Tourtagebuch

FZW, Dortmund

23. Apr. 2005

von Rüdi

Zum ersten Mal in meinem Leben erwache ich in einer Monarchie. Es ist sehr früh, aber der König möchte heute bespaßt werden und in einem Königreich macht man eben was der König will. Und heute hat der König gesagt, dass er Tretboot zu fahren wünscht. Find ich super, wir haben einen tollen Herrscher – lang lebe König Burger!!
Tatsächlich kommen wir pünktlich los, freuen uns alle auf einen ereignisreichen Tag, auch wenn sich hier und da bei dem einen oder anderen demokratische Grundbedenken einschleichen. Doch auch für solche Begehrlichkeiten hat unser weiser König Burger eine exekutive Maßnahme parat: In Zukunft gedenkt er, jede Aufsässigkeit mit einem kleinen Schlag mit der Fliegenklatsche zu bestrafen, schließlich muss Autorität auch durchsetzbar sein. Und damit sie auch erkennbar wird, muss eine Krone her. Das Volk wird beauftragt, sich in Dortmund darum zu kümmern. Aber erst mal alle einsteigen, die Zeit drängt, Dortmund ist weit, der König will Tretboot fahren!
Wir passieren eine sensationelle Sommerrodelbahn. „Wollen wir nicht da mal runter? Vielleicht statt Tretboot? Immerhin wissen wir ja noch nicht mal, wo ein See mit Tretbooten ist....“ Zum Glück haben wir noch keine Fliegenklatsche, sonst gäbs jetzt einen!
Kleinlaut besänftigen wir unseren Primus durch Absingen seiner Lieblingslieder. Doch plötzlich durchleuchtet seine Durchlaucht ein wahrhaft königlicher Geistesblitz: McDonald! Das Volk soll speisen. Doch was zuerst schon fast profan anmutet erhellt sich bei der Anfahrt zu einem Coup schierer Gerissenheit! Denn es handelt sich natürlich nicht um irgendeinen x-beliebigen McDonald, sondern dieser befindet sich auf der Kartrennbahn eines gewissen Ralf Schumacher höchstpersönlich. Zwei Fliegen mit einer Klatsche sozusagen. Das Volk kann speisen und der König ertüchtigt sich im Wettkampf. Brot und Spiele!
Pensen ist jung genug, sich auf die Gefahr einzulassen und so schlendern die beiden los zur Startaufstellung, während wir auf der Tribüne unsere Plätze einnehmen und unsere Tabletts leer fressen. Dann geht das Rennen los. Wir zittern um die Gesundheit unserer Heroen, doch König Burger strahlt schon in den ersten Runden eine derartige Professionalität aus, dass wir vor Bewunderung gar nicht bemerken, wie sich Hitzkopf Pensen von hinten langsam an den Königsboliden herangeschlichen hat. Plötzlich stockt uns der Atem! Pensen – rotzfrech – fährt mit einem ruckartigen Schlenker aus dem Windschatten und zieht respektlos an seinem Herrscher vorbei!! Eine schockgefrorene Sekunde! Was wird geschehen? Wir sehen schon Pensen mit der Fliegenklatsche ausgepeitscht, aber König Burger sieht mondän und gelassen über diesen Lapsus hinweg. Wahre Größe!

Wir erreichen Dortmund am Nachmittag. Die Aufgaben sind klar verteilt. Fred und Totte besorgen das Königszepter, sprich Fliegenklatsche und Lambada, Pensen und ich begleiten den König zum Mediamarkt, denn heute wird Bandgeschichte geschrieben. Das Leben ist zurzeit zu schön, um nicht für die Ewigkeit festgehalten zu werden, also wurde beschlossen, eine Monsterskamera anzuschaffen, die uns von nun an begleiten wird und alle unsere Eskapaden dokumentieren soll. Ein elektronischer Hofberichterstatter sozusagen.
Auf dem Weg dorthin organisieren wir erst mal eine Krone für den König, die wir stilsicher bei Burgerking bekommen – man möge mir diesen Kalauer verzeihen, aber ich kann ja auch nichts dafür – es ist eben so.
Für den Rest des Tages werden wir unaufhörlich angegafft, egal wo wir auftauchen.
Bei Mediamarkt kommen mir bereits nach wenigen Minuten Zweifel, was ich in dieser Gruppe zu suchen habe. Die Kameras sehen alle gleich aus und können alle gleich viel, nur kosten tun sie unterschiedlich viel, also warum nicht die billigste nehmen und raus aus dem Laden. So würde ich das machen, aber nein, es werden hier noch ein paar Fragen gestellt, dort am Zubehörstand Produkte verglichen und könnte man noch dies mit jenem kombinieren usw usf – ich krieg die Kretze, brauche dringend Coca Cola und Himbeereis und beides gibt es draußen. Ich halte es in solchen Geschäften einfach nicht lange aus. Wäre ich doch nur in der Fliegenklatschengruppe gewesen – so was dauert zwei Minuten.

