Tourtagebuch

Multihalle, Meiningen

28. Sep. 2012

von Rüdi

Fred hat mich gerade erst geweckt, es ist 20 Uhr und ich stehe wie ein Schluck Wasser im Backstage und kaue mein Frühstück. Man hat entschieden, mich ausschlafen zu lassen. Ich war die letzte Woche mit „PanneBierhorst“ auf Tour, wurde heute morgen nach einem Konzert mit Abschiedsparty in Flensburg von zwei netten und hilfsbereiten Mädels nach Hamburg zum Nightliner gebracht und hab dort bei der Wiedersehensparty den Absprung ins Bett verpasst. Am frühen Nachmittag machte meine Anwesenheit keinen Sinn mehr, da mein Genuschel mittlerweile von niemandem mehr entschlüsselt werden konnte.
Und jetzt stehe ich hier, gleich geht unser Konzert los und ich fühle mich nicht unbedingt wie eine Person, die dringend an die Öffentlichkeit gezerrt werden sollte. Um mich herum sitzen und laufen nette und alte Bekanntschaften wie unser heutiges Vorprogramm, „Prinz Chaos“ und Bastian, unser Veranstalter, denen ich aber im Moment noch gar nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen kann. Es ist einfach noch zu früh, es ist doch gerade erst Morgen.
Im Saal hält der Bürgermeister von Meiningen eine kurze Rede über „Würde und Toleranz“, denn unter diesem Motto soll der heutige Abend beispielhaft stehen. Dann wünscht er den Gästen einen vergnüglichen Abend, Bastian kündigt seine Durchlaucht „Prinz Chaos II“ an, dem die ersten 20 Minuten gehören. Der „Prinz“ wird nämlich in Kürze abendfüllend in Meinigen Audienz gewähren und nutzt die Gelegenheit, seinen Besuch schon mal vor Ort anzukündigen.
Dann betreten wir die Bühne der Multihalle – ich zum ersten mal heute, denn ich war ja noch nicht mal beim Soundcheck dabei. Ein merkwürdiges Gefühl. Aber die versammelte Gemeinde macht durchaus ein schönes Gefühl daraus. Die Meininger Multihalle entpuppt sich nicht nur als außerordentlich würdig und tolerant, sondern sie verwandelt sich überdies in einen Ort der Kreativität und Aufmerksamkeit. Respektvoller als hier kann man nun wirklich keine Wünsche mehr an eine Band herantragen: Die Meininger schreiben sie nämlich auf ein Blatt Papier und schicken sie dann per Flugpost auf die Bühne. Und sie haben Laternen gebastelt, die sie uns zu Recht stolz präsentieren. Oder sie verkleiden sich als Häschen. Sie schwenken Monsters-Fahnen und Wunderkerzen, sie erfinden Chöre, gründen Ruderbootsmannschaften und machen aus dem Abend sehr viel mehr, als das Motto vorgibt. Wir sind im „House of love“! Da stört es dann auch nicht wirklich, daß vereinzelte Fotographen noch nicht wissen, daß man Fred auf keinen Fall und niemals von der linken Seite knipsen darf und daß hier und da vielleicht ein Schnaps zu viel durch die Wolf-Gang geflossen ist. Wir feiern Wiedersehen mit längst verschollenen Liedern wie „Carola“, auch das Winkekätzchen ist wieder mal da, Totte gibt Geschichtsunterricht in Sachen „Gitarrensoli“ und ich zwänge bei unserer Modenschau meinen Astralkörper in ein Girlieshirt, Größe „S“, was ich niemals tun würde, wenn ich nicht sehr gut gelaunt wäre und wüsste, daß wir ja nur unter uns sind.
Zum Glück vergessen wir auch nicht, unserem Veranstalter Bastian zu huldigen, den wir sehr schätzen und der – wie wir finden – ein tollen Job macht in diesem Ort.
Erst recht wird uns das klar, als wir Stunden nach dem Konzert in unserem Nightliner sitzen und mit einem Getränk in der Hand die Schar an Leuten beobachten, die die Bühne und die Lichttrassen abbauen, die Kabelkisten und Container in den Truck wuchten und die Halle fegen. Da kommt fast schon ein wenig schlechtes Gewissen auf, wenn man sieht, wie viel Aufwand hinter so einem Abend steht. Es gibt so tolle Leute und an diesem Abend waren ganz viele davon hier in der Multihalle zu Meiningen.
Würde und Toleranz?
Mehr als das!
Wir bedanken uns auf herzlichste und verneigen uns vor euch!

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