schlafen legen, aber spontan finden sich noch Lizzy, Geli, Urs und Börnski bei mir ein und der Abend wird noch ziemlich ausgedehnt. Auf sehr unterhaltsame Art, möchte ich hinzufügen. King Size Cigarettes maches mich überaus albern und die Dialoge sind zwischen debil und genial einzugrenzen. Es ist dann doch 5 Uhr, bis ich in den Schlaf finde. Vorsichtig lege ich den Kopf ins Kissen, in ängstlicher Erwartung einer neuen Niesattacke. Doch nichts dergleichen: Was bleibt ist Wohlgefallen. Ja, das ist die Berliner Luft (Luft, Luft)!

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