Lambada begleitet mich auf dem Weg zurück zum Bus und ich zwinge ihm eine Diskussion auf über den Zeit-Kosten-Nutzen-Faktor unseres Daseins, was er brav mit „Jaja“ quittiert.
Am Bus angekommen sehen wir in die zerfressenen Gesichter von Totte und Fred. Es stellt sich heraus, dass ihre Aufgabe, eine Fliegenklatsche zu kaufen ungefähr so nervenaufreibend war, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden – und zwar unter Zeitdruck. Wahrscheinlich gibt es in Dortmund keine Fliegen. Oder dort leben nur Menschen, die keiner Fliege etwas zu Leide tun können. Was weiß ich – jedenfalls haben die beiden Stunden dafür gebraucht, einen 10 Cent Plastikartikel aufzutreiben. In einer Stunde müssen wir im Club sein, wir haben noch nicht im Hotel eingecheckt und jetzt müssen wir uns echt beeilen und der König und Pensen sind immer noch nicht zurück. Schade, nichts gewesen mit Tretboot fahren.

Doch da taucht am Ende der Straße seine Majestät auf. Wir erkennen ihn sofort an seiner erhabenen Krone und der Mediamarkt-Tüte. Gemessenen Schrittes kommt er auf uns zu, blickt uns zufrieden und gütig an und sagt: „Und nun Tretboot fahren!“

In diesem Moment beginne ich zu verstehen, wie Demokratien entstanden sind.

Eine halbe Stunde später sind wir im Club 'FZW', ein für unsere Verhältnisse etwas überdimensionierter 50er Jahre Bau, von innen allerdings bestückt mit allerfeinster Technik, die der dazugehörige Techniker auch vortrefflich einzusetzen weiß, wie wir beim Soundcheck schnell merken. Dann Essen bestellen. Am Kiosk Bier kaufen. Noch ein Essen nachbestellen, weil meins vergessen wurde. Dann Publikumszahl tippen. Essen. Zittern. Rauchen. Gäste zählen. Getippte Zuschauerzahl nach unten korrigieren. Noch mehr zittern. Mit dem Trinken anfangen. Noch mehr rauchen. Monstern. Los.

Das Konzert ist gut besucht, Sensationen sind allerdings was anderes. Wir können aber mit unserem Konzert und dem Publikum und dem ganzen Abend durchaus zufrieden sein. Wir wurden gefeiert und vom Club aus dürfen wir wiederkommen und – der König ist tot, lang lebe der König – Lambada ist unsere neue Majestät. In dem Moment, in dem sein Haupt gekrönt wird und er sein Zepter empfängt, durchbricht eine merkwürdige wunderschöne Lichtsäule den Nachthimmel und lässt König Lambada in der schillerndsten Pracht erstrahlen, die in Zusammenhang mit einer Fliegenklatsche und einer Burgerkingkrone überhaupt vorstellbar ist, dazu Engelsgesänge, Trompeten und das ganze Halleluja. Unaufgefordert und spontan bricht das Monstersvolk in Jubel- und Huldigungsgesänge aus, die der König gerührt entgegennimmt. Dann ab ins Hotel. Es wird feiern befohlen und wir folgen gehorsam und willig bis irgendwann zu nächtlicher Stunde laut quickende Monsters mit einem motorisierten Tretroller durch die Hotelkorridore jetten und in meinem Zimmer ein Fenstervorhang fehlt. Aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein andernmal erzählt werden.