Tourtagebuch

Faust, Hannover

28. Apr. 2005

von Totte

„Ein Monster sprang aus der Toilette.“ (James Ellroy, &Mac226;Die Rothaarige’)

Aufgewacht, nicht bedingungslos ultrafrisch. Für eine Dusche reicht es allerdings noch.
Zimmerkollege Fred und ich irren durch das labyrinthartige, wenngleich wunderschöne Jenaer Hotel, um irgendwann endlich in der (in Bayern würde man sagen: ) „Frühstücks-Stubn“ zu landen und werden sogleich höllisch erschreckt. Der Hotelkoch, noch gnadenlos unterbeschäftigt, erklärt uns lapidar, unser Wagen sei weg. Wir, noch müde und Kaffee-unterversorgt: „Mhm, na so was...“
„Son Bus?“ hakt er nach.
„Genau.“
„Ja, der is weg.“
„Wohin denn?“
„Ja weg eben.“
„Warum denn?“
„Weiß ich nicht.“
Langsam dringt die Info nun in unsere Hirnwindungen. Nachgefragt, woher er das wisse, antwortet er, der Bus stünde halt nicht mehr auf dem Hotelparkplatz. Na, geht doch! Da haben wir ihn ja gar nicht geparkt. Großes Puh und die Atmung setzt wieder ein, und auch der Kaffee kommt nun kannenweise angerollt.
Meiner persönlichen Auffassung nach, sollte der Koch mehr zu tun bekommen. Er kocht bekanntermaßen hervorragend, Parkplatzbeobachtungen sind indes eher nicht seine Stärke. Behalte diese Meinung aber lieber für mich und gehe mir Zigaretten ziehen. Ganze anderthalb Tassen später finde ich die neue Schachtel nicht mehr. So geht das auf Tour dauernd, irgendwas fehlt immer. Glücklicherweise nicht irgendwer, denn die anderen Monster trudeln vollzählig ein. Bierhorst ist König, königlich gewandet, und überhaupt der einzige unseres Haufens, der eine majestätische Aura ausstrahlt. Ich geb’s ja ungern zu, aber ein bisschen hab ich mich vor ihm gefürchtet.
Seine Entscheidung, nun aufzubrechen, ist allerdings weise.
Zwar drängt die Zeit heut keineswegs, aber bei uns dauert immer alles länger, da macht sich ein Stundenpolster nicht übel.
Wir bringen es auch tatsächlich fertig, unseren Bus vom ersten Parkplatz zum nächstgelegenen zu fahren, was etwa 100 Meter Wegstrecke ausmacht, um dann erst mal wieder auszusteigen und intensiv zu überlegen, wie wir nun weiter vorgehen wollen: Noch etwas Jena erlaufen, oder ähnliches später mit Hannover anzustellen.
Knapper Sieg für Hannover.
Auf la Autobahn gibt es keine besonderen Vorkommnisse, soweit ich mich erinnern kann, aber das heißt nichts, denn mein Erinnerungsvermögen ist grundsätzlich eher unterdurchschnittlich. Ich gehe fest davon aus, dass die Stimmung im Bus gekocht hat, Bonmots ungeahnter Klasse mit Verbaljunglagen erster Kajüte abwechselten, von denen man noch seinen Kindeskindern erzählen könnte, hätte ich nicht alles vergessen.
Ich weiß nur noch, dass wir in Hannover mitten im Superverkehr halten mussten, weil diverse Monster dringend ins Internetcafé wollten, bevor wir bei Sonnenschein vorm Faust vorfuhren.
Faust-Warenannahme: ein toller Laden, mit Kinoartigem Sitzplatzaufbau und etwas viel leerem Raum vor der Bühne. Dies ändern wir flugs durch lockere Stuhlreihen, was auf den Veranstalter immens optimistisch bezüglich unserer Publikumserwartung wirken muss.
Der Backstageraum befindet sich gleich hinter der Bühne, was cool für unseren Auftritt ist: Nicht erst mal unter tausend „Tschuldigungs“ und „Darf ich mal kurz...?“ durchs Publikum auf die Bühne latschen müssen – geil. Noch besser: im Backstage ein voller Kühlschrank und leckerste belegte Brötchen. Verpflegungstechnisch haben wir enorm viel Glück auf dieser Tour. Nur Kaffee gibt’s noch nicht, wohl aber eine Maschine, also brühe ich Kaffee auf, während die ersten ihren Soundcheck beginnen, und andere Hackysack spielen.
Was soll ich groß zum Soundcheck sagen? Alles bestens. Und noch viel Zeit bis zum Konzert.
Heute haben wir auch ein Vorprogramm, „Sauziege und Fürst B.“ (www.saufziege.de), ein sehr sympathisches Liedermacherduo aus Hannover, während die beiden nun ihrerseits klangklären, spazieren wir noch in den nahegelegenen Park, um uns erschöpft auf der ersten Parkbank niederzulassen. Rüdi Regierung trägt weiterhin tapfer seine Königsbekleidung, und erstmalig an diesem Tage wird dies mit entsprechendem Respekt registriert. Ein hippiesker Alternativer latscht vorbei, ändert kurz seinen Kurs, tritt vor Bierhorst, drückt ihm Taler in die Hand und sagt devot: „Es passiert ja äußerst selten, dass man den Wegzoll gleich an seinen König entrichten kann.“ Dann entschwindet er unter unseren verwunderten Blicken. Dies soll als Beweis gelten: wenn Autorität nachvollziehbar ist, wird sie auch von Subkulturen anerkannt.

