Tourtagebuch

Station Rock Club, Adenau

24. Apr. 2005

von Totte

„Wir warten auf die Lindenstraße, denn mehr ist heut’ nicht drin!“
(Die Frohlix, Das Lied zum Sonntag)

Ja, ja, die Sonntags-Gigs: stets eine extrem unsichere Sache. Wer geht schon Sonntags aus? Entkräftet von den Strapazen der letzten zwei Tage, muss sich der Körper auf den Alltagsterror der nächsten Woche einstellen, für dreieinhalb Stunden Monstergetöne fehlt da vielen der Sinn.
Nichtsdestotrotz ist heute ein schöner Tag voll wonniger Erwartung, denn vor unserem Konzert haben wir noch das Vergnügen, den ehrwürdigen Godfather of Gitarrengeklampfe, Götz Widmann zum Kaffee zu besuchen.
Frohgemut geht’s auch früh los, nicht ohne Adrenalinkicks der besonderen Art, denn noch gestern befahl die neue Monstermajestät Lambada, einen geziemenden Umhang zu organisieren. Das Ibis-Hotel verfügt über großartige grüne Vorhänge, die in Form und Stofflichkeit exakt auf Königsschultern passen.
Noch nächtens haben wir in stundenlanger Feinstarbeit nach deren Vorbild eine genaue Kopie geschneidert, die ein Lakai, sein Name ungenannt, nun in seinem Koffer unter Schweißüberproduktion aus der ehrwürdigen Nachtstätte trägt, denn just bei Verlassen des Zimmers stürmte bereits die Putzkolonne herein. Und wer hätte ihm schon geglaubt, dass der Umhang aus eigener Herstellung ist, gerade wo in besagtem Zimmer ein Vorhang fehlte?

Von der Obrigkeit unbehelligt jedoch verlassen die Monsters Dortmund und geraten in einen Stau, der sich gewaschen hat. Warum Sonntags ein solcher Stau vorherrscht? Weil gestern irgendein Boxkampf Heerscharen blutdurstiger Zuschauer gen Dortmund gezogen hat, die nun alle – so wie wir – die Hotelzimmer räumen mussten.
Im Bus machen sich Spekulationen breit, was alles gestern Nacht hätte passieren können, denn wir testeten noch eifrig Burgers Elektroroller auf den Shining-mäßigen Fluren des Hotels, und das auch nicht unbedingt leise. Monster vs. Muskelprotze? Na, zum Glück ist nichts passiert.

Götz geht nicht ans Telefon, dafür aber Constantin Gabrysch, sein Mitbewohner, Freund und Produzent, ein verdammt netter Kerl, der uns darüber aufklärt, dass es gestern zwar spät geworden ist, aber pünktlich zu unserer Ankunft der Kaffee bereitstehen würde.
Wir kaufen noch Backwerk ein und schon sind wir da.
Die Sonne scheint, der Kaffee ist fertig, Götz inzwischen wach und wir genießen einen lauschigen Nachmittag im Innenhof des Widmann/Gabryschen Innenhofs, erstellen neue Setlisten und Pensen schießt noch das beste Königsphoto ever.
Zwar läuten die Glocken recht bald zum Aufbruch, aber der Trennungsschmerz hält sich in Grenzen, denn sowohl Götz, als auch Constantin wollen dem heutigen Konzert beiwohnen.

Die Fahrt zum „Rock Station Club“ ist unspektakulär, erste Biere werden geöffnet, ein bisschen Old-School-HipHop gehört, der König verlangt, „Ich packe meinen Koffer“ zu spielen, entbindet mich aber glücklicherweise von dieser Verpflichtung.

Der Club ist sehr cool und der Veranstalter ist mir noch von einem Schröders-Gig in bester Erinnerung, bzw. etwas schwammig ist die Erinnerung schon, aber gut.

Wir laden aus, bauen auf, begrüßen J.R., der heute sein erstes Konzert dieser Tour erleben wird (der Mensch kommt aus Dresden und hat per Ebay ein Wohnmobil für einen Euro ersteigert, um unsere Tour ein paar Konzerte lang mitzuverfolgen – gibt’s denn so was?), der Soundcheck ist etwas unkoordiniert, leider erfahren wir auch, dass der Club Sonntags für gewöhnlich gar nicht geöffnet hat, was uns wohl einige Besucher kosten wird.
Pensen und Burger stecken solche Infos immer sehr profimäßig weg, Lambada und Rüdi sind diesbezüglich verschlossene Bücher für mich, Fred und ich aber gehen in solchen Fällen aber immer allen schwer auf die Nerven, denn wir neigen dazu, uns in Negativerwartungen gegenseitig hochzuschaukeln.

Ich fahre zur Nervenberuhigung etwas Elektroroller, was mich zwar gar nicht beruhigt, aber Appetit macht. Nicht verkehrt, denn es gibt leckere Riesenpizzen, die zu verschmähen ein Unding gewesen wäre.

Der Konzertraum ist glücklicherweise sehr klein, so wirkt er trotz der tatsächlich äußerst spärlichen Besucheranzahl gut gefüllt, Götz und Constantin sind auch schon da und das Konzert kann losgehen:

Ich möchte da gar nicht näher drauf eingehen, denn das könnte ich auch gar nicht, denn irgendwer beginnt noch in der ersten Hälfte des Auftritts, Jägermeister zu bestellen, und das Konzert wird dementsprechend. Das muss nichts schlechtes heißen, ich empfehle nur an dieser Stelle: 1. unseren Lübeck-Bericht 2. J.R.s Adenau-Bericht.
Das Publikum macht auf jeden Fall auch gut mit, wir haben Spaß und auch nach der Show ist noch lange kein Ende in Sicht. Wir entschließen uns kurzerhand, auf die Gage zu verzichten und dafür lieber Alkohol zu vernichten. Was für ein Getümmel: Noch viel, viel später hört man wildes Geklampfe an der Theke, Götz ist auch noch da, ähnlich euphorisiert, singt und spielt mit, nur Constantin muss wegen Fahrdienst nüchtern bleiben, macht aber extrem gute Miene zum bösen Spiel, und fährt uns sogar noch frühmorgens zum Rockhotel. Wen er alles fuhr? Ich weiß es nicht mehr. Wann er wen fuhr? Don’t know. Aber dafür gewann er auch permanent am Flipper.
Adenau, das war mein zweiter Aufenthalt und er ähnelte dem ersten sehr. Bedeutet: Gerne wieder!

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