Tourtagebuch

Röhre, Stuttgart

22. Apr. 2010

von Totte

Hallo Stuttgart: Wir haben gestern unseren freien Tag hier verbracht. Zu strahlendem Sonnenschein konnte man schön durch die Stadt bummeln und im Park diversen Verhaftungen zu sehen. Drei an der Zahl, wie Pensen und Börnski mir berichten. Was ist denn los? Zahlt Benz Provisionen dafür? Mir ist die Stadt jedenfalls zu gefährlich, beschloß ich und verließ das Hotel nur für Pizzaeinkäufe.
Heute startet unser Tag damit, daß wir einmal quer durch la town düsen, um in ein weiteres Hotel einzuchecken. Kaum geschehen, überwinde ich meine Paranoia und mache mit Bölrnski einen längeren Spaziergang durch die nahegelegene riesige Grünanlage, wundervoll. Wir besteigen deinen Turm mit zauberhaften Ausblick über die gesamte Stadt und laufen über Brücken, beobachten ein Eichhörnchen und genießen den Tag.
Der Taxifahrer, der uns zur Röhre bringt, will mir ein Gespräch über Fußball aufzwingen, was mich auch bei besserem Willen nicht zur Kommunikation motivieren könnte, Fachjargongeschlaucht entsteige ich dem Vehikel und freue mich um so mehr, meine Kollegen vor der Röhre begrüßen zu können. Die reden zwar auch oft über Fußball, erwarten aber keine Teilnahme meinerseits.
Ein kleines bißchen hat sich heute der berüchtigte Tourkoller eingeschlichen, alle sind etwas dünnhäutiger als sonst, das schürt Mißverständnisse am laufenden Band und Diskussionen über iel Quatsch. Ist aber nicht beunruhigend, denn das passiert zwangsläufig auf Tour; man ist frei von Privatleben und immer in Gesellschaft. Dabei fallen einem Eigenheiten anderer auf Dauer immer mehr störend auf und das Übersehen fällt stetig schwerer. Der eine hilft nie beim Laden mit, der nächste hört nie zu, wenn was besprochen wird, der dritte rollt zu oft mit den Augen, ein weiterer ißt nur blöde Brote, während ein anderer gefälligst mal leiser undundund. Tourkoller sind im Grunde eine Art Reinigungsvorgang, um aufgestockte Emotionen loszulassen und anschließend wieder befreit durch die Welt gondeln zu können.
Zudem ist der Tag im Grunde iel zu erfreulich, um sich darüber groß Gedanken machen zu müssen. Auch Nils Heinrich schlägt heute auf, um uns supporttechnisch zu unterstützen, da kommt Freude auf. Großartiger Kollege!
Er berichtet davon, daß die Röhre in naher Zukunft wohl einem absolut überteuertem Bahnprojekt des größenwahnisinnigen Mehdorns weichen muß und darum stets Demonstrationen stattfinden: Unterstützenswert, drum informiert Euch am besten bei Bahn 21.
Wir checken den Sound, sitzen rum, lesen, trinken Kaffee und essen enorm scharfe indische Takeawaygerichte, die die Speiseröhre erbrennen und die Hälse freilegen. Gut bei Erkältung, das ja.
Wetter und Wochentag konnten es auch nicht verhindern, daß wir heute mit 270 Zuschauern einen neuen Stuttgartrekord aufstellen, ein Wahnsinn ist das alles wieder.
Nils wird von Börnski angesagt und entert die Bühne beeindruckend: Im Nu hat er die Leute im GRiff und rockt alles zu Brei. Grandiose Lieder über Essen, Lactoseintoleranz und seine Herkunft lassen lautes Gelächter in der Röhre erschallen. Very wonderful!
Jetzt geht’s los: Wir monstern uns ein und es geht komplett in die Hose. Auweia, wir als abergläubige Traditionsfolger haben nun einen Grund mehr uns Sorgen zu machen.
In der Tat werden wir uns im Laufe des KOnzerts auch etwas häufiger verspielen als gewöhnlich, aber das fällt kaum störend auf. Denn der Abend wird – dem Vorzeichen zum Trotz – ein enorm exquisiter.
Das Publikum ist extrem am Start, beinahe unheimlich gut drauf, spielt unglaublich gut mit und wir sind ab dem ersten Lied in absoluter Bestlaune. Stets erstaunlich, wie weggeblasen jeder Streß und jede Querele sind, sobald wir die Bühne entern.
Das Konzert macht höllischen Spaß und die Balladen erzeugen wahre Gänsehautschichten. Doch besonders abgehmäßig ist Stuttgart eine Bank: Der Club bebt und die Wogen der Sympathie gleiten beinahe sichtbar durch den Raum. Puh, wow!
Wir sind zudem in Quassellaune, lustvoll quatschen wir durchs Programm, eine Wonne sondergleichen.
Leider können wir nicht alle Liedwünsche erfüllen, aber das werden wir definitiv nachholen, versprochen.
Der Pogo ist großartig, das Mitklatschen ohrenbetäubend und die schwenkenden Arme zaubern Glanz in unsere Augen.
Vielen Dank, Stuttgart, das war einfach sehr, sehr toll.
Natürlich bleiben wir nach dem Konzert noch eine Weile am Merchandisestand, unterhalten uns hier und da mit netten Zeitgenossen und genießen unser Dasein als Liedermonster sehr.
Erst beim späteren Einladen des Busses erreichen uns noch leichtere Ausläufer des Tourkoller, denn der eine lädt nie mit ein, der andere hört nie zu, der dritte rollt die Augäpfel und ein anderer soll gefälligst endlich mal aufhören, diese blöden Brote zu essen.
Recht zügig fahren wir zum Hotel, um ja von keiner Polizeistreife angehalten zu werden, denn Stuttgart macht diesbezüglich doch eher paranoid. Sagte ich das schon? Teddypard und Mr. Pipp verprechen aber mit stolzgeschwellter Brust, daß sie den Bus auch gegen Exekutien verteidigen und alle einfach auffressen werden, die sich unbefugt unserem Reisegefährt nähern werden.Ganz glauben können wir das zwar nicht, doch wer weiß? Stille Wesen sind tief oder wie das heißt.
Im Hotel gibt es wohl einige Partyzimmer heute, nichtsdestotrotz verkrümeln Börnski et moi uns recht rasch auf das unsere, essen Kilos an Milky Way und genießen actiongeladene Filme über Mumien und Teufelsbeschwörungen.
Ein perfekter Abschluß eines grandiosen Konzertabends. Vielleicht wenig glamourös, but Glamour ist was für TV-formatierte Kurzzeitstars. Und uns wird’s lange geben, Tourkoller hin oder her. Was bleibt, ist sowieso immer Freude.

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