Tourtagebuch

Zeughaus, Passau

19. Apr. 2010

von Totte

Carrambissima!
Ein Bericht, der derart energiegeladen beginnt, läuft Gefahr, an Fahrt zu verlieren. Also Obacht, i’ll give my best:
Wakey, wakey in Nürnberg, ein Einzelzimmer ist gut zur Launeverbesserung. Dummerweise bin ich gestern zu RTL-Beschallung eingeschlafen, jetzt krähen mich unglücklich aggressive Menschen aus sozialen Brennpunkten in die härteste aller Realitäten. RTL berichtet objektiv und fair, gerade so, wie man es vom Helfersender Nr.1 kennt und schätzt. Die römischen Zirkusspiele waren mit Sicherheit ähnlich gestaltet. Heute werden die Gladiatorenkämpfe als Infotainment bezeichnet, der soziale Notstand zur moderaten Spielwiese umfunktioniert. Isn’t it barbaric?
Da steht man dann auch um so lieber aus, um der Haßflut zu entkommen und freut sich darauf, seine Kollegen in die Arme zu schließen.

Wir fahren heute nach Passau, eine wunderschöne Stadt, die Flüssetechnisch geradezu dekadent beschenkt wurde: Donau, Ils und Inn fließen gemächlich umher und die Sonne scheint auf alle. Auch die Stadt an sich ist an Schönheit schwer zu überbieten.

Einziges Monstermanko ist, daß´wir hier noch nie ein Clubkonzert gespielt haben und äußerst berechtigte Sorgen bezüglich der Zuschauerzahl haben müssen. Aber – whatever – letztlich sind wir Liedermaching, warum also immer in Pseudorockstardimensionen denken. Tut uns auch mal gut.

Das Zeughaus, heutiger Austragungsort, ist sehr schön – warum der Passauer Ästhetik ins Handwerk pfuschen? – und die Crew supernett. Im Backstageraum gibt es schmackhafteste Verköstigung und die Laune ist äußerst entspannt. Da kann uns die eher maue Vorverkaufszahl von 23 Tickets auch nicht aus der Bahn werfen. Da zudem der Sommer hier scheinbar etwas früher ausbricht, stellen wir uns eben auf einen sehr gemütlichen Abend in familiärer Atmosphäre ein.

Zuvor aber kurze Pensionsbesichtigung und Stadtbummel. Börnski und ich latschen los und finden die Stadt wundervoll, einzig häßlich die riesige Mall in der Fußgängerzone. Wir spazieren etwas weiter und entscheiden uns kurzfristig für Schuhkauf. Glücklicherweise liegt gleich an der Fußgängerzone eine schmucke Mall, also nichts wie hin, mit Tunelblick an etwa 300 Schuhgeschäften vorbei und rein in den Konsumtempel. Anschließend ein Kaffee in einem Biergärtchen und schon ist es Zeit für den Soundcheck.
Der Soundcheck übrigens verläuft ebenfalls sehr laid back, wer nicht checkt, kickert, liest oder läßt sich die Sonne auf den Bauch scheinen.
Danach leckere Spinatlasagne und Salat und der Dinge harren, die da heute kommen. Bzw. ob sie überhaupt kommen: Letztlich finden gut 50 Monsterinteressierte den Weg ins Zeughaus, aber die haben es in sich:

Unser Konzert wird ziemlich schön. Bei aller Bescheidenheit muß ich zum besseren Verständnis erwähnen, daß wir ja inzwischen einen sehr schmeichelhaften Zulauf bei unseren Konzerten haben, da kommt eine Publikumszahl im mittleren zweistelligen Bereich eher sehr selten vor. Aber gerade solche Abende versprühen einen ganz besonderen Charme, man kann exakt jedem Zuschauer ins Gesicht sehen, man erkennt viel mehr Details als in randgefüllten Clubs und überhaupt. Wir sind in richtig schön alberner Spiellaune. Außerdem kennen viele Menschen heute kaum einen unserer Songs, das erzeugt auch bei ältesten Stücken stets eine ganz andere Art Power. Alles wird dadurch wieder viel textlastiger, denn die Pointen finden so wieder zu ihrer Ursprungsfunktion. Überhaupt, wir reden viel auf der Bühne, sowohl untereinander als auch mit den Leuten, die allesamt aber ebenfalls ordentlich Power haben und enorm bereitwillig mitmachen.

Sehr sehr schön, das alles. Liedermaching in Reinkultur!

Besonders wuchtig kommen heute unsere Konfettibomben zum Schluß, den heute wird damit im Grunde das ganze Publikum zugeschossen. Sieht richtig riesig aus.
Nach dem Konzert sind wir sehr gelöst und weiterhin albern, dafür kehrt aber auch ein Teil der Monsters die Konfettiflut wieder zusammen, um dem Zeughausteam wenigstens etwas unter die Arme zu greifen. Sometimes you got to steig runter from the Olymp, ne pas?
Essen, trinken, reden, wir erfahren, daß Passau in Sachen Livekultur seit jeher ein schwieriges Pflaster ist und wir sehr gerne wiederkommen dürfen. Ja, das wollen wir gerne tun, wir prosten freudig und prusten albern, denn das Konzert hat seine Magie noch nicht verloren.

Wir bleiben noch gerne, Lichtmann Arne besiegt beim kickern alle Monsters absolut vernichtend, führt uns aber als guter Gewinner mit Freundin Lena noch in einen schönen Irish Pub namens Shamrock (was ja jetzt nicht unbedingt der außergewöhnlichste Irish-Pub-Name der Welt ist), wo es noch sehr gemütlich und gediegen wird.

Mit einem Bier für unterwegs endet der Abend erst einige Stunden später bei Zigaretten und kalauernden Wortgefechten auf dem Pensionsvorplatz, eigentlich könnte es noch viel länger dauern, würde nicht die Vernunft immer wieder zischelnd darauf hinweisen, daß es langsam mal Zeit für Tiefschlaf wird. Na gut Vernunft: Bistn Querulant. Aber recht hast du leider trotzdem.
Passau, wir kommen gerne wieder, denn ein Anfang ist gemacht. Arigato und auf bald!

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