Tourtagebuch

Centralstation, Darmstadt

19. Feb. 2010

von Totte

„Kennen Sie die Angst vor dem weißen Blatt Papier?“ fragt der Permanent-Reporter in meinem Schädel.
„Ja.“
Zehn Tage Tour liegen vor uns, (inzwischen fast verlernte) Routineabläufe werden in dieses zehn Tagen unseren Alltag bestimmen: Aufwachen, auschecken, abfahren, ankommen, abrocken. Wir sind die AAAAA’s. Hoffentlich zumindest nicht anonym, denn das ist für Bands eher schlecht.
In den letzten Jahren hab ich viele Vokabeln gelernt: Promo, Soundcheck, Backdrop, Get In, Venue, etc.etc.
Ein wölbendes Wissen, das mir im realen Leben nicht das kleinste bißchen weiterhelfen würde. Ein Grund mehr, weiter in der Monsterparallelwelt zu existieren, oder?
Apropos Promo: Einen kleinen Seitensprung habe ich mir im letzten Jahr erlaubt. Manchmal muß ich eben ausbrechen und das Liedermacherkorsett sprengen, da geht’s mir nicht anders als den Kollegen. Pensen hat Das Pack und ich – neben der Punkballettruppe Muschikoffer nun auch endlich die „Intelligenzia“, eine Band der surrealeren Art. Gerade noch rechtzeitig zur Tour wurde unser zauberhaftes
Album „Der Weg ist zum Ziel, Teil eins: Forschung und Lehre“ fertig, jetzt möchte ich den Kauf jedem anempfehlen.
Ist das jetzt aggressive Werbung? Nö, finde ich und laß die letzten Zeilen stehen.
Wir sind übrigens um 7 Uhr aufgestanden, um jahreszeitlich bedingtem Chaos zu entgehen, jetzt sind wir müde und im Bus.
Urs leiht mir Oliver Schmitts Buch über Punkrock, liest sich toll, dennoch fallen mir die Augen zu. Schlaf, unterbrochen von profilneurotischen Teddypardanfällen, der Kerl ist manchmal einfach zu aufmerksamkeitsheischend.
Weil die Jahreszeit gar kein Bock mehr hat, irgendwem Steine in den Weg zu legen, kommen wir sehr pünktlich an, laden aus und – tusch – welcome Touralltag.
Es gibt allerdings ein Novum diesmal: Wir haben für die Februartour gar ein Tourmanagement, bestehend aus dem sympathischen Damenduo Lizzy und Geli, der Famiglia Koks.
Tourmanagement?
Mhm, coole Sache: Im Grunde bedeutet das: Liebe Monsters. Ihr dürft – was organisatorische Fragen angeht – Euer Hirn quasi ausschalten. Denn Management heißt Kümmerer. Nun möchte ich unsere Leser aber bitten, das nicht mßzuverstehen: Wir sind jetzt kein Superwichtig- Riesentroß, sondern einfach eine angewachsene Reisetruppe. Das ist auch mal schön, womöglich erhöht sich dadurch auch unsere Unterhaltungsthemendichte, was nach über sechs Jahren Busreisen auch ruhig mal passieren kann.
Jedenfalls schön und dahin gehend animierend, daß erste Monstermember gleich „Prost“ denken und sich entspannt zurücklehnen.
Was perfekt zum Toureinstieg ist, ist die Tatsache, daß wir heute (bereits zum zweiten Mal in Darmstadt) kein Monstersolokonzert geben, sondern zusammen mit den hochverehrten Kollegen von Boppin B aufspielen. Diese Rockabillykapelle ist uns in den letzten Jahren enorm ans Herz gewachsen, von niemanden sonst lassen wir uns derart gerne an die Wand spielen, denn Bopppin B sind menschlisch wie musikalisch absolute Spitzenklasse.
Es gibt ja bekanntlich gerade in den Rockabillykreisen viele eher konservative Musikkonsumenten, die mit keinem anderen Genre etwas anfangen mögen, aber bei Boppin B verhält sich das alles ziemlich anders. Es macht einfach Spaß. Zwar spielen wir dadurch heute nur ein verkürztes Set, doch dafür dürfen wir im Anschluß derbsten Rock'n' Roll genießen. Freude.
Groß die Wiedersehensfreude, viele Flaschen werden geöffnet und das Catering ist exquisit. Daß sich zudem noch knapp 600 Menschen einfinden, um die Superdoppelshow zu genießen, kommt da richtig gut.
Ab on stage, Monsterzeit:
Es macht richtig Laune. Der Saal ist riesig aber voll, der Anblick mächtig.
Wir dagegen sind – so empfinde ich das jedenfalls – ziemlich albern und spontan, der Konzertkasper pogt in unseren Hirnen und läßt das Konzert sehr spontan verlaufen. Jeder von uns verspiel sich mal, aber egal, the spirit is here, die Ansagen fliegen uns selbst um die Ohren und Darmstadt macht ordentlich mit. Toll. Einfach toll! Und ein grandioser Einstieg.
Boppin B, die im Anschluß spielen, sind einfach immer Dynamit!
Es wird getanzt, agiert, gerockt, einzig schade das Rauchverbot, denn immer wenn ich im Saal bin, bekomme ich Schmachter, muß dann gefühlte 3000 Treppenstufen zum Backstage hetzen, wo ich dann – sobald angekommen – kein Bock auf Nikotin sondern Konzert kriege. Also wieder zurück und der Kreislauf geht weiter. Gut für die Kondition, schlecht für den Nikotinspiegel.
Nach dem Konzert geht es noch eine Weile weiter, in einem Backstageraum läuft Musik der Kassierer, im anderen werden die Käseplatten verputzt.
Mit Didi tausche ich mich stets gerne über Musik und Bücher aus, diesmal geht’s um „Cor“, die –laut Didi – hervorragend sind. Dabei fällt mir ein, daß ich völlig verschwitzt habe, ihm den Krausserroman „Die kleinen Gärten des Maestro Puccini“ zu empfehlen. Also, wenn Du das liest: Lies das!
Rührungstränen treibt uns die selbstgemachte Teddypard-Grußkarte der beiden zauberhaften Hörerinnen in die Augen, denn die ist derart gut gemacht und nett, daß sie mit Sicherheit auch Photomäßig verewigt wird. Mille Grazie!
Einladen und Aufbruch sind dagegen derart unspektakulär, daß ich mir das spare und mit besten Gefühlen und Vorfreude auf die nächsten Tage mich herzlich grüßend vor Euch verneige;: Darmstadt, let’s meet again, in thunder, lightening and in rain. Hauptsache meeten. Und zwar zusammen mit Boppin B. Nice Night.

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