Zurück im Faust aber noch etwas blödes: Die Toiletten sind sowohl vom Backstage, als auch vom Publikumsraum aus begehbar, allerdings nur in den Publikumsraum verlassbar, weshalb Lambada und ich erst mal blöd vor der Glastür rumstehen und auch nicht weiterwissen. Glücklicherweise folgt auch Pensen dem Ruf der Natur und kann uns befreien, im Anschluss konnte dann auch für später eine Lösung unseres Problems gefunden werden. Ist auch ärgerlich, denn unsere Konzerte dauern mitunter recht lang und da wir auch auf der Bühne gerne Flüssigkeiten exotischster Couleur zu uns nehmen, kommt es immer wieder vor, dass mal einer schnell verschwinden muss, um auch weiterhin konzentriert zu rocken. Und gerade hier, wo wir einen so schönen Aufgang hinter der Bühne haben, wäre es schade gewesen, sich dass dadurch zu versauen, dass man nach Gepinkel durchs Publikum zum Geplänkel auf der Bühne zurücklaufen müsste. Na gut, das war keine gute Geschichte, aber wahr.

Kurz vor Konzertbeginn: Pensen moniert die Tocotronic-CD, die als Pausenmusik läuft, durchaus berechtigt, denn zwar mag ich Tocotronic, aber um Partystimmung aufkommen zu lassen, sind die Herrschaften einfach zu jammervoll. Also wechseln wir sie gegen Green Day, und schon schmeckt auch das erste Bier. Dazu ein kleines, objektives Streitgespräch der Monsters über Tocotronic

Konzertbeginn:
Das „Faust“ ist schon ordentlich gefüllt, und wir genießen den Auftritt von „Saufziege und Fürst B.“ aus verschiedenen Ecken, des Konzertraums, in den immer noch Publikum einströmt, darunter auch viele Bekannte und Freunde, wie die Wohnraumhelden (www.wohnraumhelden.de), Babsi und noch mehr.
Saufziege und Fürst B. machen ihre Sache extrem gut und schaffen es sehr schnell, das Publikum zum Mitsingen zu bewegen.
Nachdem die beiden Herren ihre wohlverdiente Zugabe gegeben haben, sind dann auch wir am Start.
Der Unterschied zum gestrigen Jena-Auftritt könnte kaum frappanter sein: Während wir gestern im überfüllten Kellergewölbe des Rosenkellers eine überdrehte Rock’n’roll Show gefeiert haben, ist das Publikum hier schon aufgrund des offiziellen Touchs des Ladens eher ein Zuhörpublikum. Das ist überhaupt nicht abwertend gemeint, verunsichert aber mich zumindest die ersten paar Lieder, denn ich vergleiche immer – was zwar Quatsch ist, aber genauso nicht aus mir rauszukriegen.
Schnell jedoch kommt der Spaß an der Sache, und die Stimmung kann gerechtfertigterweise als spitze bezeichnet werden.
In der Pause rollt der Rubel am Merchandise, an dem uns Bierhorst liebevoll mit Bier versorgt, während wir verkaufstechnisch unser bestes zu geben versuchen.
Die zweite Konzerthälfte unterscheidet sich von der ersten nur insofern, dass sie länger ist, und hier auch der ruhige Programmteil richtig gut ankommt – das ist der Vorteil bei Zuhörpublikum.
Doch auch feierwillig sind die HannoveranerInnen, und wir geben alle Zugaben, die wir parat haben.
Der Merchandise läuft auch nach dem Konzert noch hervorragend.
Endlich, endlich finden wir auch noch die Gelegenheit, zusammen mit Wohnraumhelden-Christoph und seinem Mitbewohner diverse Backstagebiere zu zischen und den vorangegangenen Gig sowie kollegiale Interna zu bequatschen. Ein netter Haufen sitzt da um den Tisch!
Was gibt’s noch zu sagen? König wurde ich, was suckt, drum habe ich kurz vor unserem Aufbruch nach Hamburg Demokratie verordnet, was aber niemand mitbekommen hat, weil mir die Autorität zu regieren fehlt, weshalb ich eben Demokratie ausgerufen habe, was aber niemand...
Danke Hannover, wir wollen gerne wiederkommen.

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