Tourtagebuch

E-Werk *Ausverkauft*, Eschwege

20. Feb. 2010

von Totte

Grönkwömmm!
Als ich das im Stuckrad-Barre Roman „Soloalbum“ gleich auf der ersten Seite las (womöglich wars aber auch Gronwrooom oder so ähnlich), war ich einfach hellauf begeistert. DAS ist mal ein guter Start.
Der Autor selbst gefiel mir allerdings von Buch zu Buch weniger, als er dann tatsächlich in der Autorensickergrube des Axel Springer-Imperiums abtauchte, war die Sache auch erledigt. Aber immerhin: Ein toller Anfang. Das soll ihm mal wer nachmachen.

Zufälligerweise war „Grönkwömm“ das erste, was ich heute dachte, als sich mein Schlafkontingent als aufgebraucht abmeldete und die Lider hochklappten. Grönkwömmm. Einfach: Grönkwömmm! Nicht: Wo bin ich? Nicht: Hurra, we are on tour! Nicht: Die Welt gehört gerettet! Oder: Kaffee jetzt bitte! Oder: Was müffelt hier? Nein.
Grönkwömmm.
Viel mehr kam dann leider auch den Rest des Tages nicht mehr, überhaupt bin ich auf Tour oftmals eher leer bebirnt, die Gedanken wollen nicht so recht und ich dann erstmal auch nicht. Kommt aber alles irgendwann, allein: das mir das keine Sorgen mehr bereitet, beweist ja der erste Gedanke dieses Tages.
Grönkwömmm.
Dann aber doch: Kaffee.
Munter hüpfe ich elfengleich zum Frühstücksbuffet und organisiere eine Kanne schwarzen Goldes (ja, ja, eigentlich Öl – verschont mich mit Besserwisserei, es ist gerade mal 9:35 Uhr) und schnelle back to the hotelroom.
Fred ist ebenfalls erwacht und schaut irgendwas mit Olympia, bestimmt gut, bestimmt spannend, ich seh da nur Leute auf Holzkram rutschen. Warum geht mir bloß jeder Sportivgedanke ab? Das Leben wäre sicher komplett besser und diskussionsgefüllter, würde ich ebenfalls von Fußball, Tennis, Olympia gebannt. Statt dessen: Einstürzende Neubauten, Knut Hamsun und Bunuel. Worüber soll man sich da unterhalten.
Das ist wohl auch der Grund, warum ich immer wieder mal für einen Misantrophen gehalten werde. Son Quatsch – i like people, nur diesen Smalltalk hab ich einfach nicht drauf. Da läuft in meinem Hirn dann stets nur Grönkwömmm.
Glücklicherweise verfüge ich über tolerante Bandkollegen, die mir meine Launen verzeihen, mein Sportdesinteresse nachsehen und mich allen Widrigkeiten zum Trotz in den Bus lassen.
Da muß ich auch mit, denn die Strecke: Darmstadt – Eschwege, ist zu Fuß nicht zu machen.
Wenn ich das richtig mitbekommen habe, ist in Darmstadt der Schnee geschmolzen, rechtzeitig nach Pensens „lange Unterhosen“-Kauf. Die lohnen aber wieder etwas weiter weg, es wird kühler und die Laugenbrezel an der Raste ist groß, salzig und unknusprig. Dafür knuspert wenigstens der Kaffee.
Das Buch von Oliver Schmitt (Anarchoshnitzel schrieen sie) ist toll und läßt die Strecke schmelzen wie die Sonne Darmstädter Schnee.
Ankunft in Eschwege, und was Eschwege uns bedeutet, kann man in den vielen Open Flair-Berichten lesen, die unsere Tagebuchseiten füllen.
Herzlichst werden wir von der Crew um Markus Stolle empfangen, geschätze Gesichter allerorten. Lizzy und Geli sind bereits tourmanagementmäßig voll am Start und das Catering ist lecker und opulent.
Wir machen das, was Monster so auf Tour machen: Ausladen, soundchecken, rauchen und essen. Laptops hochklappen, Kram gucken, Gitarre spielen, dumpf in die Gegend starren und so weiter. Zeit ist kostenlos.
Auch Achim Chef der KOKSanostra ist da und gut gelaunt, wenn auch wieder energetisch, daß die Funken sprühen. What a power der Mann hat...
Gleich neben dem E-Werk, unserem Auftrittsort, ist ein riesiges Zelt aufgebaut, wo heute vor über 6000 Menschen die Schlagerpeitsche rausgeholt wird. Live dabei: Jürgen Drews und der
Wendler. Gruselige Zombiegeschichte, wie ich finde. Manchmal bin ich nämlich geschmackssicher.
Ach, sollen sich doch die Untoten da stapeln, unser EWvent ist was für Kopf wie Seele und außerdem – und so stolz darf man schon mal sein – ausverkauft. Und zwar mit netten Menschen, lächelnden Menschen, einfach Lieblingspublikum.
Und was für einen Empfang diese Menschen uns bereiten, da stockt der Atem.
Ein irrer Anblick und ein ohrenbetäubender Begrüßungsjubel macht uns den Einstieg so leicht, daß wir allesamt auf Milch schwimmen.
Dieses Konzert wird ein exorbitant schönes. Da macht es auch nicht soviel, daß der Balladenteil es anfänglich etwas schwer hat, viele kennen uns eben nur vom Open Flair, wo wir bislang ausschließlich
Partyprogramm spielten. Vielleicht ändern wir das ja mal.
Bei den lauten Nummern wird auf jeden Fall enorm mitgemacht, mitgelacht aber auch, denn wir sind heute wieder ziemlich spontanausfallsmäßig unterwegs.
Es gibt so viele Kleinigkeiten, die passieren und uns die Lachtränen in die Augen treiben, ein Fest: Obs nun wilde Wortgefechte auf beiden Seiten der Bühne sind oder spontane Umreimereien, die Hörerinnen hier sind voll am Start und lassen das E-Werk leuchten!
So verfliegt die Zeit und plötzlich sind wir durch und noch gar nicht müde.
Sehr gerne geben wir all unsere Zugaben und noch mehr, dafür kriegen wir aber auch – in Reminiszenz an unseren Open Flair Stromausfall, den kompletten Herzblatthubschrauber vom Publikum accapella gesungen, bevor wir uns sehr gerührt und begeistert mit Kartetov verabschieden. Natürlich nur von der Bühne, rasch mischen wir uns unter das Publikum, wo noch diverse nette Unterhaltungen auf uns warten, diverse Prostereien und Lächelaustäusche.
Ein wunderschöner Abend, einfach mhmmm.
Da mich aber eine miese Müdigkeit überkommt, muß ich leider die Möglichkeit, noch in einer Raucherkneipe weiterzufeiern, ausschlagen und fahre mit Burger zum Hotel.
Gut zu wissen, daß meine Kollegen mehr Sportsgeist an den Tag legen und mit Sicherheit noch just – während ich diesen Bericht schreibe – im „Hemingway“ die Gläser klirren lassen.
Eins ist versprochen: beim nächsten Mal mach ich mit! Denn Eschwege ist Homezone und zuhause ists am schönsten.
Grönkwömmm...

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