Tourtagebuch

Moritzbastei *Ausverkauft*, Leipzig

25. Feb. 2010

von Totte

Berlin ist in heute in strahlenden Sonnenschein getaucht: Schön, schön, schön. Ein klein wenig hirnverdumpft bin ich durchaus, das Telefoninterview, das ich zu zu führen habe, wird dadurch leider nicht gerade unterhaltsamer:
Ja, wir sind eine Liedermacherband, nein, wir wechseln unsere Besetzung nicht, ja, klar streiten wir uns auch auf Tour.
Ich brauche Kaffee. Wieder mal. Der aufmerksamen Hörerschaft dürften die – nur in Nuancen unterschiedlichen – Wiederholungen langsam ebenso auf den Zeiger gehen wie mir. Was folgt, ist: Die Berichte werden kürzer und öder und dabei macht alles in der Realität noch ziemlichen Spaß.
Die Autofahrt glänzt vor allem durch einen Veggie Whopper, daran kann man den Zerschossenheitsgrad der Band recht gut abmessen.
Keine Musik im Bus, kaum Gespräche, dafür aber diverse Kippenpausen.
In Leipzig haben wir tatsächlich über ein Jahr nicht mehr gespiewlt, unbegreiflich, wenn man bedenkt, daß die Konzerte dort immer schon exorbitant schön waren.
Die Moritzbastei ist ein labyrinthenes Gezwirbel, unser Verantwortlicher vor Ort Sebastian sehr nett, und wir guter Dinge. Nur der Soundcheck zieht sich heute in die Länge, zudem spielt auch noch unser Freund und Kollege Bruno Kolterer (mostupsetman.de) auf, was natürlich noch mehr Zeit in Anspruch nimmt.
Aber dafür schön, Bruno ist ein supernetter Typ mit tollen Liedern, zudem gibt es aufgrund des eher schwer nachvollziehbaren Vorbestellungssystems der Moritzbastei erhebliche Koordinationsschwierigkeiten an der Kasse. Viele Menschen müssen warten, was uns leid tut.
Tatsächlich ist dann der Club wieder ausverkauft, coole Tour, diese!
Bruno startet und ernet sehr verdienten Applaus, seine Songs zwischen Chansons und Rock stoßen auf offene Ohren.
Dann Monsters:
Na gut, die Sache mit der Ouvertüre geht heute etwas in die Hose, das Licht will nicht leuchten, also im Dunkeln auf die Plätze stolpern. Aber was solls.
Das Piublikum ist jedenfalls voll bei der Sache, und der Abend kriegt schnell einen guten Drive. Wir sind durch die Tour inzwischen ziemlich aufeinander eingespielt, was dem Tempo des Konzerts sehr zuträglich ist, vielleicht fehlt es uns heute ein klein wenig an spontanen Ausbrüchen; dennoch: So ein straightes Rockkonzert hat auch wirklich was für sich.
In der ersten Reihe sitzt eine Abordnung junger Männer, die –so euphorisch wie besoffen sind, und dadurch ein bißchen sehr aufgedreht und unruhig sind. Nach deem Auftritt werden die Clubmitarbeiter unter der Bühne vor deren Plätzen ein gigantisches Gläserreservoir vorfinden, aber das verwundert wenig.
Dafür ist aber der Rest des Publikums locker in der Lage, zwischen Totaldurchdrehen und stillem zuhören umzuschalten, so wird der Balladenteil zu einem berauschenden Fest.
Vielen Dank!
Zum Zugabenteil dann standing Ovations und wildes Sitzgepoge, hervorragende Geschichte, absolut.

Was blöd ist, ist vornehmlich die Tatsache, daß auch an dieser Stelle der Berichte alles immer nach Repetition klingt, die Vokabeln ausgetauscht, der Inhalt gleich. Aber nein, wir nutzen kein Textprogramm mit diversen Puzzleteilen, die wir dann zusammensetzen. Alles wird Wort für Wort stets aufs Neue geschrieben, aber in sieben Jahren vor einem fast durch die Bank weg tollen Konzerten muß eben der Eindruck entstehen, hier würde nur mit Copy and Paiste gearbeitet. Kann es ein schöneres Luxusproblem für Musiker geben, als die Not, daß der Begeisterung über alles langsam die Synonyme ausgehen?
Leipzig war einfach wieder toll, und wären wir nichtlangsam etwas unterschlafen, wären wir auch zu gerne der Einladung unseres Leipziger Lieblingsladens „Stoned“ gefolgt, um dort bei Spirituosen und Punkrock den Abend um unbestimmte Zeit auszudehnen.
Aber es wird einfach Zeit, auch mal vernünftig zu sein, und Genesungsruhe einzufordern.
Wir machen noch etwas Merch, unterhalten uns mit netten Menschen (by the way: jetzt kann ich Lochkäsehirn mir endlich den Namen merken, Frances, scusi für meine latent bestehende Vergeßlichkeit), dann Abbau und Fahrt.
Vorher allerdings müssen wir uns noch von Urs verabschieden, der hier sein Tourende hat, da in Hannover eine weitere Verpflichtung tontechnischer Kunst auf ihn wartet. Urs, we miss you jetzt schon! Ein dreifach Tusch auf diesen Helden der Soundwelt! Das meine ich genauso, wie es hier steht. Auf bald.
Ab morgen stößt glücklicherweise Claudio dafür zu uns, der seinerseits ebenso ein heroischer Tonmaestro ist. Am coolsten wäre es sowieso, alle könnten immer dabei sein, denn dann erst wäre der Haufen wirklich komplett. Mit „alle“ meine ich übrigens auch unsere Februartourmanagerinnen Lizzy und Geli, die uns sehr ans Herz gewachsen sind. Die Vorstellung, daß wir das alles ab April wieder selbst werden machen müssen, macht mich jetzt schon ganz grantig. Je größer der Troß, desto lustiger, soviel steht mal fest.
Da im Hotel das Rauchen auf den Zimmern mit Erschießung, wahlweise 50 Euro Strafe belangt wird, finden wir uns noch auf ein letztes Kippchen und Bier in der Hofeinfahrt neben dem Hotel ein, wo wir Tenniegangstamäßig rumlümmeln und in die Überwachungskamera winken, worauf die Gegensprechanlage permanent knacksend seltsame Laute von sich gibt. Obwohl Gangsta, werden wir nicht verhaftet sondern verschwinden unbehelligt in unseren Zimmern, wo ich beim Zähneputzen einen kurzen Panikanfall kriege, weil Börnski den Fernseher angeschaltet und ein Programm mit einem röchelnden Mann erwischt hat, worauf ich das Röcheln ihm zuorne und in Sorge um den Zustand des Haudegens zum Nachschauen m,ehr schlittere als laufe. Puh, der Panik folgt eine erlösende Lachattacke, der wiederum eine Akte X –Folge folgt. Folgenlos, denn wir sind längst entschlafen.