Tourtagebuch

Kufa *Ausverkauft*, Krefeld

21. Feb. 2010

von Totte

Wenn ich Kaffee will, will ich Kaffee! Da bin ich eisern! Ich will nicht von Prinzipien reden, das wäre wohl ganz schön übertrieben, ich meine, ich rede hier nur von Koffeinzufuhr. „Prinzipien!“ rufe ich laut heraus, „Pah!“
Eigentlich rufe ich in Wirklichkeit überhaupt nichts, weil: Ich will Kaffee!
Warum sollte ich da rufen? Ich lauf lieber rasch zum Hotelfrühstück, denn auf Tour ist die Welt ja gezuckert und alles immer vorrätig.
Der Hotelmensch ist sehr zuvorkommend, japsend deute ich auf die Thermoskanne und hechele: „Da da bitte. Fürs Zimmer,“, setze ich noch nach, da ich gerne im Bett koffeiniere, „okay?“
Aber ja, lächelt der Mann und verschwindet für eine kurze Weile, bevor er mit einer Minimalkanne der Sorte „Draußen nur Kännchen“ zurückkehrt.
Fassungslos schaue ich ihn an, die große Thermoskanne in der Hand.
„Ach die wollen Sie?“ fragt – nun seinerseits fassungslos – der nette Mann.
Soviel Fassungslosigkeit am Morgen macht mich fassungslos, ich verweigere jeden weiteren Dialog und entschwinde von mir selbst peinlich berührt gen Zimmer.
So – Interruptus: Obige Zeilen sollten mal den geistigfen Umnachtungszustand nach einem Konzert um 3 Uhr morgens verdeutlichen, wenn man allen Widrigkeiten zum Trotz versucht, schnell noch einen witzigen Bericht zu schreiben, bevor die Augen komplett zufallen: Kaffee, Kaffee, Kaffee.
But weiter im Text:
Wir fahren nach Krefeld.
Die eigentlich moderate Strecke von etwa 250 Kilometern zieht sich derart ewig, daß ich mir von den Rastentoilettengutscheinen ein komplettes Neon-Magazin kaufen kann. Die Themen sind komplex und die Stuhlgangprovision locker wert.
Weniger wertvoll die Inhalte der BILD am Sonntag: Einer aß den Killerkäse, Semmelrogge fährt bekifft Auro, Westerwelle ist böse und Bill Kaulitz neu bühnenbekleidet. Ein DSDS-Star zeigt seine Suizidnarben (auf dem Photo nicht zu erkennen), eine mir nicht näher bekannte Dame ihre Oberweite (auf dem Photo gut zu erkennen).
Klar, das man nach diesem Informationsflow bei Ankunft völlig meschugge dem Bus entsteigt.
Hallo Kufa: Das Team um Marcel ist uns bekannt und supernett, Lizzy und Geli haben vor Ort schon wieder organisiert, Tourmanagement ist super!
Wie müde verdrehen eigentlich die zwei Leser der Berichte inzwischen die Augen, wenn ich erneut die Phase zwischen Ankunft und Abrock beschreibe? Käsebrötchen, Soundcheck, Zigaretten und Warten?
Dazu mal eine Frage: Wenn Ihr ganz tief in Euch reinhorcht: Jeder Job hat doch seine Pausen, und die werden doch mit Sicherheit auch nach sehr routinierten Mustern verlaufen, d’accord?
Eben.
Ach ja, es ist übrigens auch heute ausverkauft – wie cool fühlt sich das an? Ziemlich, um ehrlich zu sein...
Der Club füllt sich drum recht schnell und die Euphorie ist schnell hörbar.
Was dann aber kommt, toppt die Vorfreude:
Die Kufa bebt schon bei den ersten Tönen. Und es wird noch besser.
Heute haben wir aus Spaß mal unsere Sitzordnung neu gelost, das wirkt stets Wunder, wenn man mal ein Konzert vom nicht angestammten Platz genießen kann, die Rourtine ist dann komplett ausgelöscht. Wir sind richtig gut gelaunt und klopfen uns die Ansagen nur so um die Ohren, das Publikum ist ein Hammer und Teddypard ist heute ebenfalls on stage (allerdings nicht so ganz sein Ding, wie er uns später mit müden Raubtieraugen gesteht). Das erste Set vergeht absolut zeitraffergemäß.
Eine kleine Neuerung hat sich auch heute eingeschlichen, wir spielen den Pianisten meiner Band Intelligenzia, was mich im Vorfeld extrem nervös gemacht hat, denn es ist ein Lied der spezielleren Sorte. Macht aber tatsächlich richtig Spaß. Premiere geglückt.
Heute ist Fred der Freestyleking, er dichtet eine Spontanstrophe zu Selbstvertrauen und – ach, mein Herz glüht.
Schrob ich doch gestern von Eschwege als Homezone, merke ich immer wieder, daß wir inzwischen über soviele Heimaten verfügen, da können sich lokalpatriotische Tellerrandducker mal eine Scheibe von abschneiden. Es ist ein herrliches Miteinander. Punkt!
Die Meerbuschergang beschenkt uns mit einem wunderschönen Bild, die Leute lächeln und der Gesangespegel ist ohrenbetäubend.
Grandioser Abend, dem wieder mal die Worte von allein vor Verblüffung ausgehen. Immer diese Superlativen! Warum seid Ihr bloß so spitze, Ihr MonsterhörerInnen? Da müssen die Berichte ja geheuchelt werden, doch ich schwöre: Wir finden Euch wirklich so wundervoll – man muß Axiome aussprechen, wenn man sie erkannt hat!
Wir bekommen heute die längsten Wunderkerzen der Welt zu sehen, einen Sitzpogo, der sich gewaschen hat und spielen uns gegenseitig die Bälle zu. Perfekt, möchte ich sagen. 1000 mal Dankeschön!
Leider schaffen wir es nicht mehr, dem, Geburtstagskind Kerstin (Happy Birthday an dieser Stelle) ein Ständchen zu singen, denn sie hat erst nach Mitternacht Geburtstag, und da sind wir schon im Getümmel, im Backstage und an der Bar. Überallk Musik: Im Raum, in der Luft, in den Herzen. Und nochmal: Musik.
Der Abend dauert noch eine ganze Weile an, dann ruft das Garden-Hotel, ein Ort mit Monstervetgangenheit: Hier haben wir tatsächlich diverse Male Rocknrollklischees im Miniformat leben lassen. Meist versehentlich, aber es gibt eben Karmastätten, deren Aura sich von Jahr zu Jahr fortsetzt. Beim letzten Mal musste Burgers Haftpflicht das Karmakonto ausgleichen. Hoffen wir auf Besserung.
Auf dem Weg zum Hotel weiter ausgelassene Stimmung: Den Bus laden wir so bescheuert wie lange nicht mehr, im Bus rezipieren Teile von uns permanent steigernd und sehr nervbelastend eine schöne Satzkonstruktion, die geschrieben nicht die Hälfte der Wirkung erzielen könnte, im Hotel wieder die heftigste Fahrstuhlsituation der Welt: Ein Klaustrophenkasten, der uns in Zweierpacks erstmal in den zehnten Stock gondeln muß, bevor wir an der Rezeption von der sehr netten Nachtportiersdame in einen noch kleineren Fahrstuhl geführt werden, der uns wiederum in den achten Stock und somit zu den Zimmern führt: Oh, die sind ja renoviert...

... Forstetzung folgt bestimmt!